Kirche ohne Barrieren?
TeilhabenEchte Inklusion braucht mehr als gute Absichten. Jede Behinderung braucht eine bestimmte, eine andere Art der Begleitung – im Alltag, aber auch wenn es zum Thema Religionsausübung, zum Thema Gottesdienst kommt“, sagt Anamarija Sobočanec Šoštarić. Seit 2021 ist sie Fachreferentin für die Seelsorge für Menschen mit intellektueller und mehrfacher Behinderung in der Erzdiözese Wien. „In meinem Verständnis ist es einer der grundsätzlichsten Aufträge der katholischen Kirche, Barrieren abzubauen und Strukturen so zu gestalten, dass Vielfalt als Bereicherung, als Stärke verstanden wird und sich jeder, der das möchte als Teil der Gemeinschaft der Gläubigen fühlt. Menschen mit und ohne Behinderungen – egal welcher Art die sind.“
Ohne Barrieren: Miteinander reden, nicht übereinander
Dass das gelingen kann, davon ist Anamarija Sobočanec Šoštarić überzeugt. „Ich arbeite aus der tiefen Überzeugung heraus, dass für Gott nichts unmöglich ist und dass wir deshalb auf dem richtigen Weg sind.“ Mit viel Herz und Einfühlungsvermögen versucht sie jeden Tag, dem Begriff Inklusion Leben einzuhauchen. Etwa wenn sie Anfragen beantwortet und erklärt, wie Kommunionvorbereitung aussehen kann, wenn man einem Menschen mit Behinderungen gegenübersteht. Oder wenn sie Gottesdienste vorbereitet, wie jenen, der jedes Jahr rund um den Tag der Menschen mit Down-Syndrom im März gefeiert wird, oder jenen anlässlich des Tages der Menschen mit Behinderung im Dezember. Außerdem ist sie auch eine der Verantwortlichen für die Glaubensgruppe Faith4You&Me, mit der Menschen mit Behinderung ihren Platz in der Kirche finden und zum Beispiel Musik für Gottesdienste einstudieren.
Inklusion in der katholischen Kirche
„Ich sehe in meiner täglichen Arbeit, wo Inklusion in der katholischen Kirche gelebt wird“, sagt sie, „und wie dafür gearbeitet und eingetreten wird.“ Von den Menschen, die mit einer Behinderung leben, aber oft natürlich auch von deren Angehörigen. „Wir versuchen, alle, die das wollen, einzubinden. Wir reden miteinander, nicht übereinander“, bringt es Anamarija Sobočanec Šoštarić auf den Punkt. Auch auf Österreichebene wird in der inklusiven Seelsorge gut und eng zusammengearbeitet. „Und das Dikasterium für Familien, das Familienministerium des Vatikans, hat eine Videoreihe zur Inklusion gemacht, da waren wir als Kirche in Österreich auch dabei. Das war und ist natürlich eine große Sache, denn so wird das Thema auf eine ganz andere Ebene gehoben. Das tut uns gut.“
Solidarität bringt uns weiter
Eng arbeitet Anamarija Sobočanec Šoštarić in ihrer Eigenschaft als Fachreferentin für die Seelsorge für Menschen mit intellektueller und mehrfacher Behinderung auch mit der Seelsorge für Schwerhörige und Gehörlose und auch jener für blinde und sehbehinderte Menschen der Erzdiözese Wien zusammen. „Wenn wir inklusiv feiern wollen, dann müssen wir vieles im Blick behalten, an vieles denken. Wenn jeder nur für sich für dieses Anliegen kämpft, würde das viel zu kurz greifen“, sagt Anamarija Sobočanec Šoštarić. „Gemeinsam zu gestalten, Solidarität zu leben – das bringt uns weiter.
Selbständigkeit, die man sich über Jahre aufgebaut hat, kann über Nacht wieder verloren gehen.
Verlässliche Ankerpunkte statt Barrieren
Im Bereich des Blindenapostolates ist Henriette Etzenberger die Ansprechpartnerin. Seit 2015 leitet sie die Seelsorge für blinde und sehbehinderte Menschen in Österreich, seit 2020 auch jene in Wien. „Eines der Hauptziele meines Engagements ist ganz klar, das Selbstbewusstsein von blinden und sehbehinderten Menschen zu stärken“, sagt sie. Gerade das sei lange kein Wert gewesen. „Ob sehbehinderte Menschen Selbstbewusstsein haben, war nicht wichtig. Gott sei Dank hat sich das geändert. Denn natürlich ist es enorm wichtig. Am Ende des Tages muss man für seine Rechte und für das, was man will, selbst einstehen und auch selbst sprechen können. Und das braucht Selbstbewusstsein. Das gilt für den ,normalen Alltag‘, aber auch für das eigene Glaubensleben.“ Und Henriette Etzenberger weiß genau, wovon sie spricht. Vollblind, wie der Fachausdruck heißt, von Geburt an, kennt sie die großen und auch die kleinen Hürden des Alltags. „Es gibt viele Barrieren, wenn man blind ist“, sagt sie. „Dinge, die anderen als Kleinigkeit erscheinen, können für uns alles verändern. Ein umgestellter Supermarkt, ein Umbau im Haus, plötzlich fehlende Reliefstreifen am Gehsteig – auf einmal findet man sich nicht mehr zurecht. Selbständigkeit, die man sich über Jahre aufgebaut hat, kann über Nacht wieder verloren gehen.“
Gerade aus diesem Wissen heraus versucht Henriette Etzenberger, verlässliche Ankerpunkte zu schaffen. „Nicht zu sehen, daran sind die meisten von uns gewöhnt. Nicht gesehen zu werden – das darf nicht Normalität sein.“ Jeden Monat verschickt sie einen Informationsbrief in geeigneten Formaten, bereitet Gottesdienste so vor, dass alle mitfeiern können, und organisiert dabei zum Beispiel bei Bedarf auch Begleitung von der U-Bahn zur Kirche.
Manche Behinderungen sieht man nicht
Die Gehörlosenseelsorge wird von Maria Schwendenwein geleitet und das bereits seit 1974. Ganz ohne Vorkenntnisse hat sie 1961 in der Gehörlosenschule in Wien begonnen, mit einfachsten Gebärden zu unterrichten und dann die Gebärdensprache zu lernen. „Schauen sie sich das einmal an, hat man zu mir gesagt, und genau das habe ich getan und bin dabei geblieben. Bis 2000 war ich an der Schule und habe diese Arbeit extrem gern gemacht und parallel dazu habe ich auch die Gehörlosenseelsorge betreut.“
Wie Henriette Etzenberger sieht auch Maria Schwendenwein ihre vordergründige Aufgabe darin, mit den Gehörlosen in regelmäßigem Austausch zu sein. Die Kommunikation, erzählt sie, habe sich dabei in den vergangenen Jahrzehnten rasant verändert. „Mittlerweile geht sehr viel über WhatsApp.“ Mit Pfarren klärt sie zudem die Frage, wie Gehörlose im Pfarralltag eingebunden werden können. Sie bereitet die regelmäßigen Gottesdienste und Wallfahrten vor und kümmert sich darum, Texte in einfacher Sprache zu erstellen und zur Verfügung zu stellen. „Und ich bin verantwortlich für unsere Zeitung, den Salesboten – der seit 70 Jahren mit etwa 40 Seiten viermal im Jahr erscheint.“ Er ist in einfacher Sprache gehalten und beinhaltet verschiedenste Themen, dient der religiösen Fortbildung und Kommunikation für und mit den Gehörlosen.
„Die Behinderung bei einem Gehörlosen sieht man nicht“, sagt Maria Schwendenwein. „Und genau das führt oft zu Missverständnissen.“ Ein Beispiel: Ein Zug fährt von einem anderen Gleis ab – die Durchsage bleibt unbemerkt. „Dann heißt es schnell: ‚Er kann doch lesen.‘ Aber Lesen heißt nicht automatisch Verstehen. Viele brauchen zusätzlich die Gebärde. Sonst bleibt die Information hohl.“
Grenzen gehören dazu
Wie wichtig Inklusion ist, wissen die drei Expertinnen aufgrund ihrer langjährigen Erfahrung, gerade deswegen kennen sie aber auch die Grenzen. Und auch dass in der katholischen Kirche ganz generell, was Inklusion betrifft, noch Luft nach oben ist, wollen Anamarija Sobočanec Šoštarić, Henriette Etzenberger und Maria Schwendenwein nicht verschweigen. „Solidarität zu leben und gemeinsam zu gestalten ist wichtig, aber es heißt nicht, dass wir ausschließlich alles miteinander machen müssen.
Spezielle Angebote nur für gehörlose oder blinde Menschen zu haben ist sinnvoll und auch notwendig, um alle Betroffenen zu erreichen. Genauso ist es sinnvoll und notwendig, Angebote zu haben, die nur auf die Bedürfnisse von Menschen mit anderen Behinderungen zugeschnitten sind“, sagt Henriette Etzenberger. „Ich denke, diesen realistischen Blick braucht es, damit am Ende des Tages Dinge gemeinsam funktionieren“, ergänzt Maria Schwendenwein.
„Manchmal ist es einfach sinnvoller, ein Angebot für eine Gruppe zu machen und dabei dann zu 100 Prozent auf sie und ihre Angehörigen einzugehen. Das ist vielleicht nicht im eigentlichen Wortsinn Inklusion. Ist aber dann trotzdem Teil davon – auch wenn das paradox klingt.“
Wo Inklusion beginnt
Und welche konkreten Verbesserungen bräuchte es, um etwa Gottesdienste barrierefreier feiern zu können? Henriette Etzenberger würde sich für alle Kirchen Leitsysteme wünschen, mit denen Blinde umgehen können. „Ganz wichtig bei einem Gottesdienst für Blinde ist dann auch noch, dass er musikalisch schön gestaltet ist. Anderes wäre dafür nicht so wichtig: Die liturgischen Texte in Brailleschrift zu haben, ist eine feine Sache, aber nicht alle können Brailleschrift lesen.“
Maria Schwendenwein unterstreicht die Wichtigkeit eines Gebärdendolmetschers für Gehörlose. „So können sie einen Gottesdienst mitfeiern. Aber leider gibt es derzeit nicht genügend Dolmetscher, zudem ist es auch eine finanzielle Frage. Das ist also gar nicht so leicht.“ Gehörlose brauchen zudem freie Sicht. „Sie müssen sehen, was passiert, wo der Priester steht, was er tut, welche Gesten er ausführt.“ Für Schwerhörige, die ein Hörgerät tragen, wäre eine Induktionsschleife hilfreich, die elektrische Signale in ein magnetisches Feld umwandelt, das vom Hörgerät empfangen wird.
Auch die Verständlichkeit von Texten müsse man verbessern, wenn man möchte, dass alle bei einem Gottesdienst mitfeiern können, ergänzt Anamarija Sobočanec Šoštarić . „Menschen mit Behinderung haben immer wieder mal Schwierigkeiten, einem normalen Text zu folgen – da muss man dann einfache Sprache verwenden, Sprache also, bei der es keine großen Erklärungen geben muss, dafür kurze Sätze, nicht viele Fremdworte.“ Einfache Sprache könnte man dann auch schnell in Gebärde übersetzen. „Oder man arbeitet mit Pantomime und darf dann aber zum Beispiel nicht vergessen, dass die dann den blinden Menschen gut und verständlich erklärt werden muss.“
Begegnungen im kirchlichen Alltag
Generell wünscht sich Anamarija Sobočanec Šoštarić überall, vor allem aber auch in allen Pfarren Offenheit und wohlwollende Neugier: „In vielen Bereichen des Lebens, in vielen Pfarren gelingt Inklusion, keine Frage. Aber ich sehe auch da und dort noch eine ordentliche Portion Skepsis, oder sagen wir vielleicht eine gewisse Scheu, Dinge umzusetzen – vielleicht auch aus Angst, dass es nicht funktionieren könnte und dann Menschen eher vor den Kopf stößt, als Inklusion Realität werden zu lassen“, sagt sie.
Wir müssen davon erzählen, wie schön es ist, wenn sich alle willkommen und angenommen fühlen.
Und was kann man gerade gegen diese Skepsisund Scheu tun? „Auch wenn es banal klingt,ich denke, einander in den alltäglichsten kirchlichenSituationen zu begegnen, ist wichtig – im Gottesdienst, im Pfarrcafé“, sagt Anamarija Sobočanec Šoštarić. „Ich habe oft den Eindruck, dass die meisten Menschen ein Bild davon haben, wie ein Mensch mit Behinderung ist, wie er aussieht, woran man ihn erkennt. Aber dieses Schubladendenken hilft natürlich nicht dabei, gegenseitigen Respekt aufzubauen. Und aus dem Weg räumen kann man diese Fantasien sowieso meiner Meinung nach nur, wenn man ihnen Realität entgegensetzt.“
Und abgesehen von dieser Realität, die man entgegensetzt? Was hilft noch? „Reden, reden, reden – persönlich, aber auch über alle Kanäle, die uns heute so zur Verfügung stehen: Websites, Facebook, Instagram“, sagt Anamarija Sobočanec Šoštarić. „Wir müssen davon erzählen, wie es funktionieren kann. Und wir müssen erzählen, wie schön das ist, wenn es klappt und was das mit einer Gemeinschaft, einer Pfarre macht, wenn sich alle bei ihr willkommen und angenommen fühlen.“
Zur Person
Henriette Etzenberger ist Leiterin des Blindenapostolates Wien.
Zur Person
Maria Schwendenwein leitet den Fachbereich Gehörlosenseelsorge in der Kategoriale Seelsorge der Erzdiözese Wien.
Zur Person
Seit 2021 arbeitet Anamarija Sobočanec Šoštarić in der Erzdiözese Wien in zwei Abteilungen: Öffentlichkeitsarbeit für die Seelsorge in Krankenhäusern und Pflegeheimen sowie Seelsorge für Menschen mit intellektuellen und mehrfachen Behinderungen.