Mythos Kopftuch

Meinung
Ausgabe Nr. 5
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Autor:
Tuğrul Kurt ist Professor für Islamische Theologie und Vorstand des Instituts für Islamisch-Theologische Studien.
Tuğrul Kurt ist Professor für Islamische Theologie und Vorstand des Instituts für Islamisch-Theologische Studien. ©Universität Wien

Die Fachtagung „Mythos Kopftuch! Religiöse Bedeutungen und gesellschaftliche Konfliktlinien“ von IITS und CEMIST eröffnete einen institutionellen Raum, in dem Akteurinnen und Akteure aus Theologie, Politik, Pädagogik, Medien und der Islamischen Glaubensgemeinschaft zusammenkamen, um ein hoch polarisiertes Thema jenseits enger Deutungsräume zu verhandeln.

Der multiperspektivische Ansatz stellte unterschiedliche disziplinäre Logiken nebeneinander und machte deutlich, dass sich die Bedeutung des Kopftuchs nur im Zusammenspiel von Auslegungstraditionen, normativen Ordnungen, institutionellen Rahmen und gelebter Praxis erschließt.

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Mehr als ein Kopftuchverbot

Vor diesem Hintergrund habe ich mich in meiner Funktion als Vorstand des Instituts für Islamisch-Theologische Studien der Universität Wien bewusst gegen eine institutionelle Stellungnahme zum Kopftuchverbot entschieden.  Die öffentliche Debatte folgt meist einer Schwarz-Weiß-Logik, die komplexe Fragen auf Zustimmung oder Ablehnung reduziert. Gerade die Grauzonen – Selbstbestimmung, soziale Zuschreibungen, Kindeswohl, Erwartungsdruck und Machtverhältnisse – sind jedoch zentral für eine verantwortungsvolle Auseinandersetzung. Sie verlangen die Fähigkeit, Ambivalenzen auszuhalten und produktiv zu machen.

Kopftuch und religiöse Mündigkeit

Im Fokus der Tagung standen auch konkrete Lebensrealitäten in Österreich: religiöse Mündigkeit, das Reflexionsvermögen junger Menschen und innerislamische Deutungsmuster, die das Kopftuch mit Sittsamkeit oder Sexualisierung verbinden. Dabei wurde deutlich, dass der Koran keine eindeutige Verpflichtung formuliert, sondern Interpretationsspielräume eröffnet. Diese Vielfalt sollte stärker in Religionsunterricht und innerislamischen Dialogen sichtbar werden. Zugleich zeigte sich, dass top-down gesetzte politische Maßnahmen religiöse Fragen eher verengen als klären. Nachhaltige Orientierung entsteht dort, wo Entscheidungsprozesse dialogisch gestaltet sind und theologische wie pädagogische Expertise einbezogen wird. Der Ertrag der Tagung lag weniger in Konsensbildung als in der Offenhaltung von Differenz. Kritik wurde nicht als Störung verstanden, sondern als notwendiger Bestandteil gemeinsamer Reflexion. In pluralen Gesellschaften ist eine solche Form der Verständigung unverzichtbar, um komplexe religiöse, rechtliche und soziale Fragen verantwortungsvoll zu bearbeiten.

Der Kommentar drückt seine persönliche Meinung aus!

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  • Tuğrul Kurt
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