Hoffen auf das Eingreifen Gottes
Bausteine für eine alltagstaugliche Spiritualität
"Beten und Gebete durchziehen die Bibel von ihrem Anfang bis zum Ende“, schreibt der langjährige Innsbrucker Alttestamentler Georg Fischer (Die neue Echter Bibel, Thema „Beten“): „Von der Geburt eines Enkels des ersten Menschenpaares bis hin zum Schlusskapitel der Bibel erstrecken sich Gebete.“ So heißt es in der Genesis (Kapitel 4, Vers 26), als dem Adam-Sohn Set das Kind Enosch geboren wurde: „Damals fing man an, den Namen des HERRN anzurufen.“ Im letzten Buch des Neuen Testaments (Offenbarung, Kapitel 22, Vers 20) erfolgt schließlich die Bitte: „Komm, Herr Jesus!“
Sie hoffen auf das Eingreifen Gottes
Manche Alttestamentler kommen – zusätzlich zu den 150 Psalmen – auf rund 470 Gebete im Alten Testament. So finden sich beispielsweise längere Gebete, die laut Fischer „Höhepunkte der Theologie der jeweiligen Bücher darstellen“. Er verweist auf das Buch Exodus (Kapitel 15), das erste Samuelbuch (Kapitel 2) und das Buch Nehemia (Kapitel 9). Sein Resümee: Die Bibel ist auch als eine Art „Gebetslehrbuch“ zu verstehen. Wenn auch die Formen der Gottesverehrung immer fließend sind, es finden sich auch Meditation oder Anbetung, so soll „Beten“ im Alten Testament das ausdrücken, was den Menschen jenseits aller Distanz in seiner Verbindung mit Gott bewegt. Die Geschichte Israels kennt eine große Reihe von Beterinnen und Betern, die auch für uns heute Vorbilder für das Gebet sein können: etwa Abraham, Mose, Mirjam, David, Elija, Hanna und Ester.
Wie Menschen miteinander reden
Wie sehr Mose als Freund Gottes bezeichnet werden darf, beschreibt das Buch Exodus (Kapitel 33, Vers 11): „Der HERR und Mose redeten miteinander von Angesicht zu Angesicht, wie einer mit seinem Freund spricht.“ Mose „redet“ oft und lange mit dem HERRN. Er besteigt den Berg, um Gott zu hören und ihn anzuflehen, und steigt dann zum Volk hinab, um diesem die Worte seines Gottes zu wiederholen und um es zu führen. Aus diesem vertrauten Umgang mit Gott – „Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, in einer Vision, nicht in Rätseln“ (Buch Numeri, Kapitel 12, Verse 7 bis 8) – schöpft Mose die Kraft zu hartnäckiger Fürbitte. Er betet nicht (nur) für sich, sondern für das Volk, das Gott sich erworben hat.
Propheten und die Umkehr des Herzens
Immer wieder in seiner Geschichte bedurfte das Volk Israel einer Erziehung im Glauben und einer Bekehrung des Herzens. Dies war die Aufgabe der Propheten vor und nach dem Exil. Dabei gilt Elija als der Vater der Propheten, der Name „Elija“ bedeutet „der Herr ist mein Gott“. Er ist das beste Beispiel für machtvolles Beten, er erweckte beispielsweise den leblosen Sohn der Witwe von Sarepta (Erstes Buch der Könige, Kapitel 17, Verse 20 bis 22): „Dann rief er zum HERRN und sagte: HERR, mein Gott, willst du denn auch über die Witwe, in deren Haus ich wohne, Unheil bringen und ihren Sohn sterben lassen? Hierauf streckte er sich dreimal über den Knaben hin, rief zum HERRN und flehte: HERR, mein Gott, es kehre doch Leben in diesen Knaben zurück! Der HERR erhörte das Gebet Elijas. Das Leben kehrte in den Knaben zurück und er lebte wieder auf.“ Elija gilt – wie auch Mose – als der große Fürbitter unter den Betenden.
Kleine und große Anliegen
„Im Alleinsein mit Gott empfangen die Propheten Licht und Kraft für ihre Sendung. Ihr Gebet ist nicht eine Flucht aus der ungläubigen Welt, sondern ein Hören auf das Wort Gottes“, heißt es im „Katechismus der Katholischen Kirche“ (Nummer 2.584): „Dieses Gebet ist manchmal eine Aussprache oder eine Klage, immer aber eine Fürbitte, die das Eingreifen des rettenden Gottes, des Herrn der Geschichte, erwartet und vorbereitet.“ Auch wir Christen sollen und dürfen Fürbittende sein, mit kleinen und großen Anliegen.