Lebensraum mit vielen Facetten

Gemeinschaft und Neue Ideen
Ausgabe Nr. 27
  • Wien und Niederösterreich
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In einer Pfarre gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen – das Ministrieren ist eine davon. So kann Pfarre für viele zu einem zweiten Zuhause werden.
In einer Pfarre gibt es viele Möglichkeiten, sich einzubringen – das Ministrieren ist eine davon. So kann Pfarre für viele zu einem zweiten Zuhause werden. ©Erzdiözese Wien/Stephan Schönlaub

Ein Gespräch über eine „Kultur der Ermöglichung“ in unseren Pfarren mit Barbara Radlmair, der Vertreterin der Katholischen Aktion im Vikariat Stadt und der Pfarrgemeinderatsinitiative, Reinhard Bödenauer, dem Präsidenten der Katholischen Aktion Wien, und dem Leiter des Pastoralamtes der Erzdiözese Wien, Markus Beranek.

Wie können Pfarren heute lebendig bleiben? Was brauchen sie, um Angebote zu entwickeln, die die Leben unterschiedlichster Menschen bereichern? Und warum ist es nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Gesellschaft wichtig, dass das gelingt? Eine lebendige, einladende Pfarre ist nicht nur ein Ort der Nachbarschaft und des Dialogs. Es ist auch ein Ort, an dem die Ehrenamtlichen gefördert und das Zusammenwirken von Haupt- und Ehrenamtlichen gut gestaltet ist. Denn das eine bedingt das andere. Wo genau das aber noch nicht zur Gänze umgesetzt ist, wollen die Katholische Aktion der Erzdiözese Wien und die Pfarrgemeinderatsinitiative mit ihrem „Plädoyer für eine Kultur der Ermöglichung in unseren Pfarren“ einen Kulturwandel anstoßen. Zum Wohle aller alteingesessenen, aber auch der potentiell neuen Pfarrmitglieder sollen das Fördern von Charismen und das Ermöglichen gemeinsamer Ideen dabei im Mittelpunkt stehen und nicht das Abarbeiten von Aufgaben, die vorgegeben werden. Der „synodale Prozess“, so das erklärte Ziel, soll damit in unseren Pfarren wachgehalten und weitergeführt werden. 

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Ermöglichung in den Pfarren

Lassen Sie uns bitte zunächst die Bedeutung des Begriffs Synodalität in Erinnerung rufen. Was genau ist damit gemeint?

Markus Beranek: Synodalität ist, kurz gefasst, die Bereitschaft, hinzuhören und sich darauf einzulassen, dass aus vielen unterschiedlichen Menschen und vielen unterschiedlichen Perspektiven eine gemeinsame neue Perspektive erwachsen kann. Es ist der Mut zum offenen Wort. Das ist anspruchsvoll, aber spannend.

Gott begegnet mir in jedem Menschen. In jedem Einzelnen begegnet er mir, begegnet sie mir. 

BARBARA RADLMAIR

Sie haben ein „Plädoyer für eine Kultur der Ermöglichung in unseren Pfarren“ verfasst, um genau dieses Miteinander zu fördern. Was beinhaltet dieses Plädoyer genau beziehungsweise wozu will es anregen?

Reinhard Bödenauer: Das Plädoyer ist in Zusammenarbeit der Katholischen Aktion und der Pfarrgemeinderatsinitiative entstanden. In dem Plädoyer geht es zum einen um das Thema Wertschätzung und in diesem Zuge auch um ein Sehen der Charismen, der Möglichkeiten aller Menschen, die in einer Pfarre sind, und um das Nutzen dieser Charismen zum Wohle aller. Dann geht es um eine Gleichwertigkeit aller Getauften – wir sind als Priester, als Hauptamtliche und als Laien getauft. Als solche wirken wir in der Kirche und haben auch unsere Aufgaben. Und es geht auch darum, aufzuzeigen, dass es notwendig ist, neue Wege zu gehen – also in dem Sinne, dass wir ins Pfarrgebiet hinausgehen müssen und nicht sagen können, alle müssen zu uns kommen. Das wird es in Zukunft nicht mehr spielen.

Markus Beranek: Wir müssen schauen und fragen: Was ist es, was die Menschen, die in einem Krätzl leben, brauchen, und wie können wir einen Raum schaffen, um ihre Anliegen, um die für sie wichtigen Themen umzusetzen? Die spannende Herausforderung besteht jetzt darin, zu sehen, was sich daraus vielleicht für ganz neue seelsorgliche Fragestellungen ergeben. Wo das so passiert, da wird Pfarre ganz stark von einem sozialräumlichen Denken her gestaltet. 

Miteinander in den Pfarren

Welche Voraussetzungen braucht es, damit sich dieses gute Miteinander entwickeln kann? 

Markus Beranek: Ich glaube, es kommt darauf an, dass Menschen Erfahrungen machen und sich dann zutrauen, etwas umzusetzen. Ich würde gerne ein Beispiel aus dem Weinviertel geben, aus dem Pfarrverband Leiser Berge, wo ich mich schon seit mittlerweile mehr als 20 Jahren regelmäßig in unterschiedlichen Rollen einbringe: Vor einigen Jahren kam mal die Bitte an mich, ob ich bei Exerzitien im Alltag unterstützen könnte – das habe ich natürlich sehr gerne gemacht und hatte dann auch den Eindruck, dass das gut gelaufen ist. Es war eine engagierte Gruppe und es war wirklich berührend, wie die Leute sich darauf eingelassen haben. Und nicht nur das: Seither machen sie diese Exerzitien im Alltag selber und ich habe irrsinnig viel Freude daran, zu erleben, wie sie die Verantwortung übernommen haben und da im Miteinander ganz konkret etwas entsteht. 

Barbara Radlmair: Grundsätzlich bin ich überzeugt, dass es das in jeder Pfarre bereits gibt, vielleicht jetzt nicht umfassend flächendeckend, aber dass es sehr wohl einzelne Punkte gibt, wo man es wirklich fühlt.
 

Pfarren: Wie man Anschluss finden kann

Was würden Sie ganz konkret tun, wenn jemand auf Sie zukommt und sagt, ich versuche schon so lange, in dieser Pfarre Fuß zu fassen, aber ich finde keinen Anschluss?

Barbara Radlmair: Ich würde einfach einladen, mit mir mitzugehen, den Gottesdienst mit mir zu besuchen. Ich glaube, es geht nur über das persönliche Gespräch. Und im Zuge dessen würde ich versuchen, herauszufinden, was diese Person interessiert und welche Gruppe in der Pfarre ihr gefallen könnte oder wo sie sich einbringen könnte, um einen konkreten Vorschlag zu machen, der dieser Person auch entspricht.

Markus Beranek: Ich schließe mich an. Ich erlebe das Thema tatsächlich oft als herausfordernd. Aber mein Eindruck ist, dass in den letzten Jahren da und dort das Bewusstsein für Gastfreundschaft und dafür, wie wir neue Menschen willkommen heißen, doch ein Stück gewachsen ist. Es geht immer nur über ganz konkrete persönliche Kontakte.
 

Pfarren öffnen Räume der Begegnung mit Gott

Wenn Pfarren Räume öffnen, Räume, um sich zu treffen, um zu reden, um zu spielen – wie werden die dann auch zu Räumen der Spiritualität und der Begegnung mit Gott?

Reinhard Bödenauer: Diese Räume sind nicht getrennt zu denken. Spiritualität ist eines von vielen Angeboten einer Pfarre. Und die vielfältige Spiritualität, die es gibt, ist in der Gesellschaft auch sehr gefragt. Menschen wollen sich ja nicht nur treffen, um zu reden und miteinander zu sein, sie wollen auch Ruhe und Stille finden. Ich glaube, es ist wichtig, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich für ihre Idee oder für eine Sache oder ein Thema engagieren zu können – das hat dann im ersten Moment vielleicht gar nicht so offensichtlich mit dem Glauben zu tun. Ich denke da an Bereiche für Umwelt oder Fluchthilfe – aber während man sich da engagiert, tritt man auch in Verbindung mit dem, was uns als Kirche mit ausmacht, mit dem Thema Spiritualität.

Gott begegnet uns inmitten dieser Welt.

MARKUS BERANEK

Markus Beranek: Wie es das Zweite Vatikanische Konzil in der Kirchenkonstitution gesagt hat: Kirche ist Sakrament. Das heißt Zeichen und Werkzeug. Ganz frei mit meinen Worten gesagt: Menschen sollen hier Gott auf die Spur kommen und zusammenfinden. Kirche hat also von ihrem Selbstverständnis des Konzils einen wesentlichen Beitrag dazu zu leisten, Leute zusammenzubringen. Gott begegnet uns inmitten dieser Welt. Und ich sehe es auch als ein wichtiges Zukunftsprojekt, einfach viel Aufmerksamkeit dafür zu haben, wie Pfarren qualitätsvolle Orte sein können, wo Menschen eine Aufmerksamkeit für Gott einüben können, aus der dann eine verstärkte Aufmerksamkeit für ihre Mitmenschen erwächst. Pfarren sehe ich also ganz konkret als Lernort von Spiritualität, die letztlich auch dazu befähigt, sich umso bewusster auch auf das Leben und auf Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit einzulassen.

Barbara Radlmaier: Ich möchte sagen: Gott begegnet mir in jedem Menschen. In jedem Einzelnen begegnet er mir, begegnet sie mir. Und alleine das schafft schon Spiritualität. Und ich glaube einfach, dass alle Mitarbeitenden in Pfarren, in Gemeinden, Spiritualität in sich tragen. Was im Gotteshaus passiert, in den Gottesdiensten, ist ein Teil. Aber das alleine – damit kommen wir gerade bei den Menschen nicht mehr so gut an. Auch weil sie eben oft weit weg sind. Ich merke das zum Beispiel als Begräbnisleiterin – da kommt ganz oft die Frage: „Wie mache ich das mit dem Glauben? Wie glaube ich an Gott? Ich weiß nicht, wie das geht.“ Und dann bin ich als Vertreterin der Kirche, als Vertreterin dieses Glaubens da und kann versuchen, die Menschen mitzunehmen. Ich glaube, dass es diese kleinen Begegnungen sein müssen, die den Unterschied machen. Es ist schön, ein Abendgebet in einer Kirche zu haben oder einen Gottesdienst, bei dem ich mich selbst wohlfühle und aufgehoben fühle. Aber um Menschen zuerst mal dorthin zu bringen, brauche ich die Alltagsbegegnung.

Offene, lebendige Pfarren

Was macht Ihrer Ansicht nach eine lebendige, offene Pfarre aus?

Barbara Radlmair: Dass wirklich auf Augenhöhe miteinander gearbeitet wird, dass Frauen und Männer jeden Alters – also ebenso Kinder und Jugendliche – miteinander leben können und in gleicher Verantwortung für diese Kirche sind. Pfarre soll ein Ort sein, an dem die Chance besteht, alle zu hören, alle wahrzunehmen und ihnen Raum zum Leben zu bieten, weil Leben auch Glauben heißt.

Markus Beranek: Augen aufmachen, Ohren aufmachen, hinhören, voneinander und miteinander lernen und einfach die Herausforderungen wahrnehmen, die uns in unserem Umfeld entgegenkommen. In all dem kommt uns Gott entgegen – wir müssen das nur entdecken. Auch aus dem Impuls der Synodalität heraus.
Reinhard Bödenauer: Synodalität ist auch für mich ein wichtiges Schlagwort – das Thema Zuhören und nicht beim Zuhören immer schon die Antwort im Kopf formulieren. Dann werden wir auch neuen Ideen Platz geben, neue Räume öffnen und neue Gruppen und Menschen finden.

Autor:
  • Portraitfoto von Andrea Harringer
    Andrea Harringer
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