Was im Inneren des Agnesleuchters verborgen liegt

Forschungen in Stift Klosterneuburg
Ausgabe Nr. 12
  • Kunst und Kultur
Autor:
Der Agnesleuchter im Stift Klosterneuburg wird derzeit erforscht. ©Stift Klosterneuburg / Hanzmann

Seit fast 900 Jahren steht der monumentale Agnesleuchter in Stift Klosterneuburg – ein rätselhaftes Kunstwerk aus der Gründungszeit des Klosters. Jetzt nehmen Kunsthistoriker und Naturwissenschaftler das romanische Bronzeobjekt forschend unter die Lupe.

Wer heute in die Agneskapelle in Stift Klosterneuburg tritt, sieht ihn im Halbdunkel vor bunten Kirchenglasfenstern aufragen – ein Objekt von beeindruckender Schönheit, aber auch voller ungelöster Fragen: der so genannte, noch aus der Romanik stammende Agnesleuchter. Seit mehr als 900 Jahren hat der Leuchter Kriege, Umbauten und Restaurierungen überstanden. Nun wird er mit modernsten naturwissenschaftlichen Methoden untersucht.

Werbung

Für Stiftskustos Wolfgang Huber ist schon seine schiere Existenz bemerkenswert. „Vergleichbare Großleuchter gibt es fast keine“, erzählt er im Gespräch mit dem SONNTAG. Ein sehr bedeutendes Beispiel stehe im Essener Dom, ein etwas jüngeres im Mailänder Dom. „Aber in dieser Größe und aus genau dieser Zeit des 12. Jahrhunderts gibt es kein weiteres erhaltenes Stück.“

Seit Jahrhunderten wird der Leuchter mit der Gründungsgeschichte des Stifts verbunden. Oft heißt es, Agnes von Waiblingen, die Gemahlin des heiligen Markgrafen Leopold III., habe ihn gestiftet. Belegen lasse sich das allerdings nicht, betont Huber. „Das ist ein typisches Beispiel dafür, wie sich historische Fakten und Legenden vermischen.“ Die aktuelle Forschung könne helfen, „Wahrheit und Dichtung ein Stück weit zu trennen“.

Auf den ersten Blick erinnert der siebenarmige Aufbau des Leuchters an eine Menora. Für Stiftskustos Wolfgang Huber liegt die theologische Bedeutung in der Gestaltung jedoch tiefer. „Wichtiger ist die Vorstellung der Wurzel Jesse, also des Stammbaums Christi“, erklärt er. Dieses Motiv war im Mittelalter weit verbreitet – in Buchmalereien, Glasfenstern und Skulpturen. Gleichzeitig stehe der Leuchter im Zusammenhang mit dem „Baum des Lebens“ und mit der Tradition großer Osterleuchter. 

Ein Reliquiar mit wundertätigem Holz?

praktischen Veränderungen geprägt. Im Mittelalter deutete man den Leuchter zeitweise als Reliquiar. Man glaubte, in seinem Inneren befinde sich Holz vom „wundertätigen Holunderstrauch“, der mit der Gründungslegende des Stifts verbunden ist. Tatsächlich sind bis heute Holzreste darin erhalten.
Ein einschneidender Verlust geschah, als der Leuchter an einen „würdigeren Platz“ gebracht werden sollte – zum Grab des heiligen Leopold. „Dafür war er allerdings zu hoch“, erzählt Huber. Also entfernte man kurzerhand den ursprünglichen bronzenen Fuß. „Dieser originale Sockel ist verloren gegangen, und es gibt keine einzige Abbildung davon.“

Während Besucher heute den bronzenen Baum bestaunen, interessiert sich die Wissenschaft vor allem für das Material. Der Archäometallurge Matthias Mehofer untersucht gemeinsam mit einem interdisziplinären Team die Zusammensetzung der Bronze. „Wir versuchen, einen geochemischen Fingerabdruck des Metalls zu erstellen“, erklärt der Wiener Wissenschaftler. In der Legierung lassen sich Spurenelemente wie Arsen, Nickel oder Antimon nachweisen. Deren Kombination kann Hinweise auf die Herkunft des Kupfers geben – etwa auf Lagerstätten in Norditalien, Südtirol oder im Ostalpenraum. Damit könnte sich klären lassen, ob der Leuchter tatsächlich – wie lange vermutet – aus norditalienischen Bronzegießereien stammt oder vielleicht doch in der Region gefertigt wurde. 

Konservierung im Klimawandel

Das Naturhistorische Museum erstellt derzeit einen hochpräzisen 3D-Strukturlichtscan des Leuchters. Dieses digitale Modell dokumentiert den aktuellen Zustand des Objekts bis ins kleinste Detail. Die Forschungen sollen auch eine Grundlage für ein langfristiges Konservierungskonzept – angesichts steigender Luftfeuchtigkeit durch den Klimawandel – schaffen. Für Kustos Wolfgang Huber bleibt der Agnesleuchter jedenfalls eines der faszinierendsten Stücke der Stiftssammlungen. 
Auf die Ergebnisse aus den derzeit laufenden Forschungen am Agnesleuchter sind Stiftsangehörige wie auch Besucherinnen und Besucher gespannt. 

Schlagwörter
Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
Werbung

Neueste Beiträge

| Meinung
Meinung

Maria Habersack (66) ist Vorstandsvorsitzende der Vereinigung von Ordensschulen Österreichs. Sie schreibt über Frauen in Führungspositionen.

| Leben
Passionswege

André Heller vorzustellen, ist beinahe wie Eulen nach Athen zu tragen. Er wurde geprägt von seiner Großmutter, sein Vater wollte, dass er Kardinal wird, Museen wurden ihm wichtige Lernorte und er sagt, sein Leben dauert genauso lange, wie er Projekte umsetzen kann und wird.

| Hirtenhund
Hirtenhund

Der Hirtenhund bellt diese Woche über Frauen in der Kirche und über die letzte Bischofskonferenz, ebenfalls mit einer Frauenfrage.