Richterin Caroline List: Ich habe gesehen, wie Unrecht getan wird
Welttag der Richterinnen
Bekannt ist Caroline List als Nachfolgerin von Waltraud Klasnic in der Unabhängigen Opferschutzkommission und durch ihren Mann, den früheren Generalsekretär im Justizministerium Christian Pilnacek, der 2023 verstorben ist. Die Steirerin war 1993 erste Richterin des Landesgerichts für Strafsachen in Graz.
Frau Präsidentin List, Gerechtigkeit hat Sie immer interessiert.
Caroline List: Gerechtigkeit interessiert mich sehr. Das habe ich auch als Motivation angegeben, als ich befragt wurde, warum ich denn Richterin werden möchte. Da wurde ich sehr zurechtgewiesen von dem damaligen Richter, der dann darüber auch mitentschieden hat, ob ich aufgenommen werde oder nicht. Er hat gesagt, Gerechtigkeit ist keine Kategorie in der Justiz. Gerechtigkeit ist eine philosophische Kategorie und keine juristische.
Umgekehrt gefragt, wurden Sie selbst einmal ungerecht behandelt?
Ja, ich glaube schon. Ich denke jetzt an die jüngste Vergangenheit meines Lebens. Es war eine ganz schlimme Zeit und da meine ich schon, dass ich viel Unrecht erfahren habe oder auch gesehen habe, wie Unrecht getan wird. Damit umzugehen und damit fertigzuwerden, ist aus meiner Sicht auch ein Mosaikstein für ein glückliches Leben.
Caroline List ist Richterin für Strafrecht
Sie sind Richterin für Strafrecht. Ist die Welt so schlecht, dass wir Richterinnen und Richter dafür brauchen?
Das Strafrecht schützt sozusagen den moralischen Grundkodex einer Gesellschaft. Das heißt noch lange nicht, dass diejenigen Menschen, die nicht gegen das Strafrecht verstoßen, alle gute Menschen sind. Aber über gewisse Dinge muss Einigkeit in einer Gesellschaft bestehen. Und dass die Menschen schlecht sind: Ja. Menschen sind zum Teil schlecht und zum Teil gut. Und jeder Mensch hat das eine und das andere in sich.
„Man lernt einfach mit der Zeit, mit diesen Abgründen umzugehen.“
Wurden Sie auf die menschlichen Abgründe, mit denen Sie im Gerichtssaal konfrontiert werden, vorbereitet?
Darauf wird man nicht vorbereitet. Man lernt einfach mit der Zeit, mit diesen Abgründen umzugehen. Von allem kann man sich natürlich nicht abgrenzen.
Sie waren 2000 bei der Gründung des Vereins Interdisziplinäres Forum gegen Sexuellen Missbrauch beteiligt.
Sie waren drei Jahre lang stellvertretende Obfrau des Vereins Hilfe für Eltern und Kinder im Kinderschutzzentrum Graz. Sie hatten die Verantwortung für die Hauptverhandlungsabteilung mit Spezialzuständigkeit für Verbrechen gegen die Sittlichkeit. Woher kommt dieses Engagement?
Es hat zu Beginn meiner Tätigkeit überhaupt keine Opferschutzbestimmungen gegeben und es war eine wirklich dunkle Zeit für Menschen, die als Opfer zu Gericht gekommen sind. Damals hat sich niemand gekümmert, wie es den Menschen geht, die da vor Gericht stehen und zum wiederholten Mal ihre Leidensgeschichte erzählen müssen, dann auch noch von scharfen Staatsanwälten und noch schärferen Verteidigern ausgefragt werden, ob sie hier wohl die Wahrheit sagen. Und das hat mich vor allem, wenn es um Kinder und um Frauen ging, die Opfer von Gewalt oder Sexualdelikten waren, immer sehr gestört. Und damals hat überhaupt kein Mann darüber nachgedacht, dass es für eine Frau unangenehm sein könnte, von Männern befragt zu werden.
Nehmen die Zahlen zu oder werden einfach mehr Fälle überhaupt zur Anzeige gebracht?
Ich denke, es werden insgesamt sicher jetzt mehr Fälle zur Anzeige gebracht. Und es kommt nicht mehr so vor, dass diese Verbrechen und Vergehen im Dunklen bleiben, wie das früher war, weil man sich auch der schweren Folgen für die Opfer bewusst geworden ist. Und zwar erst in den letzten 20 Jahren, muss ich sagen. Damit einhergegangen sind auch die Entwicklung von Opferschutzbestimmungen und der Aufbau von Spezialabteilungen und die gestiegene Anzeigehäufigkeit.
Hier kommen wir jetzt zu einer neuen Aufgabe. Sie sind seit 1. Jänner 2026 unabhängige Opferschutzanwältin.
Ich bin unglaublich dankbar, dass ich an diesem Projekt teilnehmen durfte und teilnehmen darf. Auch wenn man in diesem Zusammenhang schwer darüber sprechen kann, aber es ist ein Erfolgsmodell in der Aufarbeitung von historischen und gegenwärtigen Missbrauchsfällen, das weltweit keinen Vergleich scheuen muss. Und so war das immer eigentlich eine sehr beglückende Arbeit, weil man Menschen helfen kann, denen in ihrer Kindheit Leid zugefügt wurde.
Es geht in der Opferschutzkommission um Missbrauch in der katholischen Kirche. Es gibt auch Missbrauch in der Familie, in anderen Institutionen, prominent gerade im SOS-Kinderdorf. Es passiert hier ein ganz großes Unrecht. Haben Sie eine Erklärung, warum Missbrauch in der Kirche überhaupt möglich ist?
Sexueller, spiritueller und physischer Missbrauch ist überall möglich, aber besonders gut ist er möglich in geschlossenen Systemen. Und geschlossene Systeme sind beispielsweise Heime, waren Internate. Dort ist es besonders häufig vorgekommen. Und möglich ist das, weil jeder Mensch gute und böse Seiten in sich vereinigt und es einfach Menschen gibt, die oftmals auch selber Gewalt erlebt haben und diese Gewalt dann in irgendeiner Form weitergeben. Oftmals gibt es eine sexuelle Ausrichtung, die nicht natürlich ist, oder ein Klima von Gewalt, das sich unter gewissen Bedingungen ausgebreitet hat. Sehr oft waren es gewalttätige Leitungen, unter denen sich dann auch ein solches Klima besonders entwickelt hat.
Finanzielle Entschädigung ist das eine, menschliches Leid das andere. Wie nehmen Sie das wahr in den Gesprächen mit den Betroffenen?
Am Beginn unserer Tätigkeit ist es eigentlich hauptsächlich darum gegangen, anzuerkennen, welches Leid einer Person widerfahren ist. Als dann bekannt wurde, dass auch finanzielle Hilfen geleistet werden mussten, wurde das natürlich immer wichtiger. Aber damit ist das Leid nicht aufzuwiegen.
Wie achten Sie denn auf Ihre persönliche Psychohygiene?
Meine Kinder, 1996 und 1998 geboren, waren immer eine riesige Freude und sind immer Ansporn. Sie sind jetzt schon junge Frauen. Ich liebe sie und meine Familie, das ist mein Rückhalt. Ich singe wahnsinnig gerne im Chor.
Opferschutzkommission
Die Unabhängige Opferschutzkommission (UOK) hat seit 2010 über 3.500 positive Entscheidungen über finanzielle und psychologische Hilfeleistungen für Betroffene von physischer, psychischer und sexueller Gewalt in der Höhe von mehr als 38 Millionen Euro getroffen. Die katholische Kirche hat alle Entscheidungen der UOK umgesetzt. Ein Schwerpunkt ist neben der Unterstützung von Betroffenen die Prävention. Mitglieder sind neben Caroline List der Gerichtspsychiater Reinhard Haller, die Klinische Psychologin Ulla Konrad, Kurt Scholz, früherer Stadtschulratspräsident, Eva Marek, Vizepräsidentin des Obersten Gerichtshofs, der Psychiater Friedrich Rous und Bettina Schrittwieser. Die Kommission wirkt ehrenamtlich.
Kolleginnen, die auch Richterinnen sind
Die Politik reizt Sie nicht? Sie haben bekannte Kolleginnen, die diesen Weg gegangen sind, Claudia Bandion-Ortner oder Irmgard Gries beispielsweise.
Eine Zeit lang hätte mich das durchaus interessiert. Ich sehe nur die Entwicklung der Politik auch in Österreich eher kritisch. Ich bin an Politik interessiert, aber ich kenne die Arbeit im Parlament. Es ist sehr schwer, mit Ideen, die man hat, dann wirklich zu einem guten Ergebnis zu kommen. Man muss sehr viele Kompromisse eingehen und viele sachfremde Argumente in einer Diskussion zuzulassen, um zu einem Ergebnis zu kommen
„Es ist eine große Herausforderung, das Leben so auszurichten, wie uns Jesus das vorgegeben hat.“
Wie bestimmt Ihr Glauben Ihr Leben?
Ich bin in eine katholische Familie geboren worden. Sonntags in die Messe zu gehen war und ist fixer Bestandteil des Lebens. Das gibt mir unglaublich viel Halt. Es gibt mir das Musizieren in der Kirche viel Halt. Ich glaube, dass ich alles das, was mir im Leben schon so passiert ist, so nicht hätte tragen können, wenn ich diese Wurzeln nicht hätte.
Sie hatten private Schicksalsschläge. Haben Sie auch durch Ihren Glauben die Möglichkeit gesehen, weiterzumachen?
Es ist eine Quelle der Freude und es ist auch immer eine große Herausforderung, das Leben so auszurichten, wie uns Jesus das vorgegeben hat. Ich könnte mir eigentlich keine besseren Lebensregeln vorstellen als die, die in den Evangelien stehen. Es ist eine Religion der Liebe und der Vergebung. Und das sind Dinge, die zum Leben so wichtig sind. Es kann kein Leben ohne Liebe und Vergebung geben.