Ein Museum das Vergessen ausstellt

Besuch am Judenplatz
Ausgabe Nr. 7
  • Kunst und Kultur
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Diese Tora-Aufsätze wurden dem Bethausverein Montefiore in der Leopoldstadt einst von Jacob und Bertha Spitz gespendet – über die Spender ist heute nichts mehr bekannt.
Diese Tora-Aufsätze wurden dem Bethausverein Montefiore in der Leopoldstadt einst von Jacob und Bertha Spitz gespendet – über die Spender ist heute nichts mehr bekannt. ©Jüdisches Museum Wien
Das Museum am Judenplatz in der Wiener City lädt zu seiner neuen Ausstellung "Alles vergessen".
Das Museum am Judenplatz in der Wiener City lädt zu seiner neuen Ausstellung "Alles vergessen". ©Jüdisches Museum Wien
Der Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann enthält tausende handbeschriebene Zettel.
Der Zettelkasten des Soziologen Niklas Luhmann enthält tausende handbeschriebene Zettel. ©Jüdisches Museum Wien

Ein Museum des Erinnerns widmet sich dem Vergessen: Mit der Ausstellung „Alles vergessen“ beleuchtet das Jüdische Museum Wien am Judenplatz die Lücken und Brüche im kollektiven Gedächtnis. Die Schau fragt auch, wie das Vergessen selbst Teil unserer Geschichte geworden ist.

Das Jüdische Museum Wien widmet seine neue Ausstellung am Judenplatz einem scheinbaren Paradox: dem Vergessen. Ausgerechnet ein Museum, das für das Bewahren von Geschichte steht, richtet den Blick auf Lücken in der Erinnerung. „Wir haben uns gefragt: Was ist mit jenen Teilen der Geschichte, die nicht gesammelt werden? Was ist mit Objekten, deren Geschichte wir nicht mehr kennen?“, sagt Museumsdirektorin Barbara Staudinger. Die Schau „Alles vergessen“ wurde am Internationalen Holocaust-Gedenktag eröffnet und gedenkt somit auch der vielen vergessenen, unbekannten Opfer der Shoah. Hierfür steht die Fotografie eines Häftlings aus dem KZ-Au- schwitz, deren Fotonegativ nur zufällig der Vernichtung durch die Täter zu Kriegsende entging. Sein Name ist unbekannt. 

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Vergessen als Thema

Das Thema des Vergessens hat Brigitte Kowanz in eine Lichtinstallation umgesetzt. Das hebräische Wort „lischkoach“ – vergessen – spiegelt sich als Leuchtschrift ins Unendliche, sodass die Betrachtenden selbst Teil dieses Prozesses werden. Die Schau versammelt Objekte, die stellvertretend zeigen, auf welche Weise Vergessen erzeugt, erzwungen oder überhaupt erst sichtbar gemacht wird. Ein Beispiel dafür ist der rabbinische Bannbrief gegen Baruch de Spinoza aus dem Jahr 1656, der jeden Umgang mit dem Philosophen untersagte und demonstriert, wie innerjüdisches Vergessen auch als Instrument der Autorität eingesetzt werden konnte.

Gegen das Vergessen: Ein Hitlerbild wurde 1945 rasch zum Andreas-Hofer-Portrait „übermalt“

Ein anderer Prozess des Vergessens zeigt sich in Selbstportraits des Künstlers William Utermohlen, die sein allmähliches Entgleiten in die Demenz dokumentieren. 
Gezeigt wird auch, wie politisch Vergessen sein kann: Kurt Waldheims Wehrstammbuch steht exemplarisch für Österreichs lange gepflegte „Vergessenskultur“. Ein früheres Hitler-Portrait, das 1945 rasch zum Andreas-Hofer-Bild umgemalt wurde, führt ebenso den Wunsch nach Überdeckung vor. 

Niklas Luhmanns Zettelkasten

Weitere Ausstellungsstücke sind Niklas Luhmanns berühmter Zettelkasten als Monument des „Verwahrensvergessens“ sowie der Film „Night and Fog“ von Dani Gal über die Verstreuung von Adolf Eichmanns Asche im Mittelmeer. „Alles vergessen“ macht sichtbar, wie selektives Ausblenden Identitäten prägt und wie erst die bewusste Konfrontation mit den verschwundenen, verdrängten oder überschriebenen Spuren zu einem umfassenderen Verständnis führt. Tröstlich ist: Auch das Vergessen bleibt nie ganz spurlos. 

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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