Ein leuchtender Mantel für Gottes Wort

Neues Evangeliar
Ausgabe Nr. 4
  • Kunst und Kultur
Autor:
neues Evangeliar
Die Textillustrationen im neuen Evangeliar beruhen auf einem mehrstufigen Prozess und möchten eine Bewegung aus dem Text heraus ausdrücken. ©Atelier Cremer
Das neue Evangeliar
Das Evangeliar wird von einem eingeprägten „Band“ in Form eines Kreuzes umfasst, die Vorderseite (rechts) schmückt eine Mandorla, eine mandelförmige Glorie mit dem Kreuz im Zentrum. ©Atelier Cremer
Der Künstler des neuen Evangeliars, Christof Cremer, lebt und arbeitet in Wien.
Christof Cremer hat sich auf dem Gebiet der sakralen Kunst bereits einen Namen gemacht. ©Atelier Cremer

Für die künstlerische Gestaltung des neuen Evangeliars für die Sonn- und Feiertage zeichnet der deutsche Bühnen- und Kostümbildner Christof Cremer verantwortlich. Er lebt und arbeitet in Wien und hat sich u. a. im Bereich der sakralen Kunst einen Namen gemacht. Im Interview mit dem SONNTAG spricht Christof Cremer über die besondere Gestaltung des neuen Buches für die feierliche Liturgie.

Wir treffen Christof Cremer im Studio von radio klassik auf dem Wiener Stephansplatz. Mitten in den Vorbereitungen zur Gestaltung des Wiener Zuckerbäckerballs findet er Zeit, uns von einem vor kurzem abgeschlossenen künstlerischen Projekt zu erzählen: der Gestaltung des neuen Evangeliars für die Sonn- und Feiertage.

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Herr Cremer, Sie haben das neue Evangeliar für den Gottesdienst für die deutschsprachigen Katholiken gestaltet. Was genau ist denn ein „Evangeliar“?

Christof Cremer: Das Evangeliar beinhaltet die vier Evangelien, sortiert nach den drei Lesejahren, nach den jeweiligen Anlässen und wird im liturgischen Vollzug vorwiegend an Sonn- und Feiertagen benutzt, um den Gottesdienst noch feierlicher zu gestalten.

Was war der Anlass für die Neugestaltung des Evangeliars?

Der Anlass liegt in der Neuübersetzung in der neuen Einheitsübersetzung. Die Bischöfe im deutschen Sprachgebiet hatten eine neue Einheitsübersetzung beschlossen. 2006 begannen die groß angelegten Arbeiten, an denen etwa 50 ausgewiesene Fachexperten mitwirkten. So konnte im Jahr 2016 ein neuer, für die Feier der Liturgie verbindlicher Bibeltext in deutscher Sprache vorgestellt werden, der Eingang in Lektionare und Evangeliar findet. Das heißt, mit den übersetzten Texten müssen auch die Bücher neu gestaltet werden.

Wie sind Sie als Künstler an die Neugestaltung herangegangen?

Ich versuche als Künstler gesamtheitlich zu denken und aus dem Inhalt eine Form zu entwickeln. Das ist die alles verbindende Linie in meinen gesamten vielfältigen Tätigkeiten. Und hier ging es mir darum, zu sagen: Wie kann ich aus dem Verständnis der Texte und des Inhaltes eine Form entwickeln, die diese Texte gesamtheitlich umschließt?

Eine zentrale Frage war für Sie: Wie schafft man einen bildnerischen Bezug zu den Texten?

a, in der Herangehensweise und Erarbeitung war für mich sehr schnell klar, dass ich mir keinen figürlichen Zugang wie in mittelalterlichen Buchmalereien vorstellen kann, sondern nur eine abstrahierte Form dessen. Ich wollte die Evangeliumstexte nicht bebildern, sondern visuell anreichern. Hier sind wir einen langen Prozess gegangen. Wir haben die Texte mithilfe von theologischen Beratern analysiert. Diese Analyse mündete in einer Verdichtung der Aussage des konkreten Textes in eine Bewegung. Diese wurde dann von einem Tänzer in einer geleiteten Improvisation umgesetzt und mittels Langzeitbelichtungen und Videos dokumentiert.Da sind dann viele Fotos und Videos und langzeitbelichtete Fotos entstanden. Die in verschiedenen Bildebenen überlagerten Bewegungen wurden freigestellt, grafisch bearbeitet und abstrahiert. Die aus diesem Prozess resultierenden Formen wurden mit den ausgewählten altgriechischen abstrahierten Texten gefüllt und in eine ebenfalls abstrahierte Hintergrundebene eingefügt sowie in die jeweils entsprechende liturgische Farbe eingefärbt.

Der Leitgedanke ist dabei, dass der Text in seiner Dynamik, in der ihm innewohnenden Bewegung zum Betrachter spricht. Es geht um den Gestus und nicht um eine Bebilderung im klassischen Sinne.

Wie sieht es um die äußere Gestaltung des Evangeliars aus?

Es heißt ja in der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums: Nichts kann edel genug sein, um den Gottesdienst zu schmücken. Es geht nicht um Protzen oder Sonstiges, sondern es geht darum, den Gottesdienst zu schmücken in einer qualitativ hochwertigen Form.
Das gesamte Textkonvolut des Evangeliars wird vorne, hinten und seitlich von einem eingeprägten goldenen Band in Kreuzform umfasst. Dieses Kreuz wird auf dem Buchdeckel aus den abstrahierten Textanfängen der vier Evangelien gebildet, denn die vier Evangelien zusammen erzählen eine Heilsgeschichte im Zeichen des Kreuzes. Auf der Rückseite befinden sich wiederum die vier Abschlüsse der Evangelien in abstrahierter Form, wiederum in der Form so angeordnet, dass sie ein Kreuz ergeben. Dazu kommt auf der Buchvorderseite die Form der Mandorla (italienisch für „Mandel“), die wir auch aus der mittelalterlichen Buchmalerei kennen und die dort den thronenden Christus umgibt. Diese Mandorla aus dynamischen goldenen Linien und mit dem Kreuz im Zentrum zieht den Betrachter optisch in das Buch hinein und verleitet, es aufzuschlagen.

Das heißt, wenn das Evangelium in der Prozession in die Kirche hineingetragen wird, sehen wir zuerst die Vorderseite mit der prägnanten Mandorla und dem Kreuz darunter liegend. Wenn dann der Träger von hinten sichtbar ist, sehen wir das goldene Kreuz. Die Handhabung des Buches ist also mitgedacht bei der Gestaltung.

In welchen Ausgaben gibt es das Evangeliar?

Das Evangeliar gibt es in Ausgabe A (mit 35 Bildtafeln) und in Ausgabe B (ohne Bildtafeln). Beide Ausgaben zeichnen sich durch eine hochwertige Ausstattung aus und enthalten die Evangelienperikopen der Lesejahre A, B und C. Weiters gibt es eine Künstlerausgabe. Bei dieser wurden hochwertigste Materialien von Kunsthandwerkern in Einsatz gebracht. Diese Ausgabe ist in schwere mit Reliefstickerei versehene Seidenduchesse gebunden. Die Vorder- und die Rückseite sind mit vergoldeten Messingreliefs bestückt.

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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