Von der moralisierenden zur therapeutischen Kirche
Österreichische Pastoraltagung
Kirche darf den Menschen nicht im Weg stehen, sondern muss als „Heil-Land“ weite Räume eröffnen, in denen Menschen Jesus als den Heiland erfahren können, ist Monika Renz überzeugt. Die Schweizer Musik- und Psychotherapeutin arbeitet seit Jahren als Psychoonkologin im Kantonsspital in Sankt Gallen in der Schweiz. Psychoonkologinnen und -onkologen betreuen als Psychologen an Krebs erkrankte Patientinnen und Patienten. Gegenüber dem SONNTAG beschreibt Renz Jesus als den Heilenden in allen Dimensionen.
Ein Interview mit der Schweizer Therapeutin Monika Renz
Wie geht Jesus mit Verwundungen um? Was können wir von ihm lernen?
Vordergründig erkennen wir im Verhalten von Jesus einen tief empathischen Menschen. Er begegnet den Heilsuchenden auf Augenhöhe („Freunde und nicht Knechte“), hat keine Berührungsangst und liebt sie. Hintergründig aber ist Jesus mehr als ein exzellenter Therapeut oder Seelsorger. Ich spreche von ihm auch als „Bewusstwerdung in Person“ (Logos). Das Wort „Erlöser“ dürfen wir ernst nehmen. Jesus erkannte die tieferen Gründe menschlicher Nöte und antwortete vor allem darauf. Wie kein anderer brachte er Krankheiten auf den Punkt und wusste Antwort. Und er konnte es sogar mit Dynamiken des Bösen aufnehmen. Um ein Beispiel zu nennen: Er unterschied etwa in Dämonenaustreibungen stets zwischen dem Menschen, den er zu sich selbst zurückführte, und dem Dämonischen, das es zu durchschauen galt.
„Jesus hat keine Berührungsangst und liebt die Heilsuchenden.“
Monika Renz
Bei den Kirchenvätern wird Jesus Christus auch als Arzt gesehen. Ist dieser „Heiland“ auch ein Heilender?
Auf jeden Fall. Nur müssen wir die Gleichung, so das überhaupt geht, aufzuschlüsseln versuchen: Worauf genau hatte Jesus Antworten? Woraus erlöste er?
Wie kann die Kirche heute zu einem „Heil-Land“ (so der Pastoraltheologe Paul Michael Zulehner) werden?
Zulehner meint damit, was Eugen Drewermann, Eugen Biser sowie die Päpste Benedikt XVI. und Franziskus unter dem Shift, dem Umschalten von einer moralisierenden zu einer therapeutischen Kirche verstanden haben. Das ist zunächst Wortspiel, Bekenntnis oder Programm. Es wird aber wahr und real, wo Menschen neue, heilsame Erfahrungen mit Gott, dem Göttlichen machen und also eine Kirche erleben, die solche „Erfahrungen“ generiert. Diese sind es, die heilen – uns alle. Und Jesus lebte durch und durch aus solcher Erfahrung (vergleiche Johannesevangelium Kapitel 10, Vers 30) und wollte vor allem eines: uns diesen Vater – und zwar als Urgrund – erschließen. Das meint: Jesus war Mystiker. Aufgrund sehr vieler Patientenschicksale und durch eigene Erfahrung bin ich zur Überzeugung gelangt, dass wir Jesus vor allem dann entdecken, wenn wir in unseren Verwundungen tiefer tauchen: Jesus in seiner Botschaft, seinem Heilen, seinem Verhalten und in seinem Leiden.
Wie kann die heilende Kompetenz eines jeden Christenmenschen wiederentdeckt werden, etwa für seelsorgerliche Gespräche oder noch stärker für Krankenhausbesuchsdienste?
Indem solch ein Mensch bei sich selbst beginnt, sich selbst in seinem Leiden anerkennt, sich selbst zur Frage wird, tiefer nach Erlösung gräbt und sich liebevoll vor Gott bringt. Wenn ich also Gott die Chance gebe, mich persönlich zu erreichen – Mal um Mal, tausend Male. Jedes Mal und mit jedem Wundmal, das ich trage, öffnet sich in mir der Blick für einen Mitmenschen: „Aha – so muss ich dich verstehen.“
„Jesus ist Vorbild und auch Urbild.“
Monika Renz
Jesus „berührte“ die Menschen im wahrsten Sinn des Wortes. So heißt es bei Matthäus (Kapitel 14, Vers 36): „Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.“ Wie können wir „berührbar“ werden?
Man muss zuerst verstehen, dass wir im Anfang, im Innersten und Letzten eigentlich total berührbar wären. Und es im Kern immer noch sind. Man muss den ach so verkrümmten Begriff Sünde wieder im Wortlaut verstehen, als Sonderung. Als eine Entwicklung weg von diesem berührbaren Urzustand. Der Weg zurück ist eine „Hineinwendung“ – Metanoia sagte Jesus. Selbst den Weg, die vielen Tränen auf meinem Weg, ja die Wut, welche nichts anderes als Ehrlichkeit will, kann ich im Laufe der Zeit lieben. Jesus ist Vorbild in solcher Wegarbeit, aber auch Urbild. Er kann tatsächlich, etwa im Traum, zur inneren Antwort oder Führung und damit zum Christus werden. Ich habe mehr als 80 Menschen mit solchen Jesus- oder Christuserfahrungen erleben dürfen.
Lassen wir uns in einer fast „berührungslosen Gesellschaft“, so der Titel eines Buches, überhaupt noch berühren?
Das ist Entscheidung ... und eben Weg. Und irgendwann Wandlung, Gnade.
Wann ist es bei einer Berührung zu wenig und wann ist es zu viel?
Es gibt keinen Gradmesser, sondern nur Annäherungen. Plötzlich ist eine Berührung zu viel, dann wieder viel zu wenig. Berührungen können zu zaghaft oder zu hart sein. Eines ist sicher falsch: Wenn es mir in der Berührung um mich selbst oder um eigene Interessen geht.
Wie gehen wir in der Praxis sensibel mit Verwundbarkeiten um?
Möglichst authentisch. Denn: „Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen ...“
Pastoraltagung 2026
Dem Thema „Verwundbarkeit“ widmet sich die österreichische Pastoraltagung von 8. bis 10. Jänner im Salzburger Bildungszentrum Sankt Virgil. Sie steht heuer unter dem Generalthema „Verletzlich. Berührbar. Christliche Perspektiven zur Verwundbarkeit“. Im Mittelpunkt der Vorträge und Workshops steht die Frage, wie Verletzlichkeit im persönlichen Leben, in der Gesellschaft und im kirchlichen Handeln gedeutet werden kann. Zentraler Bestandteil der Pastoraltagung will das „synodale Gespräch im Geist“ sein, in dem alle Teilnehmenden der Frage nachspüren: „Wo berührt mich Verletzlichkeit?“ Die Tagung möchte Verwundbarkeit als Ressource für ein gelingendes Leben in den Mittelpunkt stellen. Erfahrungen von Krankheit, Krieg, psychischer Belastung oder persönlichem Scheitern sollen bewusst wahrgenommen und theologisch reflektiert werden. Die Pastoraltagung zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie Lebenserfahrungen und theoretische Reflexion miteinander verbindet.
Zur Person
DDr. Monika Renz ist Therapeutin im Kantonsspital Sankt Gallen (Schweiz).
Buchtipp: „Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen“
In ihrem Buch „Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen“ verbindet Renz, ausgehend von vielen Fallbeispielen aus ihrer Arbeit im Spital, therapeutische und religiöse Erfahrung. In dem aufwühlenden Buch geht es um Hoffnung als Frucht aus tiefen seelischen Prozessen. Mehr als 1.000 Sterbende haben Renz ihre Nöte und Visionen anvertraut. Diese Grenz- oder Extremerfahrungen von Suchenden oder Kranken berühren.
Monika Renz, Meine Hoffnung lass’ ich mir nicht nehmen. Wege der Erlösung und der Spiritualität heute, Herder-Verlag, 224 Seiten, ISBN: 978-3-451-60151-4, EUR 25,80