„Wir haben zu lange nur Angst geschürt“
KlimakriseIch bin von meiner beruflichen Ausbildung her Meteorologin. In den letzten Phasen meiner beruflichen Tätigkeit war ich an der Universität für Bodenkultur als Universitätsprofessorin tätig und ich habe mich in den letzten zwei Jahrzehnten primär mit dem Klimawandel beschäftigt – mit seinen Auswirkungen, aber natürlich auch mit seinen Ursachen.“ Im Gespräch mit dem SONNTAG erläutert die mittlerweile emeritierte Universitätsprofessorin Helga Kromp-Kolb, was jetzt und heute der oder die Einzelne tun kann und auch soll.
Provokant gefragt: Wird im Zusammenhang mit der Klimakrise zu wenig die Angst geschürt?
HELGA KROMP-KOLB: Ich glaube, eher zu viel. Wir haben zu lange nur Angst geschürt. Aber wir haben viel zu wenig darauf hingewiesen, was wir gewinnen können, was wir durch Klimaschutz gewinnen können. Denn es geht nicht nur um Klimaschutz. Ich finde, das Schöne an den nachhaltigen Entwicklungszielen und auch an der Enzyklika Laudato si’ ist es, dass da wirklich das Ganze betrachtet wird und nicht die Finanzwirtschaft getrennt oder die Technologiegläubigkeit getrennt, sondern dass das alles zusammengehört. Bei den nachhaltigen Entwicklungszielen oder der Agenda 2030 geht es darum, dass alle Ziele gleichzeitig erreicht werden. Oder zumindest gleichzeitig verfolgt werden.
Warum müssen wir zwischen Klimawandel, Klimakrise und Klimakatastrophe unterscheiden?
Im Grunde genommen ist es ein Stück weit eine zeitliche Abfolge. Das Klima wandelt sich jetzt schon seit fünf Jahrzehnten und am Anfang wurde es überhaupt nicht als Krise oder Katastrophe wahrgenommen. Inzwischen ist, glaube ich, vielen bewusst, dass wir wirklich in einer Krise stecken, und für manche Menschen ist es schon längst zur Katastrophe geworden. Und zwar nicht nur irgendwo in Pakistan, wenn Millionen Menschen von Überschwemmungen betroffen sind, sondern auch in Niederösterreich, wo es das eine oder andere Haus weggerissen hat. Der Klimawandel ist für viele Menschen schon jetzt zur Katastrophe geworden. Ich unterscheide zwischen dem, was in der Natur, also in der Atmosphäre passiert, das nenne ich Klimawandel. Und wo immer es Menschen betrifft, wenn wir darüber reden, was es mit Menschen zu tun hat, dann rede ich von Krise oder Katastrophe. Aber das ist keine allgemein akzeptierte Unterscheidung. Viele Kollegen und Kolleginnen wollen gar nicht mehr vom Wandel reden, weil sie sagen: Das klingt so harmonisch, angenehm. Also wir haben sprachlich ein bisschen ein Problem, wirklich das zu vermitteln, was eigentlich vermittelt werden sollte. Nämlich eine Krise, die von Tag zu Tag bedrohlicher wird und bei der wir nicht mehr wissen: Können wir sie überhaupt noch in den Griff bekommen oder nicht? Und das vermittelt keiner dieser Begriffe wirklich.
Im Mai 2015 erschien die Sozial- und Umwelt-Enzyklika Laudato si’ über die Sorge für das gemeinsame Haus von Papst Franziskus. Was gefällt Ihnen an dieser Enzyklika?
Mir gefällt diese Enzyklika sehr gut und ich zitiere sie oft, weil der Papst hier mit einer sehr klaren Sprache spricht und die Probleme der Zeit anspricht. Dass nämlich unsere Politik getrieben ist von der Finanzwirtschaft und der Technologie und nicht mehr von den Bedürfnissen der Menschen. Und dass wir in einer ständigen Beschleunigung leben, wo man gar keine Zeit mehr hat, darüber nachzudenken, was das Ganze soll, wozu ich eigentlich da bin und wohin diese ständige Beschleunigung führt. Und er spricht das sehr deutlich und sehr klar aus. Er spricht aber auch sehr deutlich aus, dass es nicht darum geht, dass irgendeine Regierung oder irgendein Diktator kommt, der die Sachen wieder in Ordnung bringt, sondern dass wir alle unsere Verantwortung haben. Das wird, glaube ich, gegenwärtig zu wenig angesprochen. Im Vorfeld der Erstellung der Enzyklika hat der Papst Wissenschaftler zusammengeholt, die ihm die ganze Situation analysiert und erklärt haben. Das spiegelt sich sehr deutlich auch im Text wider.
Um vom Öl, vom Gas und von der Atomenergie wegzukommen: Brauchen wir dann mehr Windkraft, mehr Wasserkraft und mehr Photovoltaik?
Wir brauchen weniger Energieverbrauch. Wir brauchen wieder Genügsamkeit, also Suffizienz, und wir brauchen Effizienz. Darüber wird aber kaum geredet. Wir reden immer nur darüber, woher wir die Energie bekommen, von der wir ständig mehr brauchen. Und in Wirklichkeit vergeuden wir sie. Wir müssten uns wirklich darum bemühen, dass wir effizienter werden. Am Beispiel der Mobilität: Da fahren zwei Tonnen herum, um irgendwelche 70 Kilogramm zu transportieren, das ist doch verrückt. Das ist einfach eine Fehlentwicklung und das kann man auch anders lösen. Und wir brauchen Genügsamkeit. Ich glaube, es ist kein Zufall, dass alle Religionen der Welt Genügsamkeit als eine Tugend predigen. Und das Bewusstsein dafür haben wir völlig verloren.
„Was soll das Ganze? Wozu bin ich da? Wohin führt diese Beschleunigung?“
Was brauchen wir dann wirklich, um glücklich zu sein?
Das ist nicht der große Fernsehschirm und das ist auch nicht jedes Jahr ein neues Handy. Das ist nicht das, was uns glücklich macht. Diese Überlegung, was wir eigentlich für ein gutes Leben brauchen, die müsste wieder viel stärker in den Vordergrund rücken und dann kommt man auch mit viel weniger Energie aus. Ja, wir brauchen trotzdem mehr erneuerbare Energie, aber nicht so sehr für uns in den westlichen Ländern, sondern für die sogenannte Dritte Welt.Dort brauchen wir sie und dort ist sie im Großen und Ganzen auch reichlich vorhanden. Bei der Wasserkraft haben wir in Österreich die Donau schon ausgenutzt. Befragt man die Bevölkerung hinsichtlich der Windkraft, so sind alle dagegen, weil das den Leuten nicht gefällt. Aber ich muss fragen: Will ich so viel Energie verwenden wie bisher? In den Ländern, wo Öl gefördert wird, da herrschen nicht gerade menschenwürdige Bedingungen. In vielen Fällen wird die Ökologie total zerstört, weil nicht sorgfältig gearbeitet wird. Und die Regime in den Ländern, wo Öl gefördert wird, und das ist kein Zufall, die sind auch menschenverachtend im Großen und Ganzen. Aber das stört uns nicht, solange wir nicht ein Windrad sehen. Und das ist heuchlerisch.
2015 beschlossen die Vereinten Nationen die Agenda 2030 mit ihren 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, SDGs) – einen Plan zur Förderung nachhaltigen Friedens und Wohlstands und zum Schutz unseres Planeten. Sie fassen diese Ziele so zusammen: ein gutes Leben für alle unter Einhaltung der ökologischen Grenzen unseres Planeten. Wie geht das?
Dazu gehört ein Denken, dass wir ein Teil unserer Natur sind und nicht sozusagen die Herren über die Natur, denn wir leben von dieser Natur. Das heißt, ein Umdenken gehört dazu, ein wirkliches Umdenken. Was kann ich der Natur entnehmen und was darf ich ihr nicht entnehmen? Und was kann ich auch in der Natur ablagern im Sinne von beispielsweise Abgasen? Was kann die Natur noch verkraften und was kann sie nicht mehr verkraften? Die Natur nimmt zum Beispiel ungefähr die Hälfte unserer menschengemachten CO2-Emissionen auf. Wenn wir die Erde weiter zubetonieren, die Moore trockenlegen, dann wird sie weniger aufnehmen. Wenn wir sie renaturieren, wird sie mehr aufnehmen. Wir brauchen auch noch mehr ein Gefühl des Füreinander-Verantwortung-Tragens. Und zwar nicht nur innerhalb der Familie, das ist irgendwo selbstverständlich. Sondern da wir eine globalisierte Welt haben, geht es eben sehr wohl auch um Menschen in anderen Teilen der Welt, aber auch um zukünftige Generationen. Und das finde ich immer ganz erstaunlich. Dass man so wenig daran denkt: Wie übergeben wir unsere Welt der nächsten und der übernächsten Generation? Wenn man da mehr darüber nachdenken würde, dann könnte man nicht den Raubbau betreiben, wie wir es derzeit tun.
„Wie übergeben wir unsere Welt der nächsten und übernächsten Generation?“
Klimapraktisch gefragt: Jetzt im Frühling haben unsere Biobauern noch keine Paradeiser, weil die Biobauern saisonal produzieren. Wenn ich nun im Supermarkt vor dem Gemüseregal stehe, dann sehe ich entweder Paradeiser aus dem Glashaus aus Österreich oder die schönen sonnengereiften Tomaten aus Spanien. Welche Paradeiser sind klimafreundlicher?
Gar keine Paradeiser im Winter sind die klimafreundliche Lösung. Wir nehmen uns einen Teil der Freuden des Lebens, wenn wir alles immer haben wollen. Denn wenn ich das ganze Jahr über Paradeiser esse, dann habe ich keine Freude mehr auf die Paradeiser-Saison. Wenn ich das ganze Jahr über Erdbeeren esse, dann freut mich nicht auf die erste Erdbeere im Jahr. Wenn ich Paradeiser im Winter esse, verzichte ich auf die Freude im Frühjahr und im Sommer, wenn die Paradeiser dann regional und sonnengereift verfügbar sind.
Termintipp
Universitätsprofessorin Dr. Helga Kromp-Kolb (Universität für Bodenkultur inWien) spricht am 22. April bei den „Theologischen Kursen“ von 18:00 bis 19:30 Uhr zum Thema „Für Pessimismus ist es zu spät. Was angesichts des Klimakollapses zu tun ist.“