Thomas de Maizière: "Wer gut führt, muss Menschen mögen"

Politik und Kirche
Ausgabe Nr. 21
  • Leben
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Konservativ sein heißt, Stabilität im Wandel herbeizuführen, sagt Thomas de Maizière. ©Simon Kupferschmied
Thomas de Maizière, geboren 1954 in eine evangelisch-lutherische Familie, ist ausgebildeter Jurist. ©Norbert Ittermann

Was macht einen guten Manager aus? Warum ist das Image der Politik so schlecht? Über diese Themen und mehr hat der SONNTAG mit dem ehemaligen Spitzenpolitiker Thomas de Maizière gesprochen.

Das hoch über der Donau gelegenene Stift Göttweig bietet einen interessanten Rahmen für Austauschtreffen. Der SONNTAG traf beim elften Familienunternehmertag den ehemaligen Spitzenpolitiker Thomas de Maizière zum Gespräch.

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Herr Dr. de Maizière, wir sind hier auf dem elften Familienunternehmertag in Stift Göttweig in Niederösterreich. Fühlen Sie sich wohl in einem katholischen Benediktinerstift? 

Na klar. Der Hintergrund der Frage ist, dass ich aus einer protestantischen, hugenottischen Familie komme. Ich bin auch in meiner Kirche engagiert. Ich war Synodale in der sächsischen Landeskirche. Ich bin im Vorstand des Deutschen Evangelischen Kirchentages, ich war Präsident des Kirchentages in Nürnberg. Ich war auf einer katholischen Jesuitenschule in Bonn als Schüler. 

Ist das jetzt gefährlich? 

Nein. Meine ersten beiden Freundinnen, waren katholisch, Aber ich bin schon evangelisch geprägt, keine Frage. Aber ich stehe mit Respekt hier vor der kulturellen Leistung der Klöster, die ja eigentlich den Wissenstransfer über Jahrhunderte sichergestellt haben. Was wir heute in Clouds und auf dem Server haben, haben die Mönche abgeschrieben und aufgeschrieben. Mal sehen, ob unsere Serverinhalte so lange halten wie diese alten Texte.

Ich stehe mit Respekt hier vor der kulturellen Leistung der Klöster

Manche Manager lassen sich ja auch vom heiligen Benedikt inspirieren und anleiten. Es gibt sogar Seminare für Manager. Da reisen Menschen an und verbringen hier spirituelle Einheiten, lassen sich von Äbten oder von Mönchen weiterbilden.

Eine meiner Thesen ist, dass gute Führung Ablenkung braucht, damit man sich auf die eigentliche Kernaufgabe der Führungsaufgabe konzentrieren kann. Und Auszeiten, wie Fastenzeiten, wie Klausurtagungen, wie das Pilgern ist eine solche Form von Ablenkung. Ich bin hier in einem wunderbaren Gästezimmer untergebracht. Dort steht kein Fernseher. Und am Anfang habe ich mich geärgert. Ich wollte gestern Abend noch die Nachrichten sehen und dann stand in dem Büchlein: “Wir setzen bewusst darauf, dass es in unseren Zimmern keine Fernseher gibt. Wir wollen das Stille einkehrt.” Und dann bin ich stumm geworden und habe gedacht: Genauso ist es. Diese Form von etwas ganz anderem machen und das als eine Kraftquelle und Anker erleben zu dürfen, das können Klöster in ganz besonderer Weise.

Thomas de Maizière: Lesen und Musik als Auszeit

Sie haben Auszeiten angesprochen. Wo haben Sie denn in Ihren 40 Jahren in der Politik Auszeiten gehabt? 

Zu wenig, natürlich. Ich bin ein bisschen wie der Prediger in der Wüste. Aber für mich war das Lesen und die Musik, vor allen Dingen das Hören von sehr guter Musik eine Auszeit. Ich kann in Musik, versinken, wenn ich die h- Moll Messe vom Bach höre oder die Matthäuspassion oder eine Bruckner Symphonie. Oder wenn ich ein großes Buch lese, dann bin ich so weit weg von allem, dass es schön ist, wieder aufzutauchen.

Eine meiner Thesen ist, dass gute Führung Ablenkung braucht

Kommen wir zurück zu Ihrem Vortrag. Sie haben referiert über Bedingungen von Führung in Politik und Wirtschaft und haben Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet. Sie sagten: “Wer führt, muss Menschen mögen.” Was steckt dahinter? 

Wer gut führt, muss Menschen mögen, würde ich vielleicht präzise sagen. Wenn Sie Verantwortung für Menschen haben und die Menschen den Eindruck haben, sie mögen sie eigentlich nicht, dann gelingt Führung nicht. Damit meine ich keine persönlichen Liebesbeziehungen oder große Sympathie für Einzelne, aber wenn Sie Kultusminister sind, müssen Sie Lehrer mögen. Wenn Sie Gesundheitsminister sind, müssen Sie Ärzte und Pflegekräfte mögen. Sie müssen das Milieu mögen. Wenn die Menschen das Gefühl haben, dass man sich nur aus taktischen Gründen anbiedert, dann gelingt Führung nicht. Also zu guter Führung zählt, dass man die Menschen ernst nimmt und sie Zuwendung und Anerkennung spüren lässt. Aber man muss mit Respekt für die Aufgabe auch nach Innen Kritik üben können.

Sie meinen außerdem, dass mann Institutionen wie dem Staat und seinen Politikerinnen und Politikern wie auch Institutionen wie unseren Kirchen, Problemlösungen nicht zutraut. Warum eigentlich? 

Ich glaube schon, dass wir jedenfalls in Deutschland, vielleicht auch im Westen, in einer Institutionenkrise sind. Die Institutionen hatten auch ihre Skandale: die Kirchen, große Sportverbände oder Parteispendenskandale in der Politik. Dagegen sind aktuell kleine Initiativen chic wie die selbstgewählte Stiftung, Demos für Fridays für Future oder Spenden für ein Projekt in Afrika. Das sind sehr lobenswerte Aktivitäten. Aber diverse Gesellschaften brauchen zusammenführende, kontinuierliche, dauerhafte Institutionen. Eine Freiwillige Feuerwehr muss immer da sein. Tag und Nacht. Also dauerhafte Bindungen in Institutionen gehören zur Stabilität einer Gesellschaft. Ich werbe dafür, dass wir Institutionen nicht schlechtreden, nicht verachten, sondern in sie hineingehen und gegebenenfalls positiv verändern.

Man spricht auch vom Engagement der Zivilgesellschaft. Die Kirchen, die Glaubensgemeinschaften, sind hier doch Global Player.

Ja, ich beklage auch kein mangelndes Engagement, das ist immer noch großartig. Aber wichtig ist nicht nurein Einzelengagement,  sondern auch mal in den Kirchenvorstand zu gehen und fünf oder sieben Jahre lang einmal im Monat eine dreistündige, langweilige Sitzung zu haben, um zu entscheiden, welches Geld jetzt ausgegeben wird, ob jetzt der Kirchenturm renoviert wird oder ob man lieber die Orgel macht und Spenden zu sammeln für die Orgel. Diese Form von nicht spektakulärer, aber dauerhafter, nachhaltiger Arbeit in Institutionen, dafür werbe ich, dass das nicht verloren geht.

Das ganze Interview können Sie mit unserem Digital-Abo auf dersonntag.at lesen. 

Schlagwörter
Autor:
  • Sophie Lauringer
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