Insel der Hoffnung inmitten des Leidens
Interview mit Abt Nikodemus SchnabelDer Krieg im Heiligen Land prägt den Alltag der Menschen in Israel und Palästina – auch jenen der christlichen Gemeinschaften in Jerusalem. Die Benediktiner der Dormitio-Abtei erleben die Folgen des Konflikts ebenso wie zunehmende Anfeindungen gegen Christen. Gleichzeitig halten sie an ihrem Auftrag fest: Orte der Gastfreundschaft, des Gebets und der Begegnung zu sein. Im Interview spricht Abt Nikodemus Schnabel über Hoffnung in schwierigen Zeiten, die humanitäre Lage in Gaza und die Bedeutung von Versöhnung.
Leben im Krieg und die Situation der Christen
Wie ist es momentan in Jerusalem zu leben? Gibt es Hoffnung auf eine Besserung der Lage?
ABT NIKODEMUS SCHNABEL: Was mir Hoffnung macht und definitiv der bessere Weg ist als der Waffengang sind die Schritte weg vom Waffengang hin zur Diplomatie. Es geht in eine positive Richtung, doch Frieden ist etwas anderes, mehr als Abwesenheit von Waffengängen.
Frieden hat den Aspekt von Gerechtigkeit, Versöhnung, Anerkennung des Leids des anderen.
Da ist noch viel zu tun. Dass der Krieg in manchen Diskussionen so bekömmlich geworden ist, beschäftigt mich. In Europa wird wieder selbstverständlicher über Krieg gesprochen. Wir sehen, was der Krieg anrichtet: Zerfetzte Körper, zerstörte Biografien, Umwelt- und Kulturschäden. Aber ich bin ein Mensch der Hoffnung. Ich bete mit meinen Brüdern und bin bereit am Projekt Versöhnung und Dialog mitzuwirken. Ich habe die vorsichtige Hoffnung auf eine gute Entwicklung.
Erlebt ihr als Gemeinschaft Aggressionen?
Es gibt den großen Krieg – zu dem es – zynisch gesprochen – „Kollateralschäden“ gibt unter den Menschen in Israel, in Palästina und in der gesamten Region. Hiergegen sind wir relativ gut geschützt dank Raketen-Warn-Apps und den Schutzräumen in unseren Klöstern. Weniger geschützt sind wir gegen die anti-christlichen Übergriffe von Kahanisten, also Anhängern der Ideologie von Meir Kahane. Diese Leute fordern: „Israel den Juden, Nicht-Juden raus!“ Sie lehnen alle Menschen ab, die nicht in ihre radikale Ideologie passen: muslimische und christliche Palästinenser, europäische Christen, liberale Juden. Meine Mitbrüder und ich werden angegriffen, weil wir Christen sind. Wir hatten 2015 einen verheerenden Brandanschlag auf unser zweites Kloster, Tabgha am See Gennesaret, wo damals kahanistische Extremisten das Atrium unserer Kirche und Teile unseres Klosters niedergebrannt haben. Es gleicht einem Wunder, dass damals niemand in den Flammen umgekommen ist, sondern Volontäre und Mönche „nur“ mit Rauchvergiftungen ins Spital eingeliefert werden mussten und ein Brandschaden von 1,6 Millionen Euro zurückblieb. Der Verteidiger der Brandstifter war Itamar Ben-Gvir, selbst ein vorbestrafter Krimineller, der nicht im israelischen Militär dienen durfte, weil er Unterstützer einer jüdischen Terror-Organisation war. Mittlerweise ist er Israels Minister für nationale Sicherheit – und damit auch Polizeiminister. Das zeigt die Dramatik der heutigen Situation.
Wie zeigt sich diese konkret im Alltag?
Dadurch, dass es völlig enttabuisiert ist, dass ich auf offener Straße unzählige Male angespuckt und beschimpft werde, manchmal sogar von Soldaten in Uniform. Der Christenhass wird immer stärker. Eine französische Ordensfrau, die unser Kloster besucht hatte, wurde vor unserer Klostertür zusammengeschlagen und zusammengetreten. Da gab es einen internationalen Aufschrei, doch ist das leider kein Einzelfall. Als videodokumentierter Fall ist er in seiner Brutalität singulär. Zwei jüdisch-israelische Frauen dokumentieren die antichristlichen Gewaltakte. Das ist ein Zeichen dafür, dass die Mehrheit der israelischen Zivilgesellschaft wie Rabbiner, Kunstschaffende, Intellektuelle und etwa auch große Teile der Professorenschaft der Hebräischen Universität in Jerusalem den Christenhass klar und deutlich verurteilen. Doch die israelische Politik schweigt dazu: Ordensleute werden angegriffen, Kreuze zerstört und christliche Friedhöfe geschändet. Besonders dramatisch ist die Situation der Christen in Gaza. In der Westbank hat das einzige vollständige palästinensische christliche Dorf Taybeh traurige Berühmtheit erlangt, da es mittlerweile täglich von radikalen jüdischen Siedlern angegriffen wird.
Wie sieht es mit humanitärer Hilfe im Gazastreifen aus?
Während wir hier sprechen, befindet sich gerade eine Delegation des Souveränen Malteserorden mit dem Lateinischen und dem Griechischen Patriarchen in Gaza. Das Augenmerk der Caritas Jerusalem und des Malteserordens liegt auf der christlichen Minderheit, die in Gaza gerade noch tausend Personen ausmacht. Auch die muslimischen Nachbarn der christlichen Minderheit konnten versorgt werden, sodass ca. 5000 Menschen Hilfe geleistet wurde. In Gaza leben aber 2 Millionen Menschen, für die die Situation mehr als prekär bleibt. Lebensmittel kommen ausreichend hinein, das große Problem ist die medizinische Versorgung und die katastrophale sanitäre und hygienische Situation.
Die Mission der Benediktiner und der Blick nach vorn
Worin besteht eure auch im Ausland anerkannte und geschätzte Mission?
Uns sind zwei wunderbare Orte in Jerusalem und Tabgha anvertraut. Die erste Entscheidung war, trotz des Krieges in Treue auszuharren, die zweite, mit offenen Türen gastfreundschaftlich auszuharren.
Unsere beiden Klöster wurden zu zwei Hoffnungsinseln in einem Ozean von Leid.
Materiell gesprochen hängen durch unsere Angestellten hundert Personen an unseren Gehaltszahlungen, für die wir als Mönche Verantwortung tragen. Wir unterhalten 27 Vollzeitstellen sowie weitere Teilzeitstellen, von denen ganze Familien leben, darunter viele Kinder im schulpflichtigen Alter. Unsere Angestellten sind vorwiegend einheimische Christen, wir beschäftigen aber auch Juden und Muslime. Wir brauchen die Angestellten, denn in Friedenszeiten besuchen jeweils 5000 Menschen pro Tag unsere beiden Klöster – momentan bin ich froh, wenn es 15 sind.
Du bittest um Spenden, um den Betrieb aufrechtzuerhalten.
Ja, wir haben einen Sozialfond eingerichtet. Es geht dabei nicht um uns Mönche, sondern um die Angestellten und deren Angehörige, die uns anvertraut sind. In Jerusalem sind wir während des Krieges nicht nur als Gebetsort ein Ort des Trostes, sondern auch ein Ort echter menschlicher Begegnungen geworden, über Sprach- und Religionsgrenzen hinweg durch Ausstellungen und Konzerte. Die Kunst ist nämlich leider oft das Erste, wofür im Krieg kein Platz mehr ist.
Es gibt auch Lichtblicke, das Theologische Studienjahr Jerusalem beispielsweise…
Theologiestudierende der verschiedenen Kirchen aus dem deutschen Sprachraum können sich für ein Studienjahr bei uns in Jerusalem bewerben und dort in ökumenischer Lerngemeinschaft tiefer in die Welt der Bibel, der Archäologie, des Judentums, des Islams und der Ostkirchenkunde eintauchen. Auch das neue, im August beginnende Theologische Studienjahr ist wieder voll belegt. Das macht Freude.
Am 21. März 1906 kamen die ersten Mönche nach Jerusalem, um ein Benediktinerkloster zu gründen, zwanzig Jahre später wurde die „Dormitio“ zur Abtei erhoben und darf am 15. August ihr hundertjähriges Bestehen feiern.
Das ist wirklich ein Gottesgeschenk! Schon während des Krieges hatten wir einen Eintritt. Wir werden jetzt im August zwei Eintritte haben. Unser Bleiben, unser Ausharren in Treue scheint etwas in den Herzen junger Menschen auszulösen. Im August haben wir auch wieder unser Angebot „Kloster auf Zeit“, zum Kennenlernen, zu dem man sich auch noch immer kurzfristig anmelden kann!
Dormitio-Abtei Jerusalem
Ein Ort der Hoffnung, des Gebets und des Dialogs mitten im Heiligen Land.
Erfahren Sie mehr über die Arbeit der Benediktiner, Unterstützungsmöglichkeiten, das Theologische Studienjahr Jerusalem und „Kloster auf Zeit“ auf dem Schottenportal.