Streiten wie im Mittelalter
Metaphysik-Tagung am 16. Oktober in Heiligenkreuz
Auch beim Streiten den „Feind“ als Kind Gottes achten
„Angesichts des heruntergekommenen Zustands unserer Menschlichkeit ist es nur allzu leicht, eine feindselige Haltung gegenüber denen einzunehmen, mit denen wir nicht einer Meinung sind.“ Das sagte Papst Leo XIV. am 26. August 2026 bei einem Treffen mit Bischöfen und Bischöfinnen der lutherischen Kirche Norwegens im Vatikan. Verhielt sich Thomas von Aquin anders?
Rolf Schönberger: Bei Thomas muss man nach einer aggressiven oder sarkastischen Bemerkung sehr lange suchen. Er rubriziert in einem bedeutenden Werk Vertreter korrektur- oder kritikwürdiger Auffassungen unter dem wenig aussagekräftigen Titel „gentiles“ (Heiden). Es steht eben doch der Irrtum und nicht die wirkliche oder vermeintliche Bösartigkeit im Vordergrund. In seiner Konzeption der Feindesliebe macht er geltend: Wenn das antagonistische Verhältnis der Feindseligkeit zum allein bestimmenden Aspekt würde, würde die Gottesliebe verletzt, denn das Geschöpfsein kommt auch dem Feind zu.
Streiten: Lernen für unsere Debattenkultur
Welches Rezept hätte Thomas von Aquin angesichts der zunehmenden Verbitterung in politischen und gesellschaftlichen Debatten hierzulande? Was können wir von ihm für unsere Debattenkultur lernen?
Man muss selbstverständlich unterscheiden zwischen einer akademischen Debatte, in der Thomas sich bewegt hat, und einer öffentlichen, die seit einiger Zeit empfindliche Defizite hat. Aber auf beiden Ebenen ist es verderblich, im Brustton der Überzeugung sich statt über die Gründe über die Motive des Gegners auszulassen. Zum einen sind sie längst nicht so offensichtlich wie unterstellt, zum anderen sind sie sekundär, denn man kann auch aus sinistren Motiven einen wichtigen Punkt vorzubringen haben. Außerdem sind Motive erst dann von Belang, wenn Gründe nur wenig überzeugend sind.
Streitkultur: Unpolemisch formulieren
Vorbildlich ist Thomas' (auch der meisten seiner Kollegen) Art, die Position des Gegners unpolemisch zu reformulieren; wenn sich der Gegner nicht verstanden fühlt, läuft die Kritikmaschinerie leer. Ebenso sinnlos ist es, bevorzugt Gründe vorzubringen, die für das Gegenüber gar keine sind, weil es deren Voraussetzungen nicht teilt. Zeitgenossen werden in aller Regel gar nicht namentlich angegeben. ‚Debatte‘ setzt eine gewisse Gleichrangigkeit der Beteiligten voraus, davon kann also nicht die Rede sein, wenn einer den anderen nur zum Gegenstand seiner Verdächtigungen macht (von Nietzsche gern praktiziert).
Immer eine Vielzahl von Gründen
Hören wir noch auf die Thesen und Argumente des Gegners? Wollen wir ihn verstehen? Wie hat Thomas von Aquin agiert?
Thomas hat neben der Reformulierung der Gründe zu verstehen versucht, warum das für seine Gegner Gründe sind. Man kann Auffassungen zurückweisen und bekämpfen, damit hat man sie aber noch nicht verstanden. Er sucht immer wieder nach dem Wahren im Irrtum und dem Guten im Schlechten, um seine Plausibilität und seine Attraktivität verständlich zu machen. Damit ist ja nicht geleugnet, dass grundlegende Irrtümer nicht nur falsch, sondern auch gefährlich sind. Thomas hat darauf gedrungen, dass Kritik an seiner Kritik nicht im internen Zirkel bleibt, sondern „öffentlich“ wird. Er bringt so gut wie immer eine Vielzahl von Gründen vor; das mag ein rhetorisches Moment sein, dies hat aber auch etwas ausgesprochen Humanes.
Streiten: Immer mehr rote Linien
Wie verhält sich die scholastische Diskussionskultur zum heutigen postfaktischen Zeitalter? Geht es heute mehr um Gefühle und weniger um Fakten?
Die scholastische Diskussionskultur war nicht europaweit uniform, aber doch sehr ähnlich. Die Ungeniertheit gegenüber Fakten ist auch deshalb verderblich, weil man sich bei Problemen nun im Gegenzug auf diese beschränkt. Die in den medialen Nachrichten fortwährend vermeldeten Fakten mögen ja korrekt erhoben sein, aber für ein Verständnis sind sie nicht hinreichend. Die Globalisierung ging wider Erwarten mit einer Miniaturisierung der Foren einher. Hinzu kommt in meinen Augen auch, dass die Ungewissheit in den grundlegenden Dingen durch Dezidiertheit in vordergründigen Belangen und Aspekten kompensiert wird. Entscheidungsfelder sind zunehmend durchzogen von roten Linien. Und ein Letztes: Die Auseinandersetzungen verliefen an der mittelalterlichen Universität nicht primär indirekt über die Publikationen, sondern persönlich. Die während der Pandemie nicht zufällig so schmerzlich vermisste physische Präsenz fehlt nun in der virtuellen Welt und dies hat enthemmende Wirkung. Man gibt unsägliche Dinge von sich, die man jemandem persönlich nicht ohne weiteres an den Kopf werfen würde.
Freude an der Wahrheit
Warum ist es auch nach Thomas von Aquin wichtig, Wahrheit und Lüge zu benennen?
Der Mensch hat einen Sensus für Wahrheit. Es ist für das eigene Leben nicht gleichgültig, ob etwas Grundlegendes zumindest in den eigenen Augen zutrifft oder nicht. Auch wenn das Verhältnis des Menschen zu Lüge und Irrtum bekanntlich ambivalent ist, so kann es etwas vollständig Falsches gar nicht geben. Wahrheiten sind hingegen prinzipiell, wenn auch nicht immer unmittelbar und in offensichtlicher Weise kohärent. So belastend und bedrohend eine Information zweifellos sein mag – wenn einem durch eine Erklärung ein Licht aufgeht, ist das ein Gewinn. Thomas spricht mit Augustinus von der „Freude an der Wahrheit“.
Zur Person
Rolf Schönberger ist ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer für Geschichte der Philosophie mit dem Schwerpunkt Philosophie des Mittelalters. Er lehrte jahrelang in Regensburg.
Termintipp
Tagung: „Lichtblicke auf Gott und Mensch – Thomas von Aquin und die scholastische Diskussionskultur“, am 16. Oktober 2026 an der Hochschule Heiligenkreuz (Hörsaal Bernhardinum).