Ostern: „Niemals verlasse ich Euch!“
Wie unser Glaube Realität erschafft
Erinnert werden sie dabei an jene Zusage Gottes an Josua, den engsten Vertreter von Moses, der nach dessen Tod das Volk Israel ins Heilige Land führen sollte. Ihm versprach Gott: „Ich werde dich niemals, unter keinen Umständen, jemals alleine lassen.“ (vgl. Josua 1,5). In dieser eindeutigen Zusage Gottes, dem Zeichen seiner absoluten Treue, liegt das Fundament unseres Glaubens. Deshalb, so heißt es einleitend: „Seid nicht geldgierig und lasst euch genügen an dem, was da ist …“ (Hebr. 13,5, Lutherbibel). In der Geldgier, der Wurzel der Habsucht, wohnen die Götzen einer trügerischen und leicht zerbrechlichen Sicherheit. Die Botschaft an uns lautet: Gottes Gegenwart ist beständiger als jeder materielle Besitz. In seinem Wort liegt unsere Zukunft.
Das wirklich „Gute“ an Jesu Botschaft
Das wirklich „Gute“ an Jesu Botschaft, seinem Evangelium, liegt wohl darin begründet, dass er sich nicht bei den Symptomen aufhält, sondern an die Wurzeln des Denkens geht. Er konfrontiert uns nicht mit unseren Gefühlen, sondern mit unseren inneren Überzeugungen, Sichtweisen, Gedanken. Er zeigt uns, dass wirkliche Veränderungen nicht damit beginnen, dass wir uns zwingen, anders zu handeln, sondern anders zu denken, dass wir lernen, die Dinge einmal anders zu sehen. „Kehrt um!“ (Mk 1,15). So klingt es wie eine Fanfare. Man könnte das griechische Wort „metanoeite“ übersetzen mit: „Denkt quer!“ „Denkt anders!“ Wenn Jesus den Kern seiner Botschaft darin sieht, uns glaubhaft zu vermitteln: „Gott liebt euch, Er ist treu, Er sorgt sich um euch“, dann sagt er uns das auf seine ganz besondere, eigene Weise: „Alles, um was ihr auch betet und bittet, glaubt, dass ihr es bereits empfangen habt, und Gott wird es euch geben“ (vgl. Mk 11,24). Hier wird also nicht ein bestimmtes Denken gefördert, das sich ständig mit der bangen Frage beschäftigt: „Ob Gott uns hört? Ob er uns wohl helfen kann? Hoffentlich hilft er uns! ...“ Nein, Jesus sagt: „Er hilft euch!“ Seine Botschaft ermuntert uns: Steht fest hinter eurer Überzeugung, liebt und achtet sie, verliert sie nie aus euren Augen, und sie wird euch beschenken.
Ostern und das Wort Jesu
Eine ähnliche Botschaft können wir in den Worten des amerikanischen Wissenschaftlers Richard Feynman erkennen, der 1965 den Nobelpreis erhielt. Er ist einer der qualifiziertesten Vertreter der neuen Quantenphysik. Wie kaum einem anderen Kollegen ging es ihm um die Umsetzung der Quantentheorie in das heutige Weltverständnis. Ihm war es voll bewusst, dass die modernen Forschungsergebnisse unser bisheriges Verständnis von Realität erschüttern werden, weil Phänomene wie die gezielte Beobachtung oder das achtsame Bewusstsein in der Lage sind, zu beweisen, dass wir grundsätzlich bereits „jetzt schon im Besitz von allem sind, was wir uns wünschen“. Das klingt zunächst utopisch. Aber denken wir an das Wort Jesu: “… glaubt, dassiIhr es bereits empfangen habt!“ (vgl. Mk 11,24)
Bewusstsein schafft Realität. Wir müssen es nur klarer wollen, fester daran glauben.
Achtsamkeit zu Ostern
Was natürlich noch fehlt, ist die nötige Intensität und Kraft unserer Beobachtungsgabe, unseres Bewusstseins. Dieses Geheimnis der Beobachtung bringt es in der Quantenrealität fertig, dass ein Elektron seinen Status als energetische Welle verliert und zu einem materiellen Teilchen wird. Gezielte Beobachtung, Bewusstsein schafft also Realität. Wir müssen es nur klarer wollen, fester daran glauben, sehnsüchtiger erwarten, uns nicht beirren lassen und uns mit intensiverer Achtsamkeit damit befassen, damit unsere Überzeugung Realität werden kann. Warum finden wir in unserem Verhalten so viel Falsches, Schädliches und Verwirrendes?
Das Geheimnis liegt nicht in unserem „Schlechtsein“. Es liegt eher daran, dass wir unsere Aufmerksamkeit zu sehr auf die „falschen“ Gedanken richten, sie immer wieder wiederholen und vertiefen. Die heutige Wissenschaft, die sich mit der Quantentheorie beschäftigt, löst sich zunehmend vom rein materialistischen Weltbild. Sie beginnt, den Geist, unsere Gedanken als Ursache aller Form und Materie wieder zu entdecken, und betont die Rolle des Beobachters. So zeigen zum Beispiel Experimente, dass subatomare Teilchen (Quanten) nicht eindeutig festgelegt sind: Der Aufenthaltsort eines Quanten-Teilchens lässt sich nur als eine Art Wahrscheinlichkeitswolke beschreiben. Ein Elektron kann sich wie ein Teilchen oder wie eine Welle verhalten. Entscheidend ist dabei die Beobachtung – sie legt fest, wie es uns erscheint. Beobachtung verwandelt.
„Danke, Herr, dass Du uns nie verlässt!“
Jeder Gedanke, jede Geste und jeder Blick können dazu beitragen, aus Möglichkeiten konkrete Erfahrung werden zu lassen. Ähnlich wie ein Photon im Moment der Beobachtung als Teilchen erscheint, kann auch ein ungeliebtes Herz sich positiv verändern, wenn wir es mit mehr Aufmerksamkeit und Empathie betrachten. Wenn wir begreifen, dass unser Glaube nicht nur „Berge versetzen kann“, sondern Wirklichkeit nicht nur mitprägt, sondern auch erschafft, dann ist diese Überzeugung weiß Gott keine spirituelle Plattitüde, sondern ein ernster Hinweis auf eine tiefere Dimension der Realität, wie sie auch die moderne Physik beschreibt: überraschend, tiefgründig und unser Denken erweiternd. Wir können also beten: „Herr, verlass uns nicht!“, oder aber: „Danke, Herr, dass Du uns nie verlässt!“
Gekürzt nach Stanislaus Klemm. Der Diplompsychologe und -theologe war Mitarbeiter der Telefonseelsorge Saar und der Lebensberatung des Bistums Trier in Neunkirchen.