„Musik ist meine emotionale Muttersprache“

Zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt
Ausgabe Nr. 9
Autor:
Franz Harnoncourt, das jüngste von vier Kindern des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt und seiner Frau Alice.
Franz Harnoncourt, das jüngste von vier Kindern des Dirigenten Nikolaus Harnoncourt und seiner Frau Alice. ©OÖ Gesundheitsholding

Sein Vater war der Dirigent Nikolaus Harnoncourt, seine Mutter Alice eine Geigenvirtuosin. Mit Musik wuchs Franz Harnoncourt, eines der vier Kinder des Ehepaares, auf. Er wurde aber Mediziner.

Franz ist das jüngste Kind. Sein Bruder Eberhard verstarb in jungen Jahren unverschuldet bei einem Autounfall. Weiters Bruder Philipp, ein Künstler, und Opernsängerin Elisabeth, bekannt unter ihrem Namen Elisabeth von Magnus. Aufgewachsen sind die Kinder der Harnoncourts in einem Biedermeierhäuschen gegenüber dem Theater in der Josefstadt. „Wir sind aber in wirklich sehr reduzierten Verhältnissen großgeworden“, schildert Franz. Dazu hat er folgende Anekdote parat: „Mein Vater war ja Cellist bei den Wiener Symphonikern und er wurde zum Direktor gerufen und der sagte zu ihm: ‚Es heißt, Ihre Kinder würden hungern?‘ Mein Vater antwortete: ‚Das stimmt nicht. Wir essen Kartoffeln und Salat, aber ich möchte mein Geld nicht für Fleisch und Luxus verschwenden.‘“

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Bescheidenes Aufwachsen von Nikolaus Harnoncourt

„Meine Eltern“, so Franz weiter, „haben sehr früh unglaublich konsequent begonnen, das bisschen Geld, das sie hatten, für Instrumente, für Noten, für ihre musikalische Idee zu verwenden. Und auch wenn wir einen sehr traditionsreichen Namen tragen, sind wir jetzt eben nicht auf goldenen Federbetten aufgewachsen, sondern unter wirklich sehr fokussierten Verhältnissen.“ Die Kinder teilten sich zu viert ein Zimmer. Musikalisch geprägt wurde Franz Harnoncourt bereits früh. „Ich würde annehmen, dass mein erster Kontakt mit Musik im Mutterleib war.“ Dazu unterstreicht er: „Musik ist meine emotionale Muttersprache, sie ist für mich so was Selbstverständliches und Unverzichtbares, nicht nur, weil ich damit aufgewachsen bin, sondern auch mit der Überzeugung, sehr stark von meinem Vater und meiner Mutter geprägt, dass die fantastische Seite des Menschen ein Lebensrecht ist, das in einer sehr praktisch orientierten Welt manchmal zu kurz kommt.“
 

„Musik ist für mich etwas Selbstverständliches und Unverzichtbares.“ 

Bewusst ohne Taktstock

Angesprochen darauf, dass sein Vater Nikolaus in seiner Funktion als Dirigent, zwei Mal auch des Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker, keinen Taktstock verwendete, erklärt Sohn Franz: „Der Taktstock war für manche Dirigentengenerationen der Inbegriff von Autoritärem: ‚Ich sag, wo’s langgeht.‘ Das war meinem Vater ideologisch ein Gräuel. Er hat die Nazizeit erlebt und das hat ihn wirklich sehr geprägt, ihm ging es um die Gestaltung der Musik, ihrer Inhalte, ihrer Aussagen und um die Sprache der Musik und das ist durch einen Stock nicht möglich.“ 

Auf die Frage, wie es seine Eltern damit gehalten haben, ihren Kindern die Liebe und das Interesse für Musik zu vermitteln, erläutert Sohn Franz: „Meine Eltern haben uns nicht dazu angehalten, ein Instrument zu lernen. Ich habe dann im Internat, da mir langweilig war, begonnen, Oboe zu lernen, eines der wenigen Instrumente, das man nicht mit fünf Jahren lernen muss, um wirklich gut zu werden. Und ich war dann, glaube ich, auch wirklich sehr gut und habe mir mein Studium auch durch Substituieren oder durch Kirchenmusik verdient.“ Aber sein Interesse an der Medizin setzte sich dann durch. Er arbeitete als Chirurg und wurde erfolgreicher Spitalsmanager.
 

Ideen von Nikolaus Harnoncourt wichtiger denn je

Franz Harnoncourt ist 64 Jahre alt, verheiratet, Vater von vier Kindern und noch bis zum Frühjahr als Geschäftsführer der Oberösterreichischen Gesundheitsholding tätig. Er ist Vorsitzender des Beirats des Nikolaus Harnoncourt Zentrums, einer Forschungseinrichtung an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz, die den Nachlass seines Vaters digitalisiert und zugänglich macht. Auf die Frage, was zum zehnten Todestag als Vermächtnis seines Vaters bleibt, unterstreicht er: „Die bleibende Erinnerung ist die Prägung, die wir alle haben, die Vergänglichkeit. Der Tod meines Vaters kommt einem an manchen Tagen wie gestern vor und an anderen wie hundert Jahre her.“ 
 

„Die Ideen meines Vaters sind heute wichtiger denn je.“ 

Nikolaus Harnoncourt: „Dass heute an der Wiener Staatsoper Monteverdi gespielt werden kann und gut geht, ist selbstverständlich und wäre wahrscheinlich ohne meinen Vater nicht denkbar."

Und musikalisch verweist er darauf: „Dass heute an der Wiener Staatsoper Monteverdi gespielt werden kann und gut geht, ist selbstverständlich und wäre wahrscheinlich ohne meinen Vater nicht denkbar. Vieles ist aber auch verwässert worden und gar nicht mehr möglich. Mein Vater hat ein Musikselbstverständnis entwickelt, das Musik als einen Gegenpol zu einer unglaublich schweren Zeit gesehen hat. Heute ist die Zeit eine andere und diese Ernsthaftigkeit und das Herauskratzen der tiefen Schichten von Musik, das scheint heute in einer Welt, die natürlich schon auch immer flacher wird, in der Bedeutung gar nicht mehr so gewollt oder auch notwendig. Von dem her glaube ich, dass die Ideen meines Vaters heute wichtiger denn je sind, oder zumindest genauso wichtig.“ 

©David Kassl

Radiotipps zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt

Erinnerungen von Franz Harnoncourt an seinen Vater: Das Gespräch hören Sie am 4. März 2026 um 19:00 Uhr. 

„Eine Grenze erkennt man erst, wenn man sie überschritten hat.“

Vierteilige Sendereihe zum 10. Todestag von Nikolaus Harnoncourt:
❶    Das Nikolaus-Harnoncourt-Zentrum in Linz: 28. Februar 2026, 10:05 Uhr (Da Capo 2. März 2026, 21:00 Uhr)
❷    Vom Gambenquartett zum Concentus Musicus – Die Anfänge: 7. März 2026, 10:05 Uhr (Da Capo 9. März 2026, 21:00 Uhr)
❸    Vom Orfeo zur Matthäuspassion – Harnoncourts Barockinterpretationen im Lauf der Jahrzehnte: 14. März 2026, 10:05 Uhr (Da Capo 16. März 2026, 21:00 Uhr)
❸    „Dirigent ist ein Anti-Beruf “ – Harnoncourts Arbeit mit großen Orchestern: 21. März 2026, 10:05 Uhr (Da Capo 23. März 2026,21:00 Uhr)

 

radioklassik.at

Autor:
  • Stefan Hauser
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