„Mit dem Schöpfer in Verbindung kommen“

Sommerlektüre des Erzbischofs
Ausgabe Nr. 27
  • Theologie
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Leseempfehlung: Erzbischof Josef Grünwidl schrieb für die Neuauflage des Buches von Johannes Bours „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“ ein Geleitwort.
Leseempfehlung: Erzbischof Josef Grünwidl schrieb für die Neuauflage des Buches von Johannes Bours „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“ ein Geleitwort. ©Stefan Kronthaler

Die spirituellen Bücher von Johannes Bours sind bis heute Klassiker. Gegenüber dem SONNTAG und radio klassik Stephansdom erklärt Erzbischof Josef Grünwidl, warum er diese Bücher schätzt und was er den Leserinnen und Lesern des SONNTAG wünscht.

Wie und wann Erzbischof Josef Grünwidl auf Johannes Bours gestoßen ist? „Ich habe einige Bücher von ihm gelesen: ,Da fragte Jesus ihn‘ oder ,Der Mensch wird des Weges geführt, den er wählt‘. Und dann auch das Buch ,Nehmt Gottes Melodie in euch auf‘“, sagt der Erzbischof zum SONNTAG. Grünwidl: „Der Titel hat mich sofort angesprochen: ,Nehmt Gottes Melodie in euch auf‘. Es geht in diesem Buch nicht nur um dieses eine Zitat, sondern um Gedanken von Heiligen oder auch von Schriftstellern. Ja, dieses Buch begleitet mich. Bours, er war Spiritual in einem Priesterseminar, ist ein guter Formulierer und er konnte prägnant Gedanken gut vermitteln.“

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Erzbischof Grünwidl über den heiligen Benedikt

Johannes Bours stand für eine gottvolle und menschenfreundliche Spiritualität. Aus welchen spirituellen Quellen leben Sie?

Erzbischof Josef Grünwidl: Mir ist der heilige Benedikt sehr nahe, weil ich aus einer von Benediktinern betreuten Pfarre komme und auch rund um die Matura 
überlegt habe, ob ich in ein Benediktinerkloster eintreten soll. Mich prägte ein Buch mit Gedanken des heiligen Benedikt, ein Ratgeber für Manager: Wie leitet man, wie kann man führen? Und ich nenne vor allem die Benediktregel, so auf den Punkt gebracht: „Ora et labora et lege.“ Das Dritte wird oft vergessen: „Bete, arbeite und lies.“ Das ist eine sehr geerdete Zusammenfassung christlicher Spiritualität.

Das ist eine sehr geerdete Zusammenfassung christlicher Spiritualität.

Was werden Sie im Sommer lesen?

Ich lese das Buch von Robert Neumüller, „Ich bin in dieser Ewigkeit. Filmische Begegnungen mit David Steindl-Rast“. Dieses Buch packe ich ein und wiederlesen möchte ich das Buch von Hans Küng über Wolfgang Amadeus Mozart. Küng hat ein Buch über Mozart, Musik und Transzendenz geschrieben, das finde ich sehr spannend.

Erzbischof Grünwidl: "Gemeinden als Lernorte des Glaubens"

Alle Menschen haben in irgendeiner Form, ob jetzt bewusst oder unbewusst, mit Gott Erfahrungen gemacht. Wo sind die Orte in der Kirche für solche Erfahrungen?

Ich habe den Eindruck, dass man in unserer Zeit über alles reden kann, es gibt keine Tabuthemen. Aber über den eigenen Glauben oder über Glaubenserfahrungen zu reden, nämlich auch in einer guten, geerdeten Form, und auch ganz ehrlich über die Schwierigkeiten und natürlich auch über die schönen Glaubenserfahrungen zu reden, das geschieht zu wenig. Wir brauchen dafür Räume, ich sehe hier unsere Gemeinden als Lernorte des Glaubens. Da ist es ganz wichtig, erzählen zu können über den eigenen Glauben, zu hören, wie es anderen geht, sich auszutauschen und einander zu bestärken. Da gibt es große Defizite.
 

Was heißt Christsein?

Schwester Christine Rod hat vor einigen Monaten einen „Spiritualitätsmangel“ in unserer Kirche beklagt. Haben wir zu wenig spirituelle Angebote oder sind diese immer noch zu wenig bekannt?

Meiner Einschätzung nach gibt es viele spirituelle Angebote. Ich denke da nicht nur an die Pfarren, sondern auch an die Ordensgemeinschaften, etwa das Wiener Kardinal-König-Haus mit den Exerzitien und spirituellen Formaten. Die Angebote sind da. Auch in den Pfarrgemeinden gibt es spirituelle Angebote, nicht in allen 600 Pfarren, aber es gibt doch punktuell Pfarren, die sich besonders bemühen und auch Schwerpunkte setzen – Glaubensgespräche, Bibelrunden, Gebetskreise. Vielleicht sind sie noch zu unbekannt und vielleicht sind wir immer noch auch in der Kirche in diesem Denken gefangen, dass es genügt, wenn man am Sonntag die Messe besucht. Es ist gut und wichtig, dass wir am Sonntag zusammenkommen, um Eucharistie zu feiern. Das allein ist aber zu wenig. Es braucht auch Hilfen für den Alltag, es braucht Lernorte: Wie lernt man beten? Was heißt Christsein? Und dazu braucht es auch spirituelle Tankstellen unter der Woche.

In diesem schönen alten Wort für Erholung steckt das Wort „Creatio“, „Schöpfung“.

Das Bours-Buch trägt den schönen Untertitel: „Worte für die Seele“. Haben auch Sie für die Leserinnen und Leser des SONNTAG ein sommerliches Wort für die Seele?

Mein Wort für den Sommer und für den Urlaub ist das lateinische Wort „Rekreation“, ein altes Wort für Freizeit in den Klöstern. Ordensgemeinschaften haben meistens nach dem Mittagessen Rekreation, Erholungszeit. In diesem schönen alten Wort für Erholung steckt das Wort „Creatio“, „Schöpfung“. Ich wünsche allen, die jetzt im Sommer Urlaub haben, dass diese Zeit auch hilft, mit dem Kreator, mit dem Schöpfer, mit dem Grundton des Lebens wieder in Verbindung zu kommen. Aufzutanken, die Seele baumeln zu lassen und dann rekreiert, also wie neu geboren, mit neuer Kraft aus dem Urlaub zurückzukommen und wieder einzusteigen in den Alltag.

©David Kassl

Perspektiven


Gedanken zur „Melodie Gottes“ von Erzbischof Josef Grünwidl hören sie im Podcast der Reihe „Perspektiven“:radioklassik.at

©Herder

Buchtipp

 

1988 erhielt Josef Grünwidl anlässlich seiner Priesterweihe das Buch „Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Worte für das tägliche Leben“ geschenkt, verfasst von Johannes Bours (1913–1988). In diesem Buch meditiert Bours, lange Jahre Spiritual, also geistlicher Begleiter, am Priesterseminar in Münster, Worte der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und der Literatur. Und besonders auch Texte des Bischofs Ignatius von Antiochien wie etwa „Nehmt Gottes Melodie in euch auf“. Diesen Satz wählte unser Erzbischof bekanntlich als Wahlspruch (lateinisch: „Melodiam Dei recipite“). Anlässlich der Bischofsweihe im heurigen Jänner wurde dieser Klassiker jetzt neu aufgelegt. Die kurzen Meditationen von Johannes Bours handeln unter anderem vom Gebet, von der alltagstauglichen Mystik und vom vertieften geistlichen Leben. Der begeisterte Bischof und Musiker Grünwidl betont in seinem Vorwort, worum es beim Kirche-Sein letztlich geht: „Menschen hellhörig zu machen für Gott in ihrem Leben und ihnen zu helfen, ihre Lebensmelodie auf dem göttlichen Grundton aufzubauen, sehe ich als eine der Hauptaufgaben der Kirche.“ 

 

Eingeleitet mit einem Vorwort von Erzbischof Josef Gründwidl.
 

Johannes Bours, "Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Worte für die Seele.", Herder-Verlag, 144 Seiten, ISBN: 978-3-451-03806-8, EUR 14,40

 

Autor:
  • Stefan Kronthaler
  • Stefan Hauser
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