Das Riesentor von Sankt Stephan
Das Tor zum Paradies braucht PflegeAn einem Sommertag drängen Reisende und Einheimische über den Stephansplatz. Gäste aus aller Welt zücken ihre Handy-Kameras, Kinder schlecken Eis oder laufen Tauben hinterher. Gläubige kommen zur Messe. Viele wählen denselben Weg: durch das Riesentor in den Dom. Mehr als sechseinhalb Millionen Menschen besuchen jedes Jahr den Stephansdom. Für die meisten beginnt die Begegnung mit Österreichs bekanntester Kirche genau hier. Das Portal ist mehr als ein praktischer Eingang. „Das Riesentor hat für den Stephansdom eine ganz zentrale Bedeutung“, betont Dombaumeister Wolfgang Zehetner im Gespräch mit dem SONNTAG. Seine Schlüsselrolle reicht bis in die Anfänge der Kirche zurück. „Schon bei der Grundsteinlegung hat man das Portal als Mittelpunkt der zu erweiternden Stadt definiert.“
Riesentor: Das Portal als Mittelpunkt der Stadt
Tatsächlich war das Portal bereits im 12. Jahrhundert ein städtebaulicher Bezugspunkt. Schon bei der Grundsteinlegung 1137 wurde nicht der Altar, sondern das Portal zum Bezugspunkt der wachsenden Stadt. Ursprünglich lag das Portal zwischen den beiden Heidentürmen, im 13. Jahrhundert verlagerte es sich etwas nach außen vor die Türme. Von diesem Punkt aus wurde einst die Stadtmauer vermessen – heute befindet sich an ihrer Stelle die Grenze des ersten Bezirks. Millionen Besuchende des Doms passieren das Portal, die meisten davon, ohne sich dieser jahrhundertealten Bedeutung bewusst zu sein.
„Darum ist bei uns über dem Portal Christus als Richter beim Jüngsten Gericht dargestellt“
Wolfgang Zehetner
Für mittelalterliche Menschen war ein Kirchenportal niemals bloß ein Eingang. Es hatte eine tiefere, geistliche Bedeutung. „Eine Domkirche sollte im Inneren das Paradies, den Himmel darstellen. Außen ist die feindliche Welt. Durch das Portal geht man von einem Bereich in den anderen“, erklärt Wolfgang Zehetner. Das mag heutigen Besuchern zunächst fremd erscheinen. Im Mittelalter war diese Vorstellung jedoch allgegenwärtig. Die Kirche wurde als Abbild des himmlischen Jerusalems verstanden. Wer das Gotteshaus betrat, überschritt symbolisch die Grenze zwischen der unerlösten Welt und dem Reich Gottes.
Das Riesentor: Zwischen Alltag und Ewigkeit
Deshalb waren Kirchenportale oft mit eindrucksvollen Bildprogrammen geschmückt. Sie dienten als steinerne Predigten für Menschen, die meist nicht lesen konnten. Figuren, Reliefs und Ornamente vermittelten Glaubensinhalte unmittelbar sichtbar. Auch am Riesentor wird diese Botschaft deutlich. Über dem Portal erinnert die Darstellung des Jüngsten Gerichts an die letzte Verantwortung des Menschen vor Gott. „Darum ist bei uns über dem Portal Christus als Richter beim Jüngsten Gericht dargestellt“, sagt Zehetner. In der mittelalterlichen Vorstellungswelt war die Aussage klar: Wer Christus folgt, gelangt ins himmlische Paradies. Das Portal wurde so zur sichtbaren Schwelle zwischen Hoffnung und Entscheidung, zwischen Alltag und Ewigkeit. Vielleicht erklärt das, warum das Riesentor Besucherinnen und Besucher bis heute in den Bann zieht. Selbst Menschen ohne religiösen Hintergrund spüren intuitiv, dass dieser Ort einen besonderen Übertritt darstellt. Er lädt dazu ein, einen Moment innezuhalten, wenn man die Kathedrale betritt.
Kunsthistorische Betrachtung des Riesentors
Kunsthistorisch zählt das Riesentor zu den bedeutendsten mittelalterlichen Portalen Mitteleuropas. Hier treffen zwei Epochen aufeinander. „Der Übergang von der romanischen zur gotischen Bauphase bildet sich direkt in diesem Portal ab“, erklärt Wolfgang Zehetner. Im Inneren des Trichterportals dominieren noch die Formen der Romanik: kräftige Säulen, Rundbögen und eine eher geschlossene Gestaltung. Im äußeren Bereich zeigen sich bereits die leichteren, aufstrebenden Formen der Gotik, die im 13. Jahrhundert die europäische Architektur prägen sollten. Dieser Übergang ist auch an den Figuren ablesbar. Die Apostel- und Evangelistendarstellungen wurden ursprünglich für ein romanisches Konzept geschaffen und später an die neuen gotischen Vorstellungen angepasst. Die Skulpturen zeigen damit eine Momentaufnahme des architektonischen Wandels. Im 19. Jahrhundert wurde intensiv darüber diskutiert, ob man das Portal stilistisch vereinheitlichen sollte. Damals galt ein möglichst einheitlicher Eindruck oft als Ideal. Heute sieht man das anders. Gerade die unterschiedlichen Schichten und Bauphasen machen den besonderen Wert des Riesentors aus. Es erzählt gleichsam mehrere Geschichten zugleich.
„Wer durch das Riesentor in den Dom tritt, überschreitet nicht nur eine architektonische Schwelle, sondern eine geistliche: vom Alltag in die Gegenwart Gottes.“
Wolfgang Zehetner
Restaurierung zwischen 1995 und 1997
Vor der großen Restaurierung der Jahre 1995 bis 1997 war die Oberfläche des Portals von dunklen Krusten bedeckt. Jahrzehnte der Luftverschmutzung hatten ihre Spuren hinterlassen. Die Restaurierung brachte Überraschendes ans Licht. Nach der Entfernung der schwarzen Krusten fanden die Fachleute zahlreiche Reste ursprünglicher Farbfassungen. Das widersprach dem verbreiteten Bild von mittelalterlichen Kirchen als natursteinfarbenen Bauwerken.
Romanische Portale waren bunt
Tatsächlich waren romanische Portale einst bunt gestaltet. Farben gehörten selbstverständlich zur Architektur. Erst Witterungseinflüsse und spätere Veränderungen ließen sie nach und nach verschwinden. Für Zehetner war die Restaurierung vor 30 Jahren ein Meilenstein. Mithilfe eines eigens aus Italien beschafften Laser-Prototyps gelang es, die schädlichen Ablagerungen vom Stein zu lösen, ohne die empfindliche Oberfläche zu beschädigen. Zusätzlich wurden Farbreste gesichert, Fehlstellen ergänzt und neue Schutzmaßnahmen eingerichtet. Eine raffinierte Dach- und Gesimskonstruktion schützt seitdem besonders gefährdete Bereiche vor Regenwasser. Feuchtigkeit – von oben wie von unten – zählt zu den größten Feinden historischer Bausubstanz.
Das Riesentor drei Jahrzehnte später
Drei Jahrzehnte später steht keine neue Generalsanierung an. Vielmehr geht es um verantwortungsvolle Nachsorge. Die aktuellen Untersuchungen des Bundesdenkmalamtes und der beteiligten Restauratorinnen zeigen ausdrücklich, dass die Maßnahmen der 1990er-Jahre erfolgreich waren. Die damalige Restaurierung habe nachhaltig gewirkt, betont Dombaumeister Zehetner. Dennoch bleiben selbst die besten Schutzmaßnahmen nicht für alle Zeiten unverändert wirksam. Wind, Regen, Temperaturwechsel und Luftfeuchtigkeit setzen dem historischen Sandkalkstein weiterhin zu. Deshalb wurden 2025 umfangreiche Zustandsanalysen durchgeführt. Im Fokus stehen nun vor allem Feuchtigkeits- und Salzschäden im Sockelbereich sowie besonders exponierte Steinornamente. Zusätzliche Schutzmaßnahmen sollen verhindern, dass wertvolle originale Substanz verloren geht.
Laufende Arbeiten am Riesentor
Bis zum Spätherbst sollen die laufenden Arbeiten weitgehend abgeschlossen sein. Ziel ist nicht, das Riesentor anders aussehen zu lassen, sondern seine außergewöhnliche historische Substanz für die nächsten Jahrzehnte zu sichern.
Zur Person
Wolfgang Zehetner ist seit 1993 Dombaumeister des Wiener Stephansdoms. Der gebürtige Niederösterreicher studierte an der TU Wien und ist der 42. Dombaumeister in der jahrhundertelangen Geschichte des Bauwerks.