„In meinem Alter ist jeder Tag ein Geschenk“

Glaubenszeugnis
Ausgabe Nr. 15
  • Spiritualität
Autor:
Ingrid Donharl hat sich viele Jahre in  Sankt Anna im 14. Bezirk engagiert. Jetzt lebt sie in Baden, wo sie ihren früheren Pfarrer Clemens Abrahamowicz wiedergetroffen hat.
Ingrid Donharl hat sich viele Jahre in Sankt Anna im 14. Bezirk engagiert. Jetzt lebt sie in Baden, wo sie ihren früheren Pfarrer Clemens Abrahamowicz wiedergetroffen hat. ©Privat

Ingrid Donharl, 86, hat den Glauben nach ihrer Pensionierung wiederentdeckt und viele Jahre ihr Organisationstalent in den Dienst der Kirche gestellt.

Ingrid Donharl lebt seit zwei Jahren in einer Betreutes-Wohnen-Einrichtung in Baden. Sie erlebte die Kirche in ihren einzelnen Lebensphasen unterschiedlich.

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Die Kirche als Ort der Erinnerung, der Distanz und der neuen Nähe

Frau Donharl, spielte der Glaube in Ihrer Kindheit eine große Rolle?

Ich bin 1940 geboren, war ein lange ersehntes Einzelkind und bin in einer liebevollen Familie aufgewachsen. Meine Familie war zwar religiös, aber nicht sehr. Wir haben zum Beispiel nur einmal im Jahr miteinander gemeinsam gebetet, am Heiligen Abend das Vaterunser. Zwei Orte haben mich in meiner Kindheit, was den Glauben betrifft, besonders geprägt: Wir wurden aus dem damaligen Böhmen vertrieben und kamen in ein kleines Dorf in den Bayrischen Wald, in dem es kaum etwas gab außer der Kirche. Dort habe ich in der dritten Klasse die Erstkommunion empfangen, in einem Kleid, das mir von einem der Bauernkinder aus dem Dorf geborgt wurde. Der zweite Ort war Regensburg, dorthin sind wir 1949 gezogen. Das Mädchengymnasium, das ich besucht habe, hatte einen starken religiösen Einfluss auf mich. Wir mussten einmal wöchentlich um sieben Uhr vor der Schule die Heilige Messe besuchen. Das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen. Aus dieser Zeit kommt auch meine enge Verbindung zu Georg und Joseph Ratzinger. Die Bücher von Joseph Ratzinger, Papst Benedikt XVI., habe ich gern gelesen. 

Der Glaube ist später in den Hintergrund gerückt.

Während meiner Berufstätigkeit – ich war Chefsekretärin in einem multinationalen Unternehmen – ist mir die Kirche etwas abhandengekommen. Das war damals eine stressige Zeit. Die Messen waren bei uns am Sonntag um neun Uhr, es gab keine bequemen Sonntagabendmessen. Neben meinem Beruf habe ich außerdem viele karitative Projekte verwirklicht. Erst nach meiner Pensionierung habe ich mich wieder stärker auf den Glauben rückbesonnen. Da hatte ich wieder mehr Zeit, um all die Talente zu verwirklichen, die Gott mir gegeben hat. Vor allem mein Organisationstalent. 

Sie waren viele Jahre in der Pfarre Sankt Anna – heute Mutter Teresa – in Baumgarten im 14. Bezirk engagiert.

Ich habe dort im Kirchenchor gesungen und ihn organisiert, außerdem Pfarrfeste und Agapen sowie verschiedene Pfarrreisen, nach Nord- und Südtirol und an den Gardasee. Der damalige Pfarrer, Clemens Abrahamowicz, ist eine der Persönlichkeiten, die mich sehr geprägt haben. Ich höre mir auch heute noch die Impulse an, die er zu den Lesungen im Internet veröffentlicht.  

Die Kirche als verbindende Kraft am neuen Wohnort

Sie haben ihn überraschenderweise in Baden, wo Sie heute leben, wiedergetroffen.

Er ist seit zehn Jahren in Baden Sankt Stephan Pfarrer. Als ich vor zwei Jahren von Wien hierher gezogen bin, habe ich mich sehr gefreut, ihn hier wiederzusehen. Und er hat mich heuer wieder mit dem Organisieren einer Pfarrreise beauftragt. Wir werden nach Meran fahren.

In Baden leben Sie in einer ‚Betreutes-Wohnen‘-Einrichtung. Ist Ihnen der Umzug aus Wien schwergefallen?

Es war ein erster Schritt des Abschiednehmens. Ich bin in einem Alter, in dem jeder Tag ein Geschenk ist, eine Gnade Gottes. Ich fühle mich hier aber sehr wohl. Im Haus gibt es 26 Bewohner. Zu meiner Überraschung sind nur wenige religiös. Ich bin hier eine kleine Missionarin. Ein paar der Bewohner konnte ich schon mobilisieren, mit mir in die Kirche zu gehen, zu musikalischen Aufführungen, zu Vorträgen oder ins Pfarrcafé. Ich versorge die anderen Bewohner auch regelmäßig mit dem Wochenplan aus der Pfarre. 

„Der Glaube war und ist eine große Stütze für mich.“

Ingrid Donharl

Wenn Sie auf Ihr langes Leben zurückschauen: Wo war Ihnen Gott besonders nahe?

Einmal bin ich nach Israel gereist. Ich erinnere mich, wie ich dort die Via Dolorosa entlang bis zur Grabeskirche gegangen bin. Diese Eindrücke haben mich mein ganzes Leben nicht losgelassen. Der Glaube war eine große Stütze für mich. Ich hatte zwei Situationen in meinem Leben, in denen ich nicht wusste, wie es weitergehen soll. In denen ich nur noch den Schmerz gesehen habe. Da habe ich gebetet und Trost und Heimat gefunden. 

Schlagwörter
Autor:
  • Sandra Lobnig
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