"Keine Angst vor Vernunft"

Gedanken zu Glaube und Vernunft
Ausgabe Nr. 11
  • Meinung
Autor:
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Klausnitzer ist Rektor der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. ©Elisabeth Fürst

Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Klausnitzer, Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Heiligenkreuz, teilt seine Gedanken über Glaube und Vernunft.

Die Enzyklika „Fides et Ratio“ (1998) von Papst Johannes Paul II. beginnt mit dem Programmsatz „Glaube und Vernunft sind wie die beiden Flügel, mit denen sich der menschliche Geist zur Betrachtung der Wahrheit erhebt“. Damit steht der Papst in einer Tradition, die bis in das Neue Testament, ja sogar in die vorchristliche Antike zurückreicht. In seiner Aufgliederung der Philosophie spricht Aristoteles von einer „Philosophischen Theologie“, mittels derer der Mensch auch ohne Offenbarung durch vernünftiges Nachdenken zu Aussagen über das Göttliche kommen kann. In Röm 1,19–21 behauptet Paulus, dass alle Menschen, auch wenn sie keine Offenbarung erhalten haben, dennoch zumindest die Existenz Gottes erkennen können, wenn sie ihre Vernunft nur gebrauchen würden. In der Folgezeit bekam dieser Weg die Bezeichnung „Natürliche Theologie“ oder „Philosophische Gotteslehre“ und war in der katholischen Theologie sehr angesehen, während manche evangelischen Theologen aus der Schule Karl Barths ihn eher beargwöhnten. Barth sprach in diesem Zusammenhang von der „Analogia entis“ (einer seinsmäßigen Verbindung des Menschen mit Gott) als der wahren „Erfindung des Antichristen“ und dem einzigen (!) Grund, nicht katholisch zu werden. Allerdings stehen, und das war vielleicht das Missverständnis von Barth, im katholischen Denken Offenbarung und Vernunft nicht völlig gleichrangig nebeneinander.

Der große mittelalterliche Theologe Anselm von Canterbury (+ 1109) hat das Motto der Theologie als Glaubenswissenschaft so formuliert: „Fides quaerens intellectum“, der durch die Offenbarung vermittelte Glaube sucht mit der Hilfe der Vernunft eine Einsicht in sein Wesen und gewinnt dadurch hoffentlich nach 1 Petr 3,15 eine plausible Argumentation, die Nichtglaubende vielleicht nicht übernehmen, aber doch wenigstens verstehen könnten. Mit Thomas von Aquin (+ 1274) hat das 1. Vatikanische Konzil in der Dogmatischen Konstitution „Dei Filius“ (1870) deshalb erklärt: „Aber auch wenn der Glaube über der Vernunft steht, so kann dennoch niemals zwischen Glaube und Vernunft ein echter Dissens bestehen; denn derselbe Gott, der die Mysterien offenbart und den Glauben eingibt, hat der menschlichen Seele das Licht der Vernunft eingegeben. Gott aber kann sich nicht selbst verneinen, noch kann die Wahrheit jemals im Widerspruch zu sich selbst geraten“.

Das wird als Prinzip aufgestellt. In der Geschichte hat es immer wieder einen Dissens zwischen kirchlicher und wissenschaftlicher Lehre gegeben. Die Fälle Galileo Galilei oder Charles Darwin sind Paradebeispiele dafür. Deswegen ist das Prinzip des Konzils hilfreich, weil es eine Grenze bildet gegen jede Form des biblischen Fundamentalismus. Glaube und Vernunft können sich nicht widersprechen. Wenn beide sich dennoch widersprechen, dann muss dieser Widerspruch aufzulösen sein, etwa durch eine deutlichere Reflexion darauf, worum es sich beim Glauben eigentlich handelt, oder durch ein Bewusstmachen der Grenzen menschlicher Wissenschaft.

Der Kommentar drückt die persönliche Meinung des Autors aus!

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Autor:
  • Wolfgang Klausnitzer
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