„Das war nur ein Kratzer!“

Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk
Ausgabe Nr. 2
  • Kunst und Kultur
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Stolpert durch das Leben und den Weltkrieg: Der brave Švejk als Fratze verzerrt im Wiener Schubertheater überlebt alles und alle.
Stolpert durch das Leben und den Weltkrieg: Der brave Švejk als Fratze verzerrt im Wiener Schubertheater überlebt alles und alle. ©Barbara Palffy

Und schon ist er tot, der Herr Oberleutnant Lukasch. Eine der berühmten Szenen im Schelmenroman. „Die Abenteuer des braven Soldaten Švejk" von Jaroslav Hašek. Das kleine Schuberttheater in der Währingerstraße zeigt aktuell den Klassiker in einer surrealen Inszenierung.

„Also sie ham uns den Ferdinand erschlagen.“ So der erste Satz der Bedienerin Müller zu Švejk. Nicht oft wird der Beginn eines Romans so oft zitiert. Dieser dieser hingegen schon, drückt er doch aus, worum es infolge geht: Der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand ist 1914 ermordet worden. Sein Tod war der Beginn des großen Sterbens im Ersten Weltkrieg und das Ende einer jahrhundertelangen Ordnung mit dem Untergang der Donaumonarchie.

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Und darum geht es in der knapp einstündigen Aufführung des absurden Humors. Es ist doch eine scheinbar nicht bewältigbare Aufgabe, den 730 Seiten starken unvollendeten Roman des 1923 verstorbenen Jaroslav Hašek zu kürzen. Regisseurin Martina Gredler hat sich nicht als Erste und sicher nicht als Letzte an die Arbeit gemacht. Gleich vorweg: Das Bühnenstück im kleinen Schuberttheater unterscheidet sich diametral von den freundlichen Sommertheateraufführungen oder den bekannten und beliebten Verfilmungen mit den legendären Publikumslieblingen Heinz Rühmann (1960), Peter Alexander (1963) oder Fritz Muliar (1972/76). 

Röchelnde Fratzen und absurde Typen

In der Interpretation von Martina Gredler bleiben groteske Elemente übrig. Dazu passen die als hässliche und abstoßende Fratzen verzerrten Gesichter und demolierten Körper von Puppengestalterin Annemarie Arzberger. Zum Leben erweckt werden Švejk und die weiteren Gestalten vom erfahrenen Puppenspieler-Duo Andrea Köhler und Markus-Peter Gössler. Da röchelt, grunzt, schmatzt und schlürft der geschundene Offiziersbursche. Die Schlitzohrigkeit und auch der Wortwitz des vermeintlich Naiven bleiben dabei ebenfalls auf der Strecke. Das Bühnenbild, gestaltet von Claudia Vallant, schafft dafür den nötigen Raum zwischen Tristesse, Militär-Parodie und anarchischer Poesie. Spaß macht das nicht, aber es gelingt in dieser völlig neuen Inszenierung, die Absurdität des Systems, in dem sich der Prager Hundehändler als Soldat im Ersten Weltkrieg wiederfindet, beklemmend zu zeigen. Švejk, offiziell von einem Arzt als „idiotisch“ diagnostiziert, stolpert auf geniale Weise mit entwaffnender Naivität durch ein System, das sich selbst nicht mehr versteht und der Anti-Held überlebt sie alle! Eine beachtliche Leistung. Gezeigt werden inkompetente Autoritäten, Machtmissbrauch und die Frage, wie man in einer verrückten Welt Mensch bleiben kann.

„Die Welt, die Hašek vor uns aufbaut, ist verzerrt, schief und krumm und schauerlich wahr.“

Kurt Tucholsky 

Ein Theaterabend voller absurder Komik und überraschender Menschlichkeit – und ein Klassiker, den man in dieser Form nicht mögen muss, aber ansehen kann. Und wer mehr über die Abenteuer von Švejk erfahren will, dem sei zusätzlich der Griff zum Roman empfohlen. Der deutsche Satiriker Kurt Tucholsky  notierte 1926 dazu: „Die Welt, die Hašek vor uns aufbaut, ist verzerrt, schief und krumm und schauerlich wahr.“ Was er den Autor noch fragen wollte? „Wo wäre Schwejk heute? Die oesterreichische Militärmonarchie, eines der schuftigsten Gebilde der Welt, malträtierte ihn nicht mehr. Sie ist dahin. Aber fände er um Prag gar keine Soldaten? keine Spitzel? keine Nationaltrottel? Feldkuraten? Oberleutnants? Garnisonarreste? Was meinst du, Hasek? Du wirst mich richtig verstehen, und in diesem Sinne ruf Schwejk her, hol die Flasche mit dem Nußschnaps und laß uns anstoßen: auf euch Beide, Hasek. Auf einen großen Dichter und auf den braven Soldaten Schwejk.“

Keine schlechte Kritik von einem Autor, der vom NS-Regime genauso verboten war wie Hašeks Werk. Heute eine Auszeichnung und ein Grund mehr, sich den Antihelden etwas näher anzusehen in einer Zeit, in der Kriege und autoritäre politische Systeme nach wie vor das Leben von Menschen zerstören.

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Autor:
  • Sophie Lauringer
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