Kann man den Sinn des Lebens auf Netflix finden?

Hirtenhund
Ausgabe Nr. 18
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Der Hirtenhund bellt diese Woche über den Glauben und seine Weitergabe.
Der Hirtenhund bellt diese Woche über den Glauben und seine Weitergabe. ©Der SONNTAG

Der Hirtenhund "bellt" über den Sinn des Lebens.

Der Psychiater und Theologe Manfred Lütz hat ein neues Buch geschrieben und in Wien präsentiert. Diesmal geht es um den Sinn des Lebens, den man Lütz zufolge „sehen“ kann: Man muss nur lange genug hinschauen. Auf Kunstwerke etwa, die zu Tränen rühren. So könnte „ein Christ ein besserer Christ werden, ein Atheist ein humanerer Atheist“. Und natürlich täte der Gesellschaft insgesamt auch mehr Christentum gut. Eh klar. 

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ch kuschele mich in mein Körbchen – und zappe zu Netflix, dem Hafen der digitalen Häresie. Dort nimmt mich seit längerem eine Serie gefangen, die so dezidiert areligiös, unspektakulär und nah am Tode ist, dass man sich fragt, wie es sein kann, dass sie unter den Top-20-Serien rankt. „After Life“ erzählt die Geschichte von Tony, einem vollkommen durchschnittlichen Mann in einer englischen Kleinstadt. Er lebt ein Leben nach dem Leben – „after life“ –, denn seine Frau ist vor kurzem an Krebs gestorben. Er ist todtraurig, lässt sich gehen, trinkt, ätzt herum, weil ihm alles sinnlos erscheint. Von einem Suizid hält ihn nur der Hund ab, der gefüttert werden will. In skurrilen Begegnungen mit ebenso skurrilen Menschen – einer Prostituierten, einem obdachlosen Postler, Nerds und Spinnern – findet Tony Schritt für Schritt zurück ins Leben. 

So weit, so still, so manchmal lustig, meist aber traurig schön. Wäre der Hauptdarsteller nicht Ricky Gervais, einer der bekanntesten Komiker Englands und erklärter Atheist. Tatsächlich streift die Serie immer wieder religiöse Fragen, diese werden aber abgetan – als Fragen, die vom Leben selbst ablenken, die vertrösten wollen, wo es doch keinen wirklichen Trost gibt. Und doch (oder vielleicht gerade deshalb?) ist die Serie ein einziges großes Plädoyer für das Leben, für Humanität, für einen Sinn des Lebens, den es zu entdecken und „zu tun“ gilt. Dreh- und Angelpunkt dessen ist eine Bank ausgerechnet auf einem Friedhof, wo Tony Gespräche mit einer trauernden Witwe führt – im Angesicht der Kreuze, die sie umgeben. After life – nach dem Leben – zählt für Tony plötzlich nicht mehr nur das Überleben, sondern er lernt durch seine nekrophile Trauer etwas über das Leben. An Manfred Lütz und seinen gottgewissen Mitstreitern geht so etwas wohl vorbei. Wo kein Gott, da kein Sinn, da am Ende auch keine Humanität. Ich suche Gott lieber dort, wo er sich am meisten verbirgt. Und vielleicht finde ich dort am Ende gar mehr Leben, mehr Menschenfreundschaft. Bis zum Ende von Staffel 2 schafft es Tony übrigens nicht, sich neu zu verlieben.

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