Franziskus bewegt die Menschen weiter

SEHENSWERTE FILME zum 800. Todestag von Franz von Assisi
Ausgabe Nr. 39
  • Spiritualität
Autor:
Via Social Media berichtet die österreichischen Franziskanerin Ida Vorel aus Assisi.
Via Social Media berichtet die österreichische Franziskanerin Ida Vorel aus Assisi. ©Ralf Gemmecke/Tellux-Dresden

Neue Quellenfunde, ein überraschendes Franziskus-Bild und die spektakuläre Rettung eines bedrohten Kunstschatzes: Zwei Arte-Dokumentationen führen nach Assisi und eröffnen faszinierende Einblicke in Leben, Spiritualität und Vermächtnis des Heiligen. Warum selbst Forscher noch Neues über Franziskus entdecken und wie Giottos Fresken vor dem Untergang bewahrt wurden, lesen Sie hier.

Franz von Assisi zählt zu den am besten erforschten Heiligen des Mittelalters. Dennoch haben Forschungen der vergangenen Jahre überraschend Neues ans Licht gebracht. Für Aufsehen sorgte ein kleines Pergamentmanuskript, das vor einigen Jahren in einem Pariser Auktionshaus auftauchte. Verfasst wurde es von Thomas von Celano, einem Weggefährten des Heiligen, der Franziskus noch persönlich gekannt hatte. Der französische Historiker Jacques Dalarun erkannte die Bedeutung des Fundes und erschloss die Quelle für die Forschung. Die neue Arte-Dokumentation „Franz von Assisi – Der Grenzgänger“ greift diese Entdeckung auf und zeigt, wie selbst bei einem scheinbar bestens bekannten Heiligen noch unbekannte Facetten sichtbar werden.

Aus dem wiederentdeckten Text erfahren wir etwa, wie kompromisslos Franziskus Armut lebte. Seine Kutte war vielfach geflickt. Ging sie erneut kaputt, verwendete er nicht einmal gewöhnlichen Nähfaden, sondern Pflanzenfa sern oder Teile von Baumrinde, um die Stoffstücke zusammenzuhalten. Solche Details machen die Radikalität des Heiligen noch greifbarer. Er wollte nichts besitzen und suchte konsequent die Nähe zu jenen, die am Rand der Gesellschaft standen.

Werbung

Mehr als ein freundlicher Tierheiliger

Die Dokumentation von Regisseur Stefan Ludwig zeichnet das Leben des Franziskus klar, spannend und ver ständlich nach. Sie vermeidet dabei die Versuchung, den Heiligen auf die bekannten Bilder von der Vogelpredigt oder dem Sonnengesang zu reduzieren. Stattdessen erscheint Franziskus als eine Persönlichkeit mit Ecken und Kanten, als radikaler Christusnachfolger, der seine Zeitgenossen faszinierte und zugleich herausforderte.

Beeindruckend sind die Aufnahmen aus Assisi und La Verna, wo Franziskus längere Zeiten des Gebets und der Meditation verbrachte. Die Kamera nähert sich immer wieder den Orten, an denen sein Leben bis heute nachspürbar bleibt. Zahlreiche Historikerinnen und Historiker, Ordensleute und Experten erläutern die Hintergründe. Unter ihnen auch die österreichische Franziskanerin Schwester Ida Vorel, die vielen Menschen durch ihre Präsenz in den sozialen Medien bekannt ist. Auf Instagram berichtet sie regelmäßig über ihren Glauben und ihr Leben als Ordensfrau. Auch in der Dokumentation gelingt es ihr, historische Informationen mit einer lebendigen und zeitgemäßen Perspekti ve zu verbinden.

Spannungen und körperliche Leiden

Das Leben des Heiligen war bis zuletzt von schweren körperlichen Leiden sowie Spannungen innerhalb der franziskanischen Bewegung begleitet. Franzsikusʼ kompromissloses Ideal war selbst für viele seiner Gefährten nicht leicht mitzutragen. Je stärker die Gemeinschaft wuchs, desto schwieriger wurde es, die ursprüngliche Radikalität zu bewahren. Die kleine Gruppe von Brüdern um Franziskus wuchs rasch an. Franz von Assisi musste erleben, dass sein Werk größer wurde, als er selbst es steuern konnte. Schließlich zog er sich zunehmend aus Leitungsaufgaben zurück.

Begegnung in der muslimischen Welt

Erzählt wird von der Begegnung mit Sultan Al-Kamil im Jahr 1219. Mitten im Kreuzzug überschritt Franziskus die Fronten und suchte das Gespräch mit dem muslimischen Herrscher. Jahrhunderte später gilt dieses Treffen als bemerkenswertes Zeichen des Dialogs und des gegenseitigen Respekts. Eben so einfühlsam beleuchtet der Film die Beziehung zu Klara von Assisi, die von seinen Idealen angeregt wurde und mit ihm gemeinsam eine neue Form christlichen Lebens prägte.

Am Ende entsteht das eindrucksvolle Porträt eines Menschen, der sich einfachen Zuschreibungen entzieht. Franziskus war Naturfreund und Mystiker, aber ebenso Provokateur und Grenzgänger. Eine eindrucksvolle Doku, die neu zu Franziskus hinführt.

Ein Erdbeben zerstörte Giottos Fresken

Die Dokumentation „Franz von Assisi – Der Grenzgänger“ ist Teil eines Arte-Schwerpunkts zum 800. Todestag des heiligen Franziskus. Während der erste Film den Menschen hinter den Legenden zeigt, richtet die Dokumentation „Der Schatz von Assisi“ den Blick auf seine künstlerische Rezeption. Sie erzählt die ebenso dramatische wie beeindruckende Geschichte jener Fresken, die das Leben des Heiligen seit Jahrhunderten vor Augen führen und heute zu den bedeutendsten Kunstschätzen des Mittelalters zählen.

Wer die Basilika San Francesco in Assisi betritt, begegnet einem Bauwerk von außergewöhnlicher spiritueller Bedeutung und einem Bilderkosmos, der über Jahrhunderte Generationen von Pilgern geprägt hat. Die Fresken von Giotto (um 1267–1337) und seiner Werkstatt erzählen die Lebensgeschichte des Franziskus in einer bis dahin unbekannten Anschaulichkeit. Sie zeigen den jungen Kaufmannssohn beim Verzicht auf sein Erbe, seine Begegnungen mit Armen und Kranken, die Vogelpredigt oder das Treffen mit Sultan Al-Kamil. Die dar gestellten Figuren wirken erstaunlich menschlich, ihre Gesten und Gesichtsausdrücke berühren selbst nach mehr als sieben Jahrhunderten. Damit schufen die Künstler eine neue Bildsprache, die die europäische Kunst nachhaltig beeinflusste.

Am 26. September 1997 schien dieses einzigartige Erbe unwiederbringlich verloren. Ein schweres Erdbeben erschütterte Umbrien und ließ Teile der Gewölbe der Basilika einstürzen. Zahlreiche Fresken wurden zerstört, zahllose Fragmente bedeckten den Boden der Kirche. Insgesamt zerbrachen die Kunstwerke in mehr als 300.000 Einzelteile. Was wie eine Katastrophe ohne Hoffnung auf Wiederherstellung wirkte, wurde zum Ausgangspunkt einer der größten Restaurierungsleistungen der Kunstgeschichte.

Detektivische Arbeit mit Präzision

Die Dokumentation begleitet Restaura torinnen, Kunsthistoriker und Wissenschaftler bei ihrer beinahe detektivischen Arbeit. Über Jahrzehnte hinweg wurden Fragmente gesichert, katalogisiert und Stück für Stück wieder zusammengesetzt. Dabei verbindet der Film eindrucksvolle Bilder mit fundierten Erläuterungen und macht begreifbar, welche Geduld, Präzision und Leidenschaft notwendig waren, um den Schatz von Assisi für kommende Generationen zu bewahren. Nach fast drei Jahrzehnten konnte ein Großteil der Fresken in seiner ursprünglichen Gestalt wieder sichtbar gemacht werden.

Spannend ist der Blick auf moderne Formen der Rekonstruktion. Die Dokumentation zeigt, wie heutige Technik dabei hilft, den ursprünglichen Eindruck der Fresken nachzuvollziehen. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Wiener Grafiker Florentin Berger, der eine digitale Restaurierung der Bilder erstellt hat. Diese macht sichtbar, wie intensiv die Farben zur Entstehungszeit gewirkt haben könnten.

Beide Dokumentationen überzeugen durch ihre hohe Qualität, ihre verständliche Erzählweise und ihre beeindruckenden Aufnahmen. Für alle, die im Jubiläumsjahr nicht selbst nach Assisi reisen können, bieten sie einen ebenso informativen wie inspirierenden Zugang zu einem der wichtigsten geistlichen Orte Europas.

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
Werbung

Neueste Beiträge

| Wien und Niederösterreich
Neubeginn in Heiligenkreuz

Das Zisterzienserstift Heiligenkreuz hat eine neue Leitung. Am 17. September 2026 wählte das Kapitel Pater Simeon Wester (61) zum neuen Administrator für zunächst drei Jahre. Was erwartet die Gemeinschaft? Darüber hat der SONNTAG mit Pater Clemens Maria Spranger gesprochen.

| Chronik
Sehenswert

Was war los in Wien und Niederösterreich?

| Weltkirche
Prävention und Safeguarding

Sexualisierte Gewalt ist ein „Menschheitsthema“, sagt Pater Hans Zollner. Er plädiert für „Safeguarding“ – einen umfassenden Ansatz, der Menschen schützt und ihre Würde stärkt.