Gewalt ist ein­ Menschheitsthema

Prävention und Safeguarding
Ausgabe Nr. 39
  • Weltkirche
Autor:
Hans Zollner ist der weltweit führende Missbrauchs- und Präventionsexperte. © Kathpress / Georg Pulling

Sexualisierte Gewalt ist ein „Menschheitsthema“, sagt Pater Hans Zollner. Er plädiert für „Safeguarding“ – einen umfassenden Ansatz, der Menschen schützt und ihre Würde stärkt.

Der Fall des Kabarettisten Günther Paal hat das Thema von Kindesmissbrauch wieder ins Bewusstsein gerückt. Der Jesuit Hans Zollner sprach in Wien über die Grenzen von Prävention, den spirituellen Missbrauch und den Safeguarding-Ansatz. 

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Sexualisierte Gewalt als Menschheitsthema

Sexualisierte Gewalt und Missbrauch sind für den Jesuiten und Psychologen Pater Hans Zollner nicht auf einzelne Institutionen oder gesellschaftliche Gruppen eingegrenzt, sondern „ein Menschheitsthema“, so der Experte in einem Pressegespräch am 16. September in Wien. Ein Wandel im Umgang mit Missbrauch könne daher nicht allein durch Gesetze oder mediale Kampagnen erreicht werden.

Vom Schutz vor Missbrauch zu „Safeguarding“

Nötig sei ein Wechsel von der reinen Prävention hin zu einem umfassenderen Verständnis von „Safeguarding“. Was versteht man darunter? „Es geht nicht nur darum, etwas zu verhindern, sondern Menschen zu helfen, sich zu entfalten, zu wachsen und ihre Würde zu leben“, sagte Zollner, der auch vor neuen digitalen Risiken wie sexualisierten Darstellungen von Kindern sowie digitaler Gewalt unter Jugendlichen warnte.

Ein positiver Zugang zu Schutz und Verantwortung

Sexualisierte Gewalt begleite die Menschheit seit ihren Anfängen und sei tief in menschlichen Verhaltensmustern verankert. „Ich glaube tatsächlich, dass sich das nicht einfach nur so verändern lässt“, betonte der Psychologe und Ordensmann.

„Wenn ich nur vom Missbrauch rede und nur von: ‚Wir verhindern das Schlimmste‘, dann geht bei den allermeisten Menschen der Rollladen runter“, meinte der Jesuit. Ein positiver Zugang, der die Würde der Menschen herausstreiche, erleichtere hingegen, sich mit Schutz und Verantwortung auseinanderzusetzen.

Ziel sei, Bedingungen zu schaffen, unter denen Kinder, Jugendliche und Menschen in vulnerablen Situationen ihre Würde und ihre Fähigkeiten entfalten können, erklärte Zollner den neuen Ansatz. Er leitet in Rom das „Institut für Anthropologie – Interdisziplinäre Studien zur Menschenwürde und zur Sorge für Schutzbefohlene“ (IADC) an der Päpstlichen Universität Gregoriana.

„Safeguarding“ als Kern der Kirche

Die spirituelle Grundlage des „Safeguarding“ sieht Zollner im Evangelium beziehungsweise im christlichen Auftrag selbst. Jesus habe Kinder zu sich gerufen und ihnen einen Raum ohne Furcht zugesprochen. Wenn dieses Vertrauen durch Menschen in der Kirche zerstört werde, werde damit auch eine zentrale Grundlage des Glaubens beschädigt, so Zollner.

„Safeguarding“ sei daher kein zusätzliches kirchliches Aufgabenfeld oder „Extra“, sondern Kern der Kirche selbst und müsse sich durch das soziale, pädagogische, pastorale und spirituelle Handeln der Kirche ziehen.

Spiritueller Missbrauch als neues Forschungsfeld

Als relativ neues Feld bezeichnete Zollner den spirituellen Missbrauch, der seit Jahren stärker in Wissenschaft und Kirche diskutiert werde. Gemeint sei etwa der Einsatz religiöser oder theologischer Autorität, um Menschen in ihrer Gewissensfreiheit und Selbstbestimmung einzuschränken.

Aussagen wie: „Du musst das tun, weil Gott dir das sagt“, könnten in Abhängigkeitsverhältnissen erheblichen Druck erzeugen und bis zu Traumatisierungen, Angstzuständen und schweren inneren Krisen führen.

Einmal mehr wies der Jesuit auch einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch zurück. So seien die sogenannten Prävalenzraten – also Häufigkeiten – bei evangelischen verheirateten Pfarrern genauso hoch wie bei katholischen Priestern, ebenso gebe es Missbrauch in anderen Religionen.

Autor:
  • Kathpress
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