Brandmayr: "Man glaubt an das Gute"
Sommergespräch: Franz Xaver BrandmayrDas Pilgergästehaus mit rund 120 Betten, Kapelle und dem hauseigenen „Café Triest“ liegt in der Jerusalemer Altstadt direkt an der Via Dolorosa. Es ist in Jerusalem auch als Kulturträger, Bildungseinrichtung und Ort des Dialogs unter Kulturen und Religionen positioniert.
Franz Xaver Brandmayr über seine neue Aufgabe
Franz Xaver Brandmayr, Sie sind bekannt als Kirchenmanager durch Ihre zwölfjährige Arbeit in der Santa Maria dell’Anima, der weltberühmten deutschen Kirche in Rom. Wie schaut denn Ihre neue Aufgabe in Jerusalem aus?
Franz Xaver Brandmayr: Ich habe das Glück gehabt, ein paar gute Dinge zu erledigen unter guten Umständen. Darum hat man auch geglaubt, man kann mich jetzt wieder nach Jerusalem schicken, weil es mir in der Anima ganz gut gelungen ist.
Geistliche Betreuung der Pilger
Ich habe eine schöne Aufgabe vor mir, da freue ich mich auch drauf. Ich hoffe, dass die Pilger wieder in größeren Zahlen kommen, aber das schaut im Moment auch gar nicht so schlecht aus. Es ist dann die geistliche Betreuung der Pilger, die liegt mir natürlich sehr am Herzen. Da möchte ich sehr präsent sein. Und dann ist man eine Art Hoteldirektor. Aber ich habe auch einen sehr guten Geschäftsführer dort und wir werden gut zusammenarbeiten.
Ich weiß nicht, wie ich es schaffen werde. Mit Gottes Hilfe wird es gehen.
Franz Xaver Brandmayr
Das Pilgerhospiz war ja das einzige Haus, das jetzt in der Kriegszeit nicht geschlossen hatte. Aber wir wollten auch, da sind jetzt ungefähr 30 Angestellte noch da, die Familien nicht alleine dastehen lassen ohne Geld. Und das hat uns im Jahr eine Million Euro gekostet. Aber jetzt ist eine Sanierung des alten Hauses notwendig, die mit ungefähr 15 Millionen Euro beziffert wird. Es ist auch ein herrliches Gebäude. Wir haben ja den einzigen Garten in der ganzen Altstadt. Das ist ja unglaublich.
Es ist eine große Aufgabe. Ich weiß nicht, wie ich es schaffen werde. Mit Gottes Hilfe wird es gehen. Ich habe jetzt mit vielen Landeshauptleuten gesprochen, mit dem Herrn Bundeskanzler, mit den Bischöfen. Die Landeshauptleutekonferenz hat schon beschlossen, dass sie uns im Laufe der nächsten fünf Jahre zusammen mit dem Bund eineinhalb Millionen anvertrauen. Ich bin ja sehr dafür, dass wir selber was verdienen. Wenn das Hospiz gut läuft, dann wirft es schon einen Ertrag ab. Ich sage aber allen meinen Gesprächspartnern: „Lassen Sie sich finanziell etwas einfallen. Wir brauchen das Geld jetzt.“ Das Gebäude ist so viel wert, dass keiner eine Angst haben muss, sein Geld zu verlieren.
Bauaufträge in Jerusalem
Was heißt es, Bauaufträge in Jerusalem umzusetzen?
Es gibt natürlich viele Vorgaben, auch denkmalpflegerischer Natur. Aber da haben wir einen Architekten, der sich auch mit so alten Häusern ganz gut auskennt. Es dürfen zum Beispiel nur Steinbauten errichtet werden, das weiß ich jetzt. Die Heizung muss erneuert werden. Die Räume im Souterrain sind sehr feucht. Diese Räume bräuchten wir als Speisesäle. Und dann sind die alten Leitungen alle zu erneuern. Bei der Heizung würde ich sehr gerne auf Solarstrom setzen. Das könnten wir dann auch für die Kühlung und für die Heizung verwenden. Da werden wir sehen, ob das geht auf der großen schönen Dachterrasse. Und dann müssen wir in den Zimmern natürlich auch einiges erneuern, vor allem die Bäder.
Brandmayr: "Ich bin ein Optimist"
Bei Ihnen merkt man, Sie haben etwas ein wenig Spitzbübisches, aber auch Optimistisches in Ihrer Herangehensweise an sich.
Ja, ich bin ein Optimist. Ich habe mir nicht vorgestellt, dass ich mit 70 Jahren noch einmal einen neuen Job anfange. Und noch dazu kann ich nicht Arabisch. Ich werde versuchen, es zu lernen. Ich war zum ersten Mal in meinem Leben im Mai zwei Tage in Jerusalem. Ich habe immer eine große Angst davor gehabt, was die guten Christen aus den heiligen Stätten gemacht haben. Also zum Beispiel die Grabeskirche, die Schilderungen, wie dort gestritten wurde, die haben mir wirklich wehgetan. Und dann habe ich jetzt die Grabeskirche fast leer erlebt. Ich war allein im Grab, das werde ich mein Lebtag wahrscheinlich nicht mehr erfahren. Es war ungeheuer berührend.
Zwischen Krieg und Frieden
Im Heiligen Land ist nie Frieden. Wie geht man da als Priester damit um, in einem Land jetzt tätig zu sein, in der Heiligen Stadt Jerusalem, wo drei Weltreligionen aufeinandertreffen, wo aber dennoch kein Frieden herrscht?
Ist überhaupt je Friede? Ist der Friede, den wir uns hier vormachen, nicht auch eine große Täuschung? Also wenn man ein bisschen tiefer bohrt, kommen wir immer in unfriedliche Situationen. Es gibt oft einen Krieg. Es gibt auch verschiedene Gewaltausbrüche. Es ist manchmal mehr oder weniger friedlich. Aber der Friede, um den wir uns bemühen müssen, das ist ja ein innerer Friede. Und ohne diesen inneren Frieden werden wir nie weiterkommen.
Fast am stärksten beeindruckt mich, mit welcher Energie, mit welcher Selbstverständlichkeit junge und alte Leute, Juden wie Araber, an der Zukunft arbeiten. Ich sage, bei uns ärgern sich die Leute darüber, wenn die Farbe der Tablette, die sie jeden Tag nehmen müssen, sich ändert. Und dort, wo man in ständiger Bedrohung und in ständigen Auseinandersetzungen ist, engagiert man sich, man glaubt einfach.
Das ist das, was wir vermitteln müssen: Man glaubt an das Gute. Ich glaube, wir müssen uns einfach darum bemühen, unablässig und mit Vertrauen auf Gott. Und der wird schon wissen, was richtig ist.
Ohne inneren Frieden werden wir nie weiterkommen.
Franz Xaver Brandmayr
Franz Xaver Brandmayr über Kardinal Pizzaballa
Sehen wir auf die positiven Kräfte, die in Jerusalem wirken. Der prominenteste Vertreter ist Kardinal Pierbattista Pizzaballa, der Lateinische Patriarch. Haben Sie ihn schon besucht?
Ja, ich habe ihn schon besucht. Eine sehr, sehr beeindruckende, sehr spirituelle Persönlichkeit. Auch jemand, der nach allen Seiten lebt. Er bekommt entsprechend Widerstände, aber er ist ein großer Diplomat. Er weiß auch, was er kann, und er hat die Unterstützung des Heiligen Vaters, das ist ganz klar.
Ein Stück Österreich in Jerusalem
Zum Österreichischen gehört unser gutes Essen. Was erwartet Sie denn in Jerusalem?
Man kann zum Beispiel in unserem Kaffeehaus einen großartigen Apfelstrudel, Sachertorte, Kaiserschmarrn bekommen. Man sagt mir, das sei der einzige Ort in Jerusalem, wo Juden und Palästinenser zwar nicht gemeinsam, aber nebeneinander dort sitzen. Also das ist schon beeindruckend.
Die Santa Maria dell’Anima rühmt sich, dass sich Kaiser Karl V. in ihr Pilgerbuch eingetragen hat. Er war bekanntlich Habsburger. Und in der Santa Maria dell’Anima und auch in der Kapelle des Hospizes gibt es eine Reliquie unseres seligen Kaisers Karl von Österreich. Es ist ja nicht üblich, dass Politiker seliggesprochen werden. In Österreich gab es damals 2004 viele Diskussionen. Aber da gibt es auch dazu eine Gebetsliga, eine Gruppe, die das sehr vorangetragen hat.
Ja, und ich bin sogar der geistliche Assistent dieser Gebetsliga. Ich verehre Kaiser Karl sehr. Ich habe ihn am Anfang, muss ich auch sagen, eher für einen schwachen Kaiser gehalten. Aber je mehr ich ihn kennenlernte, wusste ich, das kann ich wirklich sagen, dass das aus einer ganz, ganz tiefen religiösen Überzeugung kommt. Und er aus dieser religiösen Überzeugung gehandelt hat, auch als Politiker. Das gibt es nicht so oft, aber es gibt es immer wieder. Also ich bin begeistert von diesem Menschen, der wirklich sein Leben hingegeben hat für seine Völker, das kann man sagen.
Bis nächstes Jahr in Jerusalem
Eines haben Sie nie abgelegt: Sie stammen aus Oberösterreich und dort ist die größte Liebe der Attersee.
Natürlich. Es ist ein so schöner Ort, ich bin ganz selig dort und mehr brauche ich gar nicht zum Glücklichsein. Der Attersee bleibt mein Sehnsuchtsort.
Dürfen wir sagen, nächstes Jahr in Jerusalem?
Ja, natürlich. Liebe Pilger, kommt. Jerusalem ist einer der sichersten Orte, die es gibt. Auch wenn überall im Land Raketen geschossen werden, die auch meistens abgefangen wurden: Jerusalem wurde nie getroffen, weil man ja auch die eigenen heiligen Stätten nicht treffen will. Lassen Sie sich anregen von den Menschen dort, die ihr Schicksal in einer besonderen Weise bewältigen.
Zur Person
Franz Xaver Brandmayr ist studierter Jurist und auch an Diözesangerichten tätig. Er leitete zwölf Jahre das päpstliche Institut Santa Maria dell’Anima in Rom. Von 2021 bis 2026 war er Dompropst in Wiener Neustadt. Seit Juli ist er Rektor im Hospiz in Jerusalem.
Sommergespräch
Eine Kooperation von radio klassik und Der SONNTAG. Das ganze Gespräch mit Franz Xaver Brandmayr hören Sie am 31. August um 19:00 Uhr auf ▶ radioklassik.at