Unsere Rolle in der „Passion“
Meinung
Ein jüdischer Rabbi sagte einmal: Der gläubige Jude kann beim Paschafest die Lesung über den Auszug aus Ägypten nur lesen und verstehen, wenn er sich so fühlt, als ob er selber dabei gewesen wäre – als ob er selber ausgezogen wäre aus der Sklaverei. Genau dasselbe trifft auch auf uns zu: auf Christen am Beginn der Karwoche. Wenn am Palmsonntag die Passion vorgelesen wird, müssten wir mitten im Geschehen sein. Im liturgischen Drama – denn das ist die ganze Eucharistiefeier – gibt es keine bloß neutralen Beobachter.
Passion: Worauf sollen wir achten?
Worauf sollen wir also achten und welche Rollen übernehmen? Die Rolle der Jünger, die ihre Treue zwar beteuern, aber in der Krise weglaufen? Und sich den Plausibilitäten der Masse ausliefern? Ihn gar verraten? Oder sollen wir uns wiederfinden in der Rolle eines Simon von Cyrene, der dem Opfer sein Kreuz zu tragen hilft? Und die Rolle des Pilatus? Wie viele waschen ihre Hände in Unschuld? Uns allen ist vor allem die Rolle des kreuztragenden Opfers nicht fremd. Die Botschaft der Passion versichert uns ja, dass Gott selber in seinem Sohn sich auf unsere menschlichen Kreuzwege begibt und uns alle begleitet.
In die Hände des liebenden Vaters fallen
Uns beisteht: in unserer Einsamkeit, in unserem Selbsthass und unserer resignierten Gleichgültigkeit. Diese Botschaft versichert uns, dass er mit uns stirbt. Damit wir zusammen mit ihm in die Hände des uns alle liebenden Vaters fallen.
Vorlesen der Passion
Dem Vorlesen der Passion folgt die eucharistische Wandlung. Was hat das zu bedeuten? So missverständlich es auch klingen mag: Jesus selber sorgt für die denkbar intensivste Weise der Verinnerlichung seiner Haltung durch uns. Wir sollen sie nicht begreifen, sondern „essen und trinken“, damit auch wir dieses sacrificium, diese seine Hingabe regelrecht verdauen. Mit der Kraft seiner alles verwandelnden Hingabe wird ER zu einem Stück von uns selber und unserer Lebensgeschichte. Ganz gleich, welche Rollen wir im Drama seiner Passion übernehmen.
Der Kommentar drückt seine persönliche Meinung aus!
Zu den Personen
Józef Niewiadomski (75) lehrte Dogmatische Theologie an der Universität Innsbruck.