Wiener Stadttempel: Verborgenes Juwel

200-Jahr-Jubiläum
Ausgabe Nr. 17
  • Leben
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Der Stadttempel ist Wiens wichtigste Synagoge und zugleich ein besonderes Bau­juwel: Von außen wirkt er zurückhaltend, im Inneren entfaltet sich ein lichtdurchfluteter, ovaler Gebetsraum mit klassischer Eleganz.
Der Stadttempel ist Wiens wichtigste Synagoge und zugleich ein besonderes Bau­juwel: Von außen wirkt er zurückhaltend, im Inneren entfaltet sich ein lichtdurchfluteter, ovaler Gebetsraum mit klassischer Eleganz. ©Schmidl
Im Herbst sollen die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein: IKG-Präsident Oskar Deutsch und das Architekten-Team Natalie Neubauer und Eric Tschaikner.
Im Herbst sollen die Renovierungsarbeiten abgeschlossen sein: IKG-Präsident Oskar Deutsch und das Architekten-Team Natalie Neubauer und Eric Tschaikner. ©Schmidl
Budapester Marmor soll wieder den Boden der Kanzel schmücken.
Budapester Marmor soll wieder den Boden der Kanzel schmücken. ©Schmidl

Der Wiener Stadttempel wird derzeit umfassend renoviert. Anlässlich seines 200‑jährigen Bestehens wird die älteste aktive Synagoge Österreichs technisch erneuert, behutsam restauriert und für die Zukunft geöffnet.

Das Besondere am Wiener Stadttempel ist, dass er von außen unscheinbar wie ein gewöhnliches Haus wirkt, innen aber als prachtvolle Synagoge gestaltet ist – diese Pracht soll nun bald in neuem Glanz erstrahlen, denn derzeit laufen umfassende Renovierungsarbeiten in Österreichs wichtigster Synagoge. Schon beim Betreten der Baustelle an diesem April-Vormittag liegt feiner Staub in der Luft. Kabel hängen von freigelegten Decken, Putzschichten sind geöffnet, an manchen Stellen blickt man direkt auf das Mauerwerk vergangener Jahrhunderte. Die Sanierung macht die vielschichtige Geschichte des Hauses sichtbar – und den Stadttempel für mehr Besucherinnen und Besucher neu erfahrbar als Ort von Glauben, Erinnerung und Begegnung.

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Wiener Stadttempel: Die Spuren der Zeit sichtbar lassen

Anlass für die Renovierung ist das 200-jährige Bestehen des Gebäudes: Der Stadttempel in der Seitenstettengasse 2–4 in der Wiener Innenstadt wurde am 9. April 1826 eröffnet. Seither wurde die Synagoge mehrfach renoviert und umgebaut. Es ist ein ovaler, lichtdurchfluteter Gebetsraum mit zwölf ionischen Säulen und einer umlaufenden Galerie. Die Gestaltung erinnert stellenweise an ein klassisches Wiener Theater. Charakteristisch ist die blaue Kuppel mit zahlreichen goldenen Sternen (einer dieser Sterne ist übrigens Kardinal Christoph Schönborn für seinen Einsatz im Dialog von Juden und Christen gewidmet). 1938 verwüsteten die Nationalsozialisten den Stadttempel schwer. Nur die enge Verbauung und die Tatsache, dass sich das Archiv mit allen Unterlagen über Juden und Jüdinnen im Gebäude befunden hatte, bewahrten die Wiener Hauptsynagoge während des Novemberpogroms vor der kompletten Vernichtung. 
 

Immer wieder „schöne Überraschungen“ bei der Sanierung im Stadttempel

Ziel ist es derzeit, das Gebäude technisch auf den neuesten Stand zu bringen sowie seine gewachsene Identität sichtbar zu machen. Wie viele religiöse Orte hat sich der Stadttempel im Laufe der Zeit immer wieder in Stil und Ausstattung verändert und wurde mehrmals umgebaut. Statt einen vermeintlichen Originalzustand wiederherstellen zu wollen, habe man sich bewusst dafür entschieden, die verschiedenen historischen Schichten zu respektieren, betont Architekt Eric Tschaikner. Jede Phase habe ihre eigene Berechtigung – und genau diese Vielschichtigkeit solle künftig auch ablesbar bleiben. Seine Kollegin Natalie Neubauer spricht von einer Arbeit, die immer wieder auch „schöne Überraschungen“ bereithalte. Das Gebäude selbst werde gleichsam zum Erzähler seiner eigenen Geschichte.
 

200 Jahre alter Boden aus Budapester Marmor

Tatsächlich brachte die Baustelle bereits überraschende Funde zutage. Unter mehreren Putzschichten wurde ein massiver Steinsockel entdeckt, dessen Existenz man zuvor nicht vermutet hatte. Unter der Bima (Platz, von dem aus die Tora während des Gottesdienstes verlesen wird) wurde ein 200 Jahre alter Boden aus Budapester Marmor gefunden, der verloren geglaubt war. Archivalische Entdeckungen helfen bei der Restaurierung: alte Pläne, Photographien und Dokumente, die aus privaten Sammlungen oder Archiven beigesteuert wurden. So entstehe nach und nach ein dichteres Verständnis dieses besonderen Ortes. Der Wiener Stadttempel, von außen bewusst schlicht gehalten und im Inneren von großer gestalterischer Kraft, ist für Architekt Eric Tschaikner ein „verstecktes Juwel“, das sich erst beim Eintreten in seiner ganzen Tiefe erschließt. 
 

Einblick in jüdisches Leben

Für die Israelitische Kultusgemeinde  Wien (IKG) ist der Stadttempel mehr als ein historisches Bauwerk. Präsident Oskar Deutsch betont, dass er eine „Visitenkarte“ sei – für die jüdische Gemeinde, für Wien und ganz Österreich. Entsprechend groß ist das Anliegen, den Tempel stärker zu öffnen. Künftig soll er noch mehr als bisher ein Ort der Begegnung sein, an dem Besucherinnen und Besucher Einblick in jüdisches Leben erhalten können. Geplant ist, Schulklassen durch das Haus zu führen und kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte zu ermöglichen. Das Gebäude wird zudem barrierefrei zugänglich gemacht, energetisch verbessert und sicherheitstechnisch modernisiert. Fenster, Fassade und Innenräume werden erneuert, ohne den Charakter des Hauses zu verfälschen. Auch ein Infobereich für Gäste und verbesserte Infrastruktur sind vorgesehen.

Wiedereröffnung des Wiener Stadttempels im Herbst

Die Wiedereröffnung ist für den Herbst geplant, rechtzeitig zu den hohen jüdischen Feiertagen. Auch finanziell ist das Projekt breit getragen – durch öffentliche Mittel ebenso wie durch Spenden aus der Gemeinschaft. Gegen einen Betrag kann man sich auch einen Stern am Kuppelhimmel widmen lassen. Zur Eröffnung sind neben religiösen Feiern auch kulturelle Veranstaltungen vorgesehen, die den Stadttempel als lebendigen Ort im Herzen der Stadt sichtbar machen sollen. Weitere Veranstaltungen für Gemeinde wie Öffentlichkeit sind im September geplant: So wird es eine Hachnasat Sefer Tora (hebr. „Einbringen einer Torarolle“) – eine feierliche Zeremonie zur Einweihung der Torarolle – geben. Auch ein Eröffnungskonzert mit Oberkantor Shmuel Barzilai und dem Star-Kantor Shulem Lemmer ist geplant. 

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Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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