Michaelakirche: Patchworkkirche mit Klagemauer

Stadtspaziergang zur Michaelerkirche
Ausgabe Nr. 5
  • Kunst und Kultur
Autor:
©Bernadette Spitzer
©Bernadette Spitzer

Mitten im Rummel der Wiener Innenstadt geht es besonders rund am Michaelerplatz. Den Namen hat er von der Michaelerkirche. Sie ist dem Erzengel Michael geweiht, der gut sichtbar oberhalb des Portals prangt.

Hier empfängt mich der Salvatorianer Pater Peter van Meijl. Er war von 2002 bis 2016 Pfarrer der Kirche und kennt sie wie seine Westentasche. Und da gibt es viel zu wissen, denn die ehemalige Hofkirche der Habsburger zählt zu den ältesten der Stadt, um 1220 errichtet. Pater Peter lädt mich in der Kirche ein zu einem „Spaziergang durch die Epochen“. Wir beginnen in der Romanik. Auf der linken Längsseite ist eine zugemauerte Tür. „Das war die ursprüngliche Eingangstür. Heute grenzt sie ans Große Michaelerhaus. Die Leute stecken kleine Zettel mit Bitten in die Tür, wie bei der Klagemauer in Jerusalem.“ 

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Michaelakirche: Spaziergang  durch die Epochen

In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts wurde das Langhaus gebaut, das sich bis heute in seiner damaligen Form erhalten hat. An einer Stelle sieht man alle Epochen von der Romanik bis zum Klassizismus. „Unsere Kirche ist eine Patchwork-Kirche“, findet Pater Peter. „Die Leute sollen sich nicht ärgern, dass wir Patchwork-Familien haben. Die Kirche ist das beste Beispiel, denn alles passt so schön zusammen.“ Ursprünglich war die Kirche einschiffig, aber im Barock wurde an den Seiten angebaut. Auch der Hochaltar von 1781 ist barock und außergewöhnlich. Auf einer Mauer sitzen die Evangelisten als lebensgroße Figuren wie griechische Philosophen, halten ihre Evangelien in der Hand und blicken in verschiedene Richtungen. Ich möchte sie ansprechen und mich zu ihnen setzen. 

Der Patron der Michaelakirche

Oberhalb des Tabernakels ist ein Relikt einer früheren Epoche: eine Ikone, um 1540 gemalt – die Maria Candia. Der Altar ist vermutlich um dieses Porträt herum gebaut worden. 1626 wurde der Orden der Barnabiten nach Wien geholt, um die Stadt zu rekatholisieren, denn an die 80 Prozent der Einwohner waren evangelisch geworden. Dabei spielte die Gottesmutter eine zentrale Rolle. Vermutlich war das der Grund, warum sie Zentrum des Hochaltars wurde. Kirchenpatron Michael ist hinter dem Hochaltar in einem prächtigen weißen Alabasterrelief aus Stuck zu finden. Dort stürzt er die bösen Engel aus dem Himmel.  Auf der linken Seite ist eine weitere lebensgroße Figurengruppe in Weiß: die Grablegung Jesu aus 1803. Vor allem südamerikanische Touristen würden hier in die Knie gehen, sagt Pater Peter. Sie berührt die lebensgroße Darstellung besonders.
 

Das Ende des Rundgangs durch die Michaelakirche

In der Kirche befindet sich auch die erste Barockkapelle Wiens, mit einem Kuriosum. Auf einem Fresko ist eine Figur in Rot und Blau, den Farben der Gottesmutter Maria. Allerdings trägt der Kopf Bart. Pater Peter: „Das ist Christus auf dem Berg Tabor mit den drei schlafenden Aposteln. Im Laufe der Zeit hat man aus Jesus eine Maria gemacht und später wieder geändert, aber eben nur den Kopf und nicht das Gewand. Auf den ersten Blick hält man ihn daher für seine Mutter.“ Am Ende unseres Rundgangs wird Pater Peter schon sehnsüchtig von einer obdachlosen Frau erwartet, um die er sich sogleich nach unserer Verabschiedung annimmt. Und ein paar Schritte später bin ich wieder im Rummel der Wiener Innenstadt.

©Bernadette Spitzer

Zur Person:


Pater Peter van Meijl war viele Jahre Pfarrer der Michaelerkirche.

©David Kassl

Radiotipp: Perspektiven


Der Stadtspaziergang zur Michaelerkirche mit Bernadette Spitzer ist am Montag, 23. Febreuar 2026, 17:30 Uhr zu hören. ▶ radioklassik.at

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Autor:
  • Bernadette Spitzer
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