Als Josef träumte …

Träume deuten als Sache Gottes
Ausgabe Nr. 2
  • Spiritualität
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Josef erhält im Matthäusevangelium im Traum die Anweisungen des Engels. Die Abbildung stammt aus der Werkstatt Rembrandts.
Josef erhält im Matthäusevangelium im Traum die Anweisungen des Engels. Die Abbildung stammt aus der Werkstatt Rembrandts. ©Wikimedia Commons/Rembrandt/public domain

Das Matthäusevangelium berichtet von den Träumen des Josef, der damit Maria und das Jesuskind in Sicherheit bringt. Von Träumen in der Bibel und in der Psychoanalyse.

Einst hatte Josef einen Traum und erzählte ihn seinen Brüdern. „Er sagte zu ihnen: Hört euch doch diesen Traum an, den ich geträumt habe. Siehe, wir banden Garben mitten auf dem Feld. Und siehe, meine Garbe richtete sich auf und blieb auch stehen. Siehe, eure Garben umringten sie und warfen sich vor meiner Garbe nieder. Da sagten seine Brüder zu ihm: Willst du etwa König über uns werden oder über uns herrschen? Und sie hassten ihn noch mehr wegen seiner Träume und seiner Worte (Genesis, Kapitel 37).

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Die Träume Josefs

Er hatte noch einen anderen Traum. Er erzählte ihn seinen Brüdern und sagte: Siehe, ich träumte noch einmal: Und siehe, die Sonne, der Mond und elf Sterne warfen sich vor mir nieder. Als er davon seinem Vater und seinen Brüdern erzählte, schalt ihn sein Vater und sagte zu ihm: Was soll der Traum, den du da geträumt hast? Sollen wir etwa, ich, deine Mutter und deine Brüder, kommen und uns vor dir zur Erde niederwerfen?“ Eines Tages sollte er die Brüder, die als Hirten arbeiteten, aufsuchen. Seine Brüder sagten lapidar: „Siehe, da kommt ja dieser Träumer. Jetzt aber auf, erschlagen wir ihn und werfen wir ihn in eine der Zisternen. Dann werden wir ja sehen, was aus seinen Träumen wird.“ Schlussendlich landet Josef in Ägypten bei einem gewissen Potifar, einem Hofbeamten des Pharao, dem Obersten der Leibwache.

Der Obermundschenk und der Hofbäcker

Das Kapitel 40 der Genesis berichtet dann vonJosefs Traumdeutung. Josef war dann aufgrundeiner Intrige der Frau des Potifar unschuldigerweiseins Gefängnis geworfen worden. Er traf dort auf den ebenfalls inhaftierten königlichen Mundschenk und den Hofbäcker. Jeder hatte einen Traum, aber sie waren missmutig, denn es war keiner da, der ihn auslegen konnte. Josef sagte zu ihnen: „Ist nicht das Träumedeuten Sache Gottes? Erzählt mir doch!“ Der Obermundschenk erzählte von einem Weinstock, dessen Beeren herrlich reiften. Josef sprach: „Das ist seine Deutung: Die drei Ranken sind drei Tage. Noch drei Tage, dann wird der Pharao dein Haupt erheben und dich wieder in dein Amt einsetzen.“ Der Oberbäcker berichtete von drei Körben Feingebäck auf seinem Kopf, das von Vögeln gefressen wurde. Josef sagte: „Das ist die Deutung: Die drei Körbe sind drei Tage. Noch drei Tage, dann wird der Pharao … dich an einem Baum aufhängen; die Vögel werden von dir das Fleisch abfressen.“ Und so geschah es. Den Obermundschenk setzte der Pharao wieder als seinen Mundschenk ein; er durfte dem Pharao den Becher reichen. Den Oberbäcker ließ er aufhängen. Der Obermundschenk aber dachte nicht mehr an Josef und vergaß ihn.

Träume des Pharaos: Die Kühe und die Ähren

Josef deutet dann den Traum des Pharao – die sieben mageren Kühe, die die fetten Kühe fressen.
Josef deutet dann den Traum des Pharao – die sieben mageren Kühe, die die fetten Kühe fressen. ©Wikimedia Commons/Weltchronik Fulda/public domain

Laut Kapitel 41 der Genesis hatte zwei Jahre später der Pharao einen Traum: Er stand am Nil. Aus dem Nil stiegen sieben Kühe von schönem Aussehen und fett im Fleisch und weideten im Riedgras. Nach ihnen stiegen sieben andere Kühe aus dem Nil; sie waren von hässlichem Aussehen und mager im Fleisch. „Und die hässlichen, mageren Kühe fraßen die sieben schön aussehenden und fetten Kühe auf.“ Der Pharao träumte ein zweites Mal: An einem einzigen Halm wuchsen sieben Ähren, prall und schön, nach ihnen wuchsen sieben kümmerliche, vom Ostwind ausgedörrte Ähren. „Die kümmerlichen Ähren verschlangen die sieben prallen, vollen Ähren.“ Der Pharao ließ alle Wahrsager und Weisen Ägyptens rufen, erzählte ihnen seine Träume, doch keiner war da, der sie ihm deuten konnte. Da erinnerte sich der Obermundschenk an Josef und dass dieser Träume deuten konnte. Josef kam zum Pharao, dieser erzählte ihm die beiden Träume. „Darauf sagte Auch dieser Josef (aus dem Buch Genesis) träumt – die Garben (die Brüder) verneigen sich vor ihm.

Josef deutet dann den Traum des Pharao – die sieben mageren Kühe, die die fetten Kühe fressen.Josef zum Pharao: Der Traum des Pharao ist ein und derselbe. Gott hat dem Pharao kundgetan, was er vorhat: Die sieben schönen Kühe sind sieben Jahre und die sieben schönen Ähren sind sieben Jahre.“ Und: „Die sieben mageren und hässlichen Kühe, die nachher heraufkamen, sind sieben Jahre und die sieben leeren, vom Ostwind ausgedörrten Ähren sind sieben Jahre Hungersnot.“ Josefs Deutung: „Nun sehe sich der Pharao nach einem klugen, weisen Mann um und setze ihn über das Land Ägypten.“ So wurde Josef Herr über Ägypten. Er ließ alles Brotgetreide der guten Jahre sammeln – als Rücklage für die sieben Jahre der Hungersnot. Als die Hungersnot über das ganze Land gekommen war, öffnete Josef alle Speicher und verkaufte Getreide an die Ägypter. Und später auch an seine elf Brüder, die nach Ägypten gezogen waren, um Getreide zu kaufen. Damit rettete Josef sie und seinen Vater.

Die Arbeitsaufträge im Traum

Im Matthäusevangelium (Kapitel 1 und 2) zeigt der Evangelist Josef als einen Mann, der alle seine Aufgaben im Traum erhält. Maria war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete, durch das Wirken des Heiligen Geistes. Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. „Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.“ Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich. Auch die Sterndeuter träumten. Als sie nach Betlehem in Judäa gekommen waren, holten sie ihre Schätze hervor und brachten dem Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar. „Weil ihnen aber im Traum geboten wurde, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg heim in ihr Land.“ Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, „da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten.“

Und weiter: „Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Steh auf,
nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel.“ Als aber Josef hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er (wieder) im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder.

Die Traumdeutung in der Psychoanalyse

Wie Josef in der Bibel Traumdeuter des Pharaos war, so beschäftigten Träume auch noch im 19. Jahrhundert die Menschen und die Wissenschaft. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud nannte Träume sogar die „via regia“, also die Königsstraße zum Unterbewussten.

Am 12. Juni 1900 schrieb Sigmund Freud an seinen Freund W. Fließ: „Glaubst du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: ‚Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes. Die Aussichten sind bis jetzt hierfür gering.‘“ Den Sommer 1895 verbrachte Freud bei der Familie Ritter von Schlag in deren Schloss Bellevue am Cobenzl, oberhalb Grinzings, in Wien. Freud hatte am Morgen des 24. Juli 1895 einen Traum, den er sofort niederschrieb. Als Traum von „Irmas Injektion“ stelle er – laut Peter Schuster und Marianne Springer-Kremser – den ersten geglückten Versuch einer psychoanalytischen Traumdeutung dar. Noch heute erinnert eine Stele am Cobenzl an der Stelle des 1963 abgerissenen Schlosses an diesen Moment. Auch ihre Inschrift zitiert den obengenannten Brief.

Träume als Königsweg zum Unbewussten

Am 12. Juni 1900 schrieb Sigmund Freud an seinen Freund W. Fließ: „Glaubst du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: ‚Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes. Die Aussichten sind bis jetzt hierfür gering.‘“ Eine Stele am Cobenzl erinnert daran.
Am 12. Juni 1900 schrieb Sigmund Freud an seinen Freund W. Fließ: „Glaubst du eigentlich, daß an dem Hause dereinst auf einer Marmortafel zu lesen sein wird?: ‚Hier enthüllte sich am 24. Juli 1895 dem Dr. Sigm. Freud das Geheimnis des Traumes. Die Aussichten sind bis jetzt hierfür gering.‘“ Eine Stele am Cobenzl erinnert daran. ©wikicommons_Genderforschung_CC_BY-SA_3.0

Für Sigmund Freud war die Traumdeutung die „via regia zur Kenntnis des Unbewußten im Seelenleben“. Freud unterscheidet dabei zwischen manifesten und latenten Trauminhalten. Der manifeste Trauminhalt ist alles, was herkömmlicherweise im Traum erlebt wird. Es dient als Ausgangspunkt zur Traumdeutung. Durch die freien Assoziationen könne man zu den latenten Traumgedanken kommen. Dabei konzentriert sich der Träumer auf seine „seelisch-geistige Innenwelt und erzählt, möglichst ohne Selbstzensur, alles, was ihm durch den Sinn geht“, schreibt Thomas Kornbichler, Autor des Buches „Freud – Ein bürgerlicher Revolutionär. Seine Gedankenwelt und ihr Einfluss bis heute.“ Der Psychoanalytiker fungiert dabei als Dolmetscher, der die Trauminhalte interpretiert. Freuds Idee, dass es sich bei Träumen um ein vollgültiges psychisches Phänomen handelt, hat sich, anders als seine These, dass der Traum eine Darstellung einer Wunscherfüllung sei, durchgesetzt. Letztere These ist nach wie vor umstritten. Dabei unterscheidet Freud zwischen bewussten und unbewussten Wünschen. Vor allem die unbewussten seien die Triebkräfte des Seelenlebens. Freud stellte zudem die Behauptung auf, dass im erwachsenen Menschen immer noch infantile Seelenregungen mächtig wirksam seien.

Träume zeigen ein "stück des überwundenen Kinderseelenlebens"

Im Traum zeige sich ein Stück des überwundenen Kinderseelenlebens. Über den latenten Trauminhalt gelangte Freud zu infantilen Wunschregungen. Dabei zeigten sich die latenten Trauminhalte allerdings oft wenig sinnvoll, unverständlich und verworren. Nach Freud braucht es Traumdeutung, weil Träume verschlüsselte Ausdrucksformen unbewusster Wünsche und Konflikte sind. Der sichtbare Inhalt ist nur eine Verhüllung des eigentlichen psychischen Sinns, der durch innere Zensur verzerrt wird. Erst die Deutung bringt den verborgenen, latenten Inhalt zum Vorschein und macht verständlich, was die Psyche im Schlaf auszudrücken versucht.

Traumdeutung: Verschiebung, Verdichtung und Darstellbarkeit

Dies geschehe laut Freud auf dreierlei Weise: durch Verschiebung, Verdichtung und die Rücksicht auf Darstellbarkeit. Bei der Verschiebung betonte Freud, dass es sich dabei um eine Wunschregung handle, die auch im Traum eine selbst im Schlafzustand stets aufmerksame Zensur umgehen müsse. Mit einer Verlagerung des Wunschgedankens auf etwas Nebensächliches, „verkleidet“ sich der Gedanke. Bei der Verdichtung stellte Freud fest, dass die manifesten Traumgedanken, verglichen mit den latenten Traumgedanken, oft äußerst knapp, lakonisch und armselig erscheinen. Mit Hilfe der freien Assoziation gelange man jedoch zu den „verzweigten Gedanken, Gefühlen und Erlebnisgehalten, die allesamt nur auf dem Weg einer enormen Verdichtungsarbeit zur Kürze eines einzigen Traumes zusammengefasst werden konnten“, summiert Kornbichler Freud.

Der „Vater der Psychoanalyse“: Sigmund Freud (1856–1939).
Der „Vater der Psychoanalyse“: Sigmund Freud (1856–1939). ©wikicommons/ Photocolorization/ CC_BY-SA_4.0

Sigmund Freud


Sigmund Freud wurde 1856 im mährischen Freiberg geboren. Er studierte ab 1873 Medizin in Wien, absolvierte 1879 seinen Militärdienst und arbeitete ab 1882 als Assistenzarzt. 1885 wurde er Privatdozent, 1886 eröffnete er eine eigene Praxis und heiratete Martha Bernays. Zwischen 1887 und 1895 wurden ihre sechs Kinder geboren. Mit dem Werk Die Traumdeutung (1899) begründete Freud die Psychoanalyse. Ab 1907 arbeitete er eng mit C. G. Jung zusammen, bis es zu theoretischen Konflikten kam. 1938 floh Freud vor den Nationalsozialisten nach London, wo er 1939 starb.

Da der Traum drittens vor allem überwiegend ein visuelles und weniger ein akustisches Phänomen ist, geschehe eine starke Umformung von Gedanken. Somit könne ein logischer Zusammenhang auch als Gleichzeitigkeit erscheinen oder Kausalrelationen durch eine Aufeinanderfolge ausgedrückt werden, während Gegensätze ganz unter den Tisch fielen. Wichtig seien laut Freud im Traum auch Symbole. Wobei mit der Deutung von Symbolen immer Acht gegeben werden müsse. Freud stellte im Zuge seiner Erkenntnisse über die Traumarbeit auch die Hypothese vom Primär- und Sekundärvorgang auf. Wobei der Primärvorgang den Ausdruck von unbewussten Wunschregungen beschreibe, während diese durch den sekundären Vorgang oder das realitätsangepasste Denken gehemmt würden. Freud betont laut Kornbichler auch, dass ein Traum immer „nur im Zusammenhang einer Fülle freier Assoziationen und auf dem Hintergrund der gesamten Lebensgeschichte des Träumers“ verständlich werde.

C. G. Jung und das „kollektive Unbewusste“

Der Freud-Schüler und Zeitgenosse Carl GustavJung erweiterte Freuds Traumdeutung um den Begriff der Archetypen und dem „kollektiven Unbewussten“. Jung wuchs christlich auf und maß Religionen, wie auch dem Christentum, eine wesentliche Rolle in der Psyche des Menschen bei. Auch Freud bemerkte: „Es gibt Symbole von universeller Verbreitung, die man bei allen Träumern eines Sprach- und Bildungskreises antrifft, und andere von höchst eingeschränktem, individuellem Vorkommen, die sich ein Einzelner aus seinem Vorstellungsmaterial gebildet hat.“ Zudem fänden Traumsymboliken auch Eingang in die Märchen, Mythen und Sagen. Über die Bedeutung des Vorkommens dieser Traumsymboliken im Zusammenhang mit einem „kollektiven Unbewussten“ waren die beiden aber uneins. Freud kritisierte Jungs Abkehr von der zentralen Rolle der Sexualität und seine Hinwendung zu mythologischen und spirituellen Konzepten, die Freud als irrational und „esoterisch“ ablehnte.

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961).
Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung (1875–1961). ©wiki commons/ETH-Bibliothek_public_domain

Carl Gustav Jung


Carl Gustav Jung wurde 1875 in Kesswil (Schweiz) geboren. Er studierte ab 1895 Medizin in Basel und spezialisierte sich früh auf Psychiatrie. 1905 habilitierte er sich mit Arbeiten zu Assoziationsstudien und wurde Oberarzt am Burghölzli. 1907 traf er erstmals Freud; beide verband zunächst eine enge Zusammenarbeit, doch wachsende Differenzen – besonders über den Libidobegriff – führten 1913 zum Bruch. Jung gab seine Professur in Zürich auf und arbeitete fortan in eigener Praxis. Jung starb 1961 in Küsnacht.

C. G. Jung unterscheidet zwischen dem persönlichen Unbewussten und dem kollektiven Unbewussten. „Die Inhalte des persönlichen Unbewußten sind in der Hauptsache die sogenannten gefühlsbetonten Komplexe, welche die persönliche Intimität des seelischen Lebens ausmachen. Die Inhalte des kollektiven Unbewußten dagegen sind die sogenannten Archetypen“, so Jung. So sind für Jung auch Mythen und die Mythenbildung ein Teil des Seelenvorgangs von Menschen. Aber auch Religion hat für Jung Bedeutung für das menschliche Seelenleben: „Was für diese primitiven Lehren wahr ist, das gilt in noch höherem Maße von den herrschenden Weltreligionen. Die enthalten ursprünglich geheimes Offenbarungswissen und haben die Geheimnisse der Seele in herrlichen Bildern ausgedrückt. Ihre Tempel und ihre heiligen Schriften verkünden in Bild und Wort die altgeheiligte Lehre, jedem gläubigen Gemüte, jeder empfindsamen Anschauung und jeder denkerischen Ausschöpfung zugänglich.“

Träume und Visionen

Jung definiert das kollektive Unbewusste als „ein Teil der Psyche, der von einem persönlichen Unbewußten dadurch negativ unterschieden werden kann, daß er seine Existenz nicht persönlicher Erfahrung verdankt und daher keine persönliche Erwerbung ist. Während das persönliche Unbewußte wesentlich aus Inhalten besteht, die zu einer Zeit bewußt waren, aus dem Bewußtsein jedoch entschwunden sind, indem sie entweder vergessen oder verdrängt wurden, waren die Inhalte des kollektiven Unbewußten nie im Bewußtsein und wurden somit nie individuell erworben, sondern verdanken ihr Dasein ausschließlich Vererbung.“ Der Archetypus ist dabei eine Form oder ein Symbol für dieses Unbewusste, welches in allen Menschen verbreitet ist. Diese in jedem Menschen vorkommenden Bilder und Symboliken seinen laut Jung „aus dem Urstoff der Offenbarung geschaffen“ und dienten dazu, „dem Menschen auch immer die Ahnung des Göttlichen“ zu erschließen, würden ihn aber zugleich vor der Erfahrung schützen. Jung schreibt den religiösen Bildern eine wichtige Rolle zu: Sie würden das Unbewusste, das durch Träume und Visionen in das Bewusstsein gelangt, für die Menschen ordnen und verständlich machen.

Der Traum des Mönches

Das sechsteilige Mandala in der Pfarrkirche von Sachseln stellt die Dreifaltigkeitsvision des Bruder Niklaus von Flüe dar.
Das sechsteilige Mandala in der Pfarrkirche von Sachseln stellt die Dreifaltigkeitsvision des Bruder Niklaus von Flüe dar. ©Wikimedia Commons/Alpöhi/CC BY-SA 3.0

C. G. Jung nennt das Beispiel des Bruder Niklaus von Flüe. Dieser habe eine Dreifaltigkeitsvision erlebt, welche er sich auf die Wand seiner Zelle malen ließ. Die Vision sei, so Jung, auch in der Pfarrkirche von Sachseln aufbewahrt. Es handelt sich dabei um ein sechsfach geteiltes Mandala, dessen Zentrum das gekrönte Antlitz Gottes ist.

Jung schreibt dazu: „Dieses Beispiel zeigt die Nützlichkeit des dogmatischen Symbols: Es formuliert ein ebenso gewaltiges wie gefährlich- entscheidendes seelisches Erlebnis, das um seiner Übermacht willen mit Recht als ‚Gotteserfahrung‘ bezeichnet wird, in einer dem menschlichen Auffassungsvermögen erträglichen Art und Weise, ohne den Umfang des Erlebten wesentlich zu beeinträchtigen, noch dessen überragender Bedeutung schädlichen Abbruch zu tun.“ Das Verlorengehen der Bedeutung von religiösen Symbolen würde – laut Jung – unseren Blick auf das Unbewusste freilegen, aber auch ein Vakuum hinterlassen: „Wer die historischen Symbole verloren hat und sich mit ‚Ersatz‘ nicht begnügen kann, ist heute allerdings in einer schwierigen Lage: vor ihm gähnt das Nichts, vor dem man sich mit Angst abwendet. Schlimmer noch: das Vakuum füllt sich mit absurden politischen und sozialen Ideen, die sich allesamt durch geistige Öde auszeichnen.“

Warum uns Träume beschäftigen

Welche wichtige Rolle diese religiösen Symboliken im Traum für uns Menschen spielen zeigt auch das Buch „Von Gott träumen“ von Anselm Grün und Bernd Deininger, welches sich mit der spirituellen und psychologischen Ebene von Träumen und den Romanen über Träume des Schriftstellers und Dichters Jean Paul befasst. Die Bücher von Jean Paul würden die Höhen und Tiefen menschlicher Schicksale zeigen, die helfen, das eigene Leben besser zu verstehen und zur Selbsterkenntnis zu gelangen. Diese Reflexion und „ehrliche und mutige“ Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten tue in der heutigen Zeit bitter not, so die Autoren. Die Reflexion der eigenen Träume kann aber nicht nur eine Suche nach sich selbst und die Auseinandersetzung mit den eigenen Schattenseiten sein, sondern auch die Beschäftigung mit metaphysischen Fragen.

Träume: Beschäftigung mit dem Unbewussten

Der Mensch der Gegenwart ist immer wieder mit Sinn- und Identitätskrisen konfrontiert. Jean Paul und „sein inspirierender Zugang zu Träumen“ böten Möglichkeiten, diese Krise zu überwinden, so Grün und Deininger. Sie schreiben über den Dichter Jean Paul: „Immer
wieder erkennt er die Ursache der menschlichen Zerrissenheit, der verlorenen Harmonie zwischen Ich und Umwelt, in einem gestörten Verhältnis von Seele und Körper. Das wichtigste Rätsel der Philosophie ist für Jean Paul die Vereinigung dieser beiden. Einen Weg dazu geben uns die Erforschung, die Befragung und das Erfühlen unserer Träume.“ Laut Jung ist dabei das Wasser ein Symbol für das Unbewusste. Ein Blick darauf zeigt uns unsere Seele wie in einem Spiegel. Typische Archetypen nach C. G. Jung sind aber auch: die Mutter, der alte Weise, der Schatten, das Mädchen, das Kind oder der Kindgott, die Anima oder der Animus. Bei der Anima handelt es sich, so Jung, um den unbewussten Teil der Seele des einzelnen Menschen.

Für Jung ist die Beschäftigung mit dem Unbewussten – und damit mit uns und unserer Seele – für uns Menschen eine Aufgabe, die uns unser Leben lang beschäftigt: „Es handelt sich um geistiges Sein oder Nichtsein. Alle jene Menschen, denen die im erwähnten Traum angedeutete Erfahrung zugestoßen ist, wissen, daß der Schatz in der Wassertiefe ruht, und sie werden ihn zu heben versuchen. Da sie nie vergessen dürfen, wer sie sind, so dürfen sie ihr Bewußtsein unter keinen Umständen verlieren. Sie werden also ihren Standpunkt auf der Erde festhalten; sie werden damit – um im Gleichnis zu bleiben – zu Fischern, welche das, was im Wasser schwimmt, mit Angel und Netz fangen.“

Autor:
  • Stefan Kronthaler
  • Cornelia Grotte
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