„Gewalt muss gesprochen werden“

Frieden im Nahen Osten?
Ausgabe Nr. 1
  • Chronik
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Jerusalem: Die Heilige Stadt für Judentum, Christentum und Islam, aber auch immer wieder Schauplatz von Gewalt.
Jerusalem: Die Heilige Stadt für Judentum, Christentum und Islam, aber auch immer wieder Schauplatz von Gewalt. ©wikimedia commons/ Gugganij/CC BY-SA 3.0/

Auf den beispiellosen Angriff der Terrororganisation Hamas am 7. Oktober 2023 auf Israel reagierte Israel mit dem Einmarsch im Gazastreifen. Die große Frage für den Nahen Osten lautet schlicht: Wie kann es Frieden zwischen Israelis und Palästinensern geben? Gegenüber dem SONNTAG skizziert der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza die Komplexität dieses Konflikts.

Der SONNTAG weiß sich der Israel-Politik des Vatikans verpflichtet, die für eine gerechte Lösung für Israelis und Palästinenser plädiert und das Existenzrecht Israels unbedingt bejaht. Gegenüber dem SONNTAG beleuchtet der Islam- und Politikwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza, er spricht demnächst bei den „Theologischen Kursen“, aus dem Blickwinkel der muslimischen Welt den schier endlosen Nahostkonflikt.

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Gewalt geht von Menschen aus

Wenn Gott liebt und Menschen töten: Welches Gewaltpotenzial steckt bis heute in den Religionen?

MUHAMMAD SAMEER MURTAZA: Religion ist kein handelndes Subjekt. Sie ist kein atmendes, denkendes Wesen, das Menschen zu irgendeiner Tat zwingt. Es sind stets Menschen, die entscheiden, handeln – und verantworten. Wenn wir Gewalt religiösen Traditionen anlasten, verlagern wir moralische Verantwortung dorthin, wo sie nicht hingehört. Die Vorstellung, eine Welt ohne Religion wäre automatisch friedlicher, ist eine Illusion. Der Mensch trägt sein Potenzial zu Gewalt wie zum Frieden in sich – unabhängig von jeder Religion. Religion selbst ist vielmehr ein Prüfstein. Viele Gläubige nehmen an, Religion sei etwas Eindeutiges: Wer gemäß ihr lebt, sei gerettet, wer ihr widerspricht, ist verloren. Es ist komplexer. Die Religion kommt zwar von Gott, aber ihr Verständnis ist menschengemacht. Anders ausgedrückt: Was ist unser Verständnis von Religion wert, wenn es die Menschen nicht zu einem edlen Ziel führt? Religiös zu sein ist eine Definition dessen, was es bedeutet, ein Mensch zu sein; zugleich ist Religion eine Prüfung der Menschlichkeit eines Gläubigen. Allein dies verlangt schon, dass wir unser Verständnis von Religion stets ethisch hinterfragen. Somit wird die Religion zu einem Test für den Gläubigen, dem er entgangen wäre, hätte er bloß niemals zur Religion gefunden, sondern in Unwissenheit verharrt. Die Frage an jeden Gläubigen lautet daher: Welches edle Ziel verfolgst du?

Gewalt: Mörder statt Märtyrer

Warum sind Menschen, die im Namen Gottes als Selbstmordattentäter Unschuldige töten, keine Märtyrer, sondern Terroristen und Mörder, die das Gericht Gottes erwarten müssen?

Jeder Mensch wird sich eines Tages vor Gott verantworten müssen, ob er ein edles Ziel verfolgt hat, das Menschen zusammenbringt und die Welt menschenwürdig macht. Terrorismus, ob nun jener der jüdischen Siedler, der christlichen Lord’s Resistance Army („Widerstandsarmee des Herrn“, eine afrikanische Terrorgruppe, Anmerkung der Redaktion) oder der muslimischen Hamas, ist jedoch das Gegenteil dieses edlen Ziels. Diese Terroristen kämpfen für eine Vergangenheit, die nicht mehr existiert. Die Siedlerbewegung strebt nach dem biblischen Land Israel vergangener Zeiten, die Hamas nach einem imaginierten islamischen Palästina. Im Fall der Siedler soll der Terror die Palästinenser veranlassen, ihre Heimat aufzugeben. Im Fall der Hamas soll der militärisch stärkere Feind in Angst und Schrecken versetzt werden. Bei Siedlern und Hamas handelt es sich um extremistische ethnonationalistische Gruppierungen, die alle störenden ethischen Lehren ihrer Religionen aufheben, um ihre geopolitischen Ziele zu erreichen. Wenn aber alle Werte und Normen nur noch relativ sind und unter dem Gesichtspunkt der Eigennützigkeit gemessen werden, dann sind sie nichtig. Hier haben wir das nihilistische Element dieser Gruppen, die für ihre Gesellschaften keine Zukunft bereithalten. Sie führen sie ins Nichts.

„Die Frage an jeden Gläubigen lautet: Welches edle Ziel verfolgst du?“

Muhammad Murtaza

Internationale Zeitwende

Seit dem Angriff der Terrororganisation Hamas vom 7. Oktober 2023 scheint eine Lösung im Nahost-Konflikt noch schwieriger geworden zu sein, trotz der Resolution 2803 des UN-Sicherheitsrats …

Wir erleben gegenwärtig eine internationale Zeitenwende. Teile des politischen Westens – darunter die USA, aber auch Israel – unterminieren zunehmend jene internationale Ordnung, die der Westen nach 1945 geschaffen hat. Diese Ordnung war nicht perfekt, bevorzugte oft westliche Staaten, doch sie war immerhin ein Rahmen, der Konflikte begrenzte und Eskalation im Atomzeitalter verhindern sollte. Die israelische Besiedlungspolitik seit 1967 ist Teil eines größeren globalen Trends: einer Rückkehr imperialer Logiken, wonach der Stärkere über den Schwächeren herrscht. Russland betrachtet die Ukraine als historischen Besitz. Israel beruft sich auf göttliche Verheißungen, um Anspruch auf den Gazastreifen und die Westbank zu erheben. Die USA drohen mit einer Annexion Grönlands und fordern Kanada auf, ihr Bundesstaat zu werden. Weltweit wird aufgerüstet und Industrien werden auf Kriegswirtschaft umgestellt. Eine Kriegslust liegt in der Luft.

Entstehung des Nahost-Konflikts und der Gewalt

Wie sieht, in wenigen Sätzen erklärt, die Entstehungsgeschichte des Nahost-Konflikts aus? 

In der Kürze liegt stets die Gefahr der Simplifizierung: Europas Unfähigkeit, plurale Lebensentwürfe von Minderheiten zuzulassen, weil sie als ein Infragestellen des kulturellen Überlegenheitsgefühls der Europäer empfunden wurden, bescherte den europäischen Juden eine jahrhundertelange Geschichte von Pogromen. Der säkulare Jude Theodor Herzl sah es als eine Unmöglichkeit an, dass Juden in den europäischen Staaten jemals akzeptiert werden. Er entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts eine politische Ideologie, den Zionismus, nach der die Juden eine Nation – keine Religionsgemeinschaft – seien und eine solche benötige einen eigenen Staat, der idealerweise im Land der Vorfahren angesiedelt ist. Als solcher verfüge der Judenstaat über ein Militär, um als Schutzschild für Juden zu fungieren. Der Zionismus Herzls ist ein politischer Kommunalismus, das heißt, dass sich Menschen politisch allein über ihre religiöse und ethnische Gruppe sowie deren Interessen definieren. Und Herzls Idee eines „Judenstaates“ war dementsprechend ein ethnonationaler Staat, der im Widerspruch zu dem demokratischen Grundprinzip steht, wonach alle Bürger, unabhängig von ihrer Religion und Herkunft, gleichgestellt sind. Herzl proklamierte Palästina als ein Land ohne Volk, in welches das Volk ohne Land einfach nur einwandern müsse.

In Wahrheit lebten dort seit dem 7. Jahrhundert arabische Christen und Muslime, die seit dem 12. Jahrhundert die Bevölkerungsmehrheit darstellten. Palästina war ihre Heimat und es existierte eine jahrhundertelang gewachsene arabisch-jüdische Koexistenz – ein oft übersehener historischer Fakt. Die Mehrheit der Menschen in Palästina sprach zwar Arabisch, aber es hatten sich ein eigener charakteristischer Dialekt sowie eine spezifische Geschichte, Erfahrungen unter osmanischer und später britischer Herrschaft, eigene Traditionen, Bräuche, Familiennetzwerke sowie eine politische Prägung herausgebildet: Es gab also eine palästinensische Identität. Diese Menschen, so notierte Herzl in sein Tagebuch, müssten vertrieben werden. Hier sehen wir die Schattenseite seiner politischen Ideologie, die sich immer wieder Bahn bricht und sich am universalen Horizont des Judentums reibt. Nicht ohne Grund gehörten in den frühen Jahren des Zionismus vor allem religiöse Juden zu den Kritikern dieser Ideologie.

Frieden zwischen Israelis und Palästinensern

Wie kann es Frieden zwischen Israelis und Palästinensern geben? Wer von beiden hat welchen Anspruch auf dieses Land und was wäre der Preis für den Frieden?

Nach 120 Jahren Konflikt ist die Frage nach dem „größeren Anspruch“ überholt. Wer Frieden stiften will, darf sich nicht in historischen Schuldzuweisungen verlieren. Entscheidend ist allein: Wie bringt man beide Seiten zu einer tragfähigen Verständigung, damit das Blutvergießen aufhört? Wenn jedoch eine Seite – die stärkere – glaubt, göttliche Zusprüche rechtfertigten Vertreibung, Enteignungen, Landraub, Massentötungen oder permanente Besatzung, dann wird jeder Kompromiss unmöglich. Göttliche Verheißungen können nicht als rechtliche Dokumente dienen, denn sie entziehen sich jeder Überprüfung. Dies rechtfertigt mitnichten die Geschehnisse vom 7. Oktober, macht aber deutlich, dass das Hamas-Massaker nicht im luftleeren Raum entstand. Über diese Spirale der Gewalt muss gesprochen werden. Israel steht laut dem Internationalen Gerichtshof erstens wegen jahrzehntelanger illegaler Besatzung und systematischer Einschränkung palästinensischer Bewegungsfreiheit in der Kritik, zweitens sieht es sich mit dem Vorwurf des Völkermords konfrontiert, und drittens liegt gegen seinen Premierminister ein Haftbefehl wegen mutmaßlicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor. Wer an Israel andere Maßstäbe anlegt als an Russland im Ukrainekrieg, gerät in formale und moralische Widersprüche. Der globale Süden erkennt diese Doppelstandards klar – und viele Menschen im Westen ebenfalls. Wenn Rechtsprinzipien selektiv angewendet werden, verliert der Westen seine Glaubwürdigkeit. Und das wird ihn in den kommenden Jahrzehnten heimsuchen. 

©Privat

Zur Person

Dr. Muhammad Sameer Murtaza ist Philosoph, Autor, Islam- und Politikwissenschaftler.

Schlagwörter
Autor:
  • Stefan Kronthaler
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