Was wir wegwerfen – und wer damit lebt
Mode und Kunst aus MüllDer Theseustempel im Wiener Volksgarten strahlt Würde aus: ein klassizistischer Bau, geschaffen, um Schönheit, Ordnung und zeitlose Werte sichtbar zu machen. Umso größer ist der Kontrast, der sich derzeit im Inneren bietet. Dort, wo einst ein marmorner Held stand, begegnen Besucherinnen und Besucher derzeit Abfall – alten Autoreifen, Plastiksäcken, Flip-Flops und ausrangierten Kabelschnüren.
Ein Erdrutsch auf einer Müllhalde
Die ugandische Künstlerin Nabukenya Allen, die unter dem Namen Njola arbeitet, hat mit ihrer Installation „Kiteezi“ den Tempelraum in einen Ort verwandelt, an dem sich Schönheit und Zerstörung berühren. Ausgangspunkt ist die Müllhalde Kiteezi bei Kampala, der Hauptstadt Ugandas, auf der täglich 2.000 Tonnen Abfall landen. Im August 2024 wurde sie zum Schauplatz einer Katastrophe: Ein Erdrutsch kostete 34 Menschen das Leben und machte Hunderte obdachlos. Njola greift diese raue Realität nicht dokumentarisch auf, sondern tastet sich künstlerisch an sie heran.
Kunst aus Müll
Im Zentrum der Installation steht ein überdimensionales Motorrad – ein sogenanntes Boda-Boda, wie die Motorradtaxis in Uganda heißen. Gefertigt aus Abfall, wird es zum Symbol für jene Menschen, die am Rand der Gesellschaft leben und doch Wesentliches zu Mobilität und Transport im Land beitragen. „In meinen Arbeiten beschäftige ich mich mit Fragen von Sinn, Verlust und Hoffnung in Gemeinschaften, die von Umweltverschmutzung betroffen sind“, sagt die Künstlerin. Es sind Menschen wie die Boda-Boda-Fahrer, die sie sichtbar machen will – Menschen, deren Würde leicht übersehen wird.
Müll und Mode
Rund um das Motorrad stehen Figuren in Kleidern aus Müllmaterialien. Njola beschreibt ihren Zugang so: „Ich untersuche das Verhältnis zwischen menschlichem Leben und weggeworfenen Materialien.“ Aus Materialien wie Plastiksäcken, Autoreifen und Altkleidern entwickelt die Künstlerin tragbare Kunst, Gemälde und Skulpturen.
Viele Projekte von Nabukenya Allen entstehen im Austausch mit Menschen aus dem Umfeld der Deponie, insbesondere mit den Boda-Boda-Fahrern. Der Blick richtet sich damit nicht nur auf den Müll selbst, sondern auf die sozialen Gefüge, die sich rund um den Abfall bilden.
Ressourcenquelle Müll
Der Müllberg wird zudem zur Ressourcenquelle für Kunst und neue Schöpfungen: „Reifenplatten dienen mir als Leinwand, Bestandteile von Flipflops als strukturelle Elemente. Durch Reinigen, Schneiden, Zerkleinern und Umformen entstehen daraus pulverförmige Pigmente, die ich mit Zusatzstoffen mische, um eigene Farben herzustellen“, erklärt die Künstlerin.
Müll taucht an anderer Stelle wieder auf
Die Ausstellung berührt die zutiefst christliche Frage: Wie gehen wir mit der Schöpfung um? Der Müll, der in Kiteezi landet, kommt oft nicht nur aus Uganda. Ein erheblicher Teil der ausgedienten Kleidung und Kunststoffprodukte stammt aus globalen Warenströmen. Was wir hier konsumieren und wegwerfen, verschwindet nicht einfach. Es taucht anderswo wieder auf – oft als massive Umweltbelastung, manchmal auch als giftige Gefahr. Papst Franziskus hat in seiner Enzyklika „Laudato si’“ ausdrücklich von der „Wegwerfkultur“ gesprochen. Im Theseustempel wird diese auf sehr originelle und berührende Weise sichtbar. Njola: „Wer sind wir im Angesicht von Abfall?“ Eine einfache Frage, die trifft und den Blick auf unser eigenes Leben lenkt.
Die Schau bietet keine fertigen Antworten, sondern lädt ein, genauer hinzusehen: auf Müll-Materialien, ihre Wege – und auf die Menschen, die mit ihnen leben.
Termintipp
Die Ausstellung "Njola Impressions - Kiteezi" läuft bis 11. Oktober: ▸weltmuseumwien.at