Braucht Gott unsere Gebete?

Bausteine für eine alltagstaugliche Spiritualität
Ausgabe Nr. 40
  • Spiritualität
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Der „Atem des Glaubens“: Ohne Gebet wird der Glaube matt.
Der „Atem des Glaubens“: Ohne Gebet wird der Glaube matt. ©Stephan Schönlaub

Nein! Aber wir dürfen als Geschöpfe Gottes bitten, danken, loben, klagen – und auch anbeten. Mehr zur Praxis des Gebetes.

Wer sich umfassend über das persönliche Beten sowie über Formen und Praxis des Gebetes in Geschichte und Gegenwart informieren will, der wird in dem grundlegenden Buch „Erhebung des Herzens. Theologie des Gebetes“ fündig, verfasst von Marianne Schlosser, der langjährigen Lehrstuhlinhaberin für Theologie der Spiritualität in Wien. Ein Kernsatz lautet: „Das persönliche Gebet als Ausdruck der Beziehung zu Gott, als ,Atem des Glaubens‘, bildet die Herzmitte des geistlichen Lebens.“ 

Gebete als "Erhebung des Herzens"

Für den heiligen Augustinus, den großen Kirchenvater aus der Frühzeit der Kirche, ist das Beten eine „Erhebung des Herzens“. Aber es gilt gleichzeitig auch die nüchterne Feststellung des katholischen Religionsphilosophen Romano Guardini in seiner „Vorschule des Betens“: „Im allgemeinen betet der Mensch nicht gern. Er empfindet dabei leicht eine Langeweile, eine Verlegenheit, einen Widerwillen, geradezu eine Feindseligkeit. Alles andere erscheint dann reizvoller und wichtiger.“ Das Resümee von Guardini: „Ohne Gebet wird der Glaube matt, und das religiöse Leben verkümmert. Man kann auf die Dauer kein Christ sein, ohne zu beten – sowenig man leben kann, ohne zu atmen.“ Von der Mühe des Gebetes wussten schon die Wüstenväter im vierten Jahrhundert. Abbas Agathon, der gewiss viel gebetet hat, sagte: „Es gibt keine größere Mühe als das Beten zu Gott.“ Auch die schnell hingesagte Floskel, wonach Not beten lehrt, hat eine bittere Kehrseite: Denn in der Not kann man auch das Beten verlernen – und gar fluchen.

Gebete in der Kirche und „im Wald“

Das schöne Wort „Gebet“ kommt nicht vom Verb „beten“, sondern von „bitten“ und verweist auf den Vorgang des „Bittens“ selbst. „Gebet“ ist in diesem Sinn ursprünglich „Gebitte“. Doch mittlerweile ist „Gebet“ ein „Sammelname für ganz verschiedene Gebetsformen“ geworden, wie der Neutestamentler Gerhard Lohfink in seinem Buch „Beten schenkt Heimat. Theologie und Praxis des christlichen Gebets“ schreibt. Beten – das kann man wirklich überall, nicht nur zu Hause in den eigenen vier Wänden oder in der Kirche. Manche suchen am Sonntagvormittag den Wald auf. Um dort zu beten, wie sie sagen: der Wald als privilegierter Ort des Gebetes sozusagen. Letztlich betet aber keine und keiner nur für sich allein, sie oder er steht immer in der großen Gemeinschaft des Gottesvolkes, der Kirche. Daher sind die Feiern der Eucharistie und der Sakramente, rund um den Erdball und das vierundzwanzig Stunden am Tag, Mitte und Höhepunkt des christlichen Betens. Dazu kommen auch das Morgen- und Abendlob der Kirche, in Gemeinschaft oder allein.

Gott braucht nicht unsere Gebete

Der Mensch darf bitten, danken, loben, klagen – und auch anbeten. Wer bedenkt auf Anhieb, dass auch die „Klage“, etwa in den Psalmen, ein Gebet sein kann? Wir dürfen beispielsweise auch nicht vergessen, dass das Vaterunser, das Jesus seine Jünger und Jüngerinnen und damit auch uns gelehrt hat, der äußeren Form nach ein reines Bittgebet ist. Und „Dankbarkeit“ ist so etwas wie die tiefste Wurzel unseres Betens. Ein ganz stilles und unaufgeregtes Gebet ist die „Anbetung“, wenn wir ohne viele Worte sagen: „Du allein bist der Heilige, du allein der Herr.“ Gott braucht nicht unser Gebet, unsere Anbetung. Was wir aber sind, das verdanken wir Gott. „Indem wir ihn anbeten, ihn bitten und ihm danken, vollziehen wir das, was wir sind: seine Geschöpfe“, betont Gerhard Lohfink. „Gott braucht nicht das Lob des Menschen zu seiner Ehre, aber der Mensch lobt ihn, wenn er in der Beziehung zu Gott zu sich selbst findet“, unterstreicht Michael Kunzler in seinem Lehrbuch „Die Liturgie der Kirche“. Anders gesagt: Gebet als Form gesunder christlicher Selbstfindung. Und Beten schenkt wirklich Heimat – in einer Zeit der inneren und äußeren Ruhelosigkeit und Aufgeregtheit. 

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Autor:
  • Stefan Kronthaler
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