Die wahren Abenteuer sind im Kopf ...
PassionswegeIch bin der André Heller. Und es war eine ziemliche Arbeit, der zu werden, im heutigen Zustand. Weil es ja so ist, dass man als Entwurf zu einem Menschen auf die Welt kommt. Und dann muss man schauen, dass man aus dem Entwurf etwas halbwegs an ein gutes, sinnvolles Werk Herankommendes schafft. Oder man ist auch so etwas Ähnliches wie ein Marmorblock, in dem drinnen eine Figur wartet, herausgehauen zu werden. Und die Figur in meinem Fall war ich.“ Das sagt Heller bei der Bitte um Selbstvorstellung.
Bedeutende Kraftquellen daheim
Weihrauchduft empfängt einen beim Eintritt in André Hellers Wiener Stadtwohnung im Ersten Bezirk. Das Gespräch ist im großen Wohnatelier, das angeräumt ist „mit für mich bedeutenden Kraftquellen“, unterstreicht Heller. Denn hier befinden sich große Gemälde, wie auch große Ausstellungsstücke aus verschiedenen Orten und Kontinenten. Für ihn sind sie „wie Sandsäcke in einer Überschwemmungssituation“.
Ein "Riechtheater" bei der Großmutter
Düfte und Gerüche sind für den Künstler in vielen Bereichen von klein auf orientierungsgebend. „Die Pieps hat mich geprägt”, erklärt er den Einfluss seiner Großmutter. In Gutenstein im Piestingtal erhält der junge Franz, so sein erster Name in der Geburtsurkunde, die „erste Lehre“. „Es war so viel Qualität da, Moos, Bäume, Gräser, Bäche und Forellen. Sie hat mir alles gezeigt und mich riechen und schmecken lassen“, erinnert sich André mehr als sieben Jahrzehnte später. „Dieses Riechen, das Schauen und das Haptische habe ich mir eigentlich nie abgewöhnt“, so der Multimediakünstler. In einem Kasterl befanden sich viele Laden und dort musste Franz Gerüche wahrnehmen. „Dieses Riechtheater war ein Glück.“
Wir sprechen über seine Eltern, eine schwierige Verbindung, die Mutter Elisabeth und der doppelt so alte Vater Stephan. Die Beziehung war nicht so innig, nehme ich aus dem Gespräch mit, aber Bruder Fritz und eben Franz erblicken das Licht der Welt.
Ministrieren dann Kasperltheater
Franz wächst in Hietzing auf, geht dort in die Volksschule und wird Ministrant. „Ich war Fakulant und Lektor.“ Oberministrant war der später zu Ehren gekommene Ernstl Marboe, erinnert er sich. Ihm, dem Franz, habe das Ministrieren Freude bereitet, „weil es eigentlich eine Hauptrolle in einem Theaterstück war“. Schwer tut er sich mit der Transsubstantiation, wenn sich während der Wandlung der Wein substantiell in das Blut Jesu Christi verwandelt, ein mystisches Ereignis, das auf das letzte Abendmahl zurückgeht: „Dies ist das Blut Christi, dies ist sein Leib. Das erschien mir sehr barbarisch.“ Franz eckt mit seiner Art, die Lesung vorzutragen, an, denn er gibt den Personen des Evangeliums unterschiedliche Stimmen. „Das war die Kindermesse um 11:00 Uhr, danach habe ich im Pfarrheim Kasperltheater gespielt.“ Sein Vater will ihn gar motivieren, „Kardinal zu werden“, erinnert sich André Heller. Aber seine Entwicklung geht nicht ins kirchlich Klerikale, denn er macht negative Erfahrungen im Collegium Immaculatae Virginis der Jesuiten in Kalksburg. Einige Schulwechsel, darunter auch in die Privatschule Bad Aussee, geführt vom ehemaligen Nationalsozialisten Wilhelm Höttl, einem engen Vertrauten von Ernst Kaltenbrunner, prägen seine Adoleszenz. Eine Erinnerung unterstreicht er, denn als André Heller von Wien kommend zum ersten Mal das Klassenzimmer in Bad Aussee betritt, sagt Höttl zu den Mitschülern: „Das ist der Heller, setzt euch nicht neben ihn, der hat böses Blut. Er meinte wohl den jüdischen Anteil an meinen Chromosomen“, schildert Heller.
Museen als Bildungs- und Lernorte
Statt des Schulbesuchs treibt er sich lieber herum. „Ich bin abgepascht, als mein Vater tot war. Ich habe zu meiner Mutter gesagt, jetzt gilt nicht mehr das Gesetz des Vaters, sondern jetzt gilt das Gesetz meiner eigenen Wünsche.“ Heller geht statt in die Schule lieber in die Kaffeehäuser Wiens und lernt dort unter anderen Helmut Qualtinger kennen. Der neugierige Franz bekommt von ihm den Tipp: „Schau dir die Museen an und lerne, was es gibt!“ Und so nimmt er sich wöchentlich Besuche in Museen vor, ob Kunsthistorisches, die Albertina, alles sieht er sich an. Am Prayner Konservatorium wird Heller Schauspielschüler und um Geld zu verdienen heuert er 1967 als Radio-DJ beim neuen Radiosender Ö3 an. Als Radiomacher interessiert es mich, welchen Wert Radio für den ehemaligen Kollegen hat: „Ich fand das Radio immer etwas Großartiges, weil es ganz schnell ist. Wenn jetzt was passiert, können wir zwei da draußen auf die Straße gehen und sind schon mitten in der Situation. Radio habe ich lieb gehabt und habe es immer noch lieb.“
Moos auf den Steinen
Mithilfe seines Erbteiles koproduziert Heller, der sich mittlerweile André nennt, den Film „Moos auf den Steinen“ mit Erika Pluhar in der Hauptrolle. „Sie war älter als ich, aber von solch umwerfender Schönheit, sie wollte ich kennenlernen. Es war ein teurer Händedruck“, sagt er, „aber wir waren dann 14 Jahre verheiratet.“
Zirkus, Skulpturen, Gärten
Heller setzt in der Folge seine Kreativität für unterschiedliche Projekte ein, ob Zirkus, Skulpturen, Gärten. Aber er ist auch Musiker, Schauspieler, Schriftsteller, so kennen ihn wohl die meisten. Dass dabei auch manches nicht so gelang, gehört wohl in die Kategorie Künstlerpech, denn angesprochen auf das Scheitern in seinem Leben, meint er: „Es geht darum, sich immer auf neue Abenteuer einzulassen. Und die kommen ja aus dem Kopf, also die wahren Abenteuer sind im Kopf. Ich schaue, ob man Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik überprüfen kann. Sehr viele Träume, die man hat, stürzen ein. Und da darf man dann nicht beleidigt sein. Und man darf auch nicht sagen, das ist misslungen, sondern man hat etwas gelernt, das ist ganz was anderes als misslingen.“
Gott ist in uns und wir sind in ihm
Auf die Frage nach seiner Beziehung zum religiösen Glauben sagt Heller: „Das habe ich mir nie abgewöhnt, dieses Heiliger Geist, ich bitte dich, da ist ein Problem, mit dem ich nicht fertig werde, ich übergebe dir dieses Problem, löse es für mich in meinem Geist. Ich habe mir einen Satz geschaffen, den ich jeden Tag 20 Mal verwende. Heile mich von Grund auf, durchdringe mich mit deiner Liebe, lass mich Freude von deiner Freude sein. Das sind so meine Privatreligionen. Ich glaube aber nicht, dass Gott bei einer Religion ist. Ich glaube, Gott ist in uns und wir sind in ihm.“
Empathie als kostbare Empfindung
Oft wird André Heller zitiert, wenn er von der „Weltmuttersprache Mitgefühl“ spricht und damit Empathie meint. Heller verweist dazu auf den Lyriker, Theologen und Arzt Angelus Silesius aus der Barockzeit: „Und wäre Christus tausendmal in Bethlehem geboren und nicht einmal in deinem Herzen, so wärst du dennoch verloren.“
Auf die Frage, ob sich für den nächstes Jahr 80 werdenden Künstler noch alle seine Vorhaben ausgehen werden, sagt er ohne Umschweife: „Mein Leben wird genau so lang sein, bis ich das erfüllt habe, was meine Berufung war.“