Vom Maßhalten und Gegenwärtigsein

Über das Fasten
Ausgabe Nr. 2
  • Spiritualität
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Bruder Thomas Hessler wurde 1968 im südlichen Niederösterreich geboren. Nach der Matura trat er ins Stift Reichersberg ein. 1993 gründete er gemeinsam mit zwei Mitbrüdern das Benediktinerkloster Gut Aich, dessen Leiter er heute ist.
Bruder Thomas Hessler wurde 1968 im südlichen Niederösterreich geboren. Nach der Matura trat er ins Stift Reichersberg ein. 1993 gründete er gemeinsam mit zwei Mitbrüdern das Benediktinerkloster Gut Aich, dessen Leiter er heute ist. ©Susanne Windischbauer

Ein Dossier zur Fastenzeit, zum Fasten und eine Einladung an alle, sich auch innerlich auf das Osterfest vorzubereiten, das größte Lebensfest der Geschichte und des Glaubens.

Fasten spielt in vielen Religionen eine zentrale Rolle – als Zeit der Reinigung, der Hinwendung zu Gott und zum eigenen Inneren. In allen Religionen verankert, verbindet diese Praxis Menschen über dogmatische Unterschiede hinweg. Bruder Thomas Hessler vom Europakloster Gut Aich lebt seit über drei Jahrzehnten in benediktinischer Tradition und begleitet Menschen auf ihrem spirituellen Weg. Im Gespräch erklärt er, warum Fasten Auferstehungscharakter hat, wie es Körper und Seele in Balance bringt – und weshalb es heute befreiter praktiziert werden kann denn je.

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Mehr als nur Verzicht

Fasten das bedeutet für viele heute vor allem Verzicht, Entschleunigung oder einen gesundheitlichen Neustart. Für Bruder Thomas Hessler vom Europakloster Gut Aich reicht die Bedeutung weit darüber hinaus. In der benediktinischen Tradition, in der er seit mehr als drei Jahrzehnten lebt, ist Fasten eine geistliche Schule: eine Erfahrung von Reduktion, Klarheit und innerer Weite. Der Benediktinermönch, Heilpraktiker und Künstler begleitet Menschen seit vielen Jahren auf ihrem geistlichen Weg. Im Gespräch erklärt er, warum Fasten für ihn eine Grenzerfahrung mit Auferstehungscharakter ist, wie es Körper und Seele in Balance bringt – und weshalb es in allen Religionen eine zentrale Rolle spielt.

Bruder Thomas persönlicher Zugang zum Fasten

Bruder Thomas, wie sind Sie persönlich zum Thema Fasten gekommen?

Das kam von zwei Seiten: einerseits über die Heilpraktikerausbildung. Meine Lehrerin war Jahrgang 1912, sie führte ein kleines Sanatorium im Taunus, und dort gehörte Fasten selbstverständlich dazu. Fasten aktiviert den inneren Arzt. Es ist altes Wissen. Die beste Zeit für das Fasten ist im Frühjahr, wenn die Blätter kommen, und im Herbst, wenn sie gehen. Bei uns sind März und Ende November ideale Fastenzeiten. Der zweite Zugang kam durch die Ausbildung in spiritueller Lebensbegleitung. Fasten war dort ein eigener Kurs, weil es eine Grenzerfahrung ist, die zur inneren Mitte führt. Wenn ich Menschen begleite, die an Grenzen sind – Krankheit, Tod, Ohnmacht –, dann muss ich als Seelsorger wissen, wie sich eine Grenzerfahrung anfühlt. Sonst kann ich nicht mitgehen.

Grenzerfahrung Fastenzeit

Sie sagen, Fasten ist eine Grenzerfahrung, die zur inneren Mitte führt. Können Sie das erklären?

Wenn ein Mensch in eine Krise kommt – durch Tod, Ausweglosigkeit, Erkrankung –, dann zeigt diese Grenze auch etwas von der Mitte, also dem, was trägt, aufrichtet, nährt. Beim Fasten geschieht das bewusst: Ich sterbe nicht, aber ich gehe körperlich und seelisch an eine Grenze. Dort erfahre ich, was wir Christen Auferstehung nennen – dass aus Reduktion Leben kommt. Diese Dynamik lernt man, und man kann sie dann in der Seelsorge abrufen.

Fasten ist eine Grenzerfahrung, die zur inneren Mitte führt.

Wie fasten Sie persönlich heute?

Zunächst im Alltag: Da haben wir die 12 Stunden Essenspause zwischen Abendessen (18 Uhr) und Frühstück (6 Uhr). Das steht schon in unserer Regel seit 1.500 Jahren. Dann gibt es einmal pro Woche eine Reduktion: Von Freitag auf Samstag essen wir nur eine Suppe. Zweimal im Jahr faste ich eine Woche – im Frühjahr und im Herbst – nach der F.-X.-Mayr-Methode. Das ist eigentlich eine Kauschule. Wir essen zwei trockene Dinkelweckerl am Tag, die man sehr lange kaut, und trinken viel Tee und Wasser – drei bis fünf Liter. Die Tees sind organspezifisch abgestimmt: Leber, Galle, Harnblase, Herz-Kreislauf, etc. Es ist ein intensives Durchreinigen des ganzen Organismus.

Fasten in verschiedenen Religionen

Warum fasten Menschen in fast allen Religionen?

Weil spirituelle Praxis immer Entlastung schafft – und Raum. Fasten schafft Raum: körperlich, seelisch, geistig. Man lebt wieder leichter, klarer. Und im Deutschen heißt „Raum schaffen“ auch: etwas aufbauen. Fasten schafft Raum für Leben. Man spürt das sehr schnell – nach einer Woche hat man wieder Lust aufs Leben, geht mutiger in Konflikte, räumt innerlich und äußerlich auf. Deshalb ist Fasten in allen Religionen verankert: Weil es den Menschen und das Miteinander stärkt.

Die Bedeutung

Was bedeutet Fasten aus christlicher und besonders aus monastischer Sicht?

Vor Weihnachten geht es um die Gottesgeburt in uns. Gott wird nicht nur in Bethlehem geboren, sondern im Menschen, in der Gemeinschaft. Fasten schafft einen Stall, der ausgemistet wird – inklusive Ochs und Esel, also unseren Eigenheiten. Vor Ostern geht es ums Aufstehen zum Leben, Resilienz, Mut, Kraft. Anfangs wird man schwächer, ja – aber je länger man fastet, desto stärker wird man innerlich. Nach einer Woche ist man in einer sehr guten Kraft.

Gab es ein Fasten-Erlebnis, das für Sie besonders prägend war?

Ja, mein erstes Fasten. Ich war 21, es war Teil des Ausbildungslehrgangs für geistliche Begleitung. Es war schwer, eine ganze Woche dranzubleiben. Als wir am Ende nach Salzburg zurückfuhren, war die Berglandschaft verschneit – dieses Licht, diese Klarheit, das hat mich umgehauen. Das war eine unglaubliche Intensität im Außen und im Innen.

Fasten lernen

Viele fragen sich: Kann man Fasten lernen?

Ja, wie alles andere. Die Schwierigkeiten gehören dazu wie Kopfweh etwa, oft wegen Koffeinentzugs. In einer gut begleiteten Gruppe ist das alles gut machbar. Der Körper lernt. Je öfter man fastet, desto leichter kommt man hinein.

 

Wie könnte Fasten im Alltag aussehen?

Man kann sich abends zur Gruppe treffen, bekommt Tee und ein Thema für den nächsten Tag, arbeitet tagsüber normal. Es geht, aber es ist mühsamer. Intensiver wird es, wenn man auch Arbeit, Kommunikation und Tempo reduziert. Fasten ist ganzheitliche Reduktion. Eine Woche ist ein gutes Maß.

Wer nicht fasten sollte

Wer sollte nicht fasten?

Menschen mit psychischen Erkrankungen, die zu Psychosen neigen oder sehr fragil sind. Menschen mit schweren Herzerkrankungen, Schwangere und Menschen, die traumatische Hungererfahrungen im Leben hatten, etwa nach Geburtskomplikationen. Fasten sollte man immer mit einem Arzt besprechen, der Erfahrung damit hat.

Kann Fasten in einer säkularen Gesellschaft neu verstanden werden?

Ja. Heute ist Fasten befreiter von religiösen Zwängen. Viele tun es, weil sie sich danach besser fühlen. Wir könnten das ganze Jahr Fastenkurse anbieten – die Nachfrage ist riesig.

Leichte Einstiege

Gibt es leichtere Einstiege?

Ja: die 12-Stunden-Regel. Regelmäßige Essenszeiten. Maßhalten. Der Magen ist wie eine innere Waage, er ist das Organ der Maßhaltung – er spürt sofort, ob es zu viel ist. Durch Fasten wird der Magen wieder auf Normalgröße gebracht und meldet sehr klar: „Es ist genug.“ Das Gespür dafür geht in unserer hektischen Überfülle oft verloren.

Je öfter man fastet, desto leichter kommt man hinein.

Bewusstsein für das Maß

Wie kann man das Bewusstsein für das Maß stärken?

Das Bewusstsein für das Maß hat viel damit zu tun, in der Gegenwart zu sein. Maßhalten ist kein trockener Vorsatz und keine moralische Übung, sondern eine Fähigkeit, die im Alltag geschult wird. Und zwar im Kleinen, im Feinfühligen, im Langsamen. Wenn ich bewusst im Hier und Jetzt lebe, dann merke ich viel deutlicher: War das jetzt zu schnell? War es zu viel?

Diese feinen inneren Signale überhören wir oft, weil unser Leben so voll, so schnell und so laut ist. Das Maß verliert man nicht, weil man moralisch „schwach“ ist, sondern weil man gar nicht mehr spürt, wann es genug ist. Fasten hilft sehr dabei, wieder feinfühlig zu werden, aber es gibt viele Wege, dieses Bewusstsein zu üben. Alles, was Feinmotorik und Achtsamkeit trainiert, schärft das Gefühl für den „rechten Augenblick“. Das kann sanfte Bewegung sein, Musizieren, Knopfannähen – alles, was den Feinsinn schult. Fasten bringt mich in diese Gegenwärtigkeit hinein. Es lohnt sich, dieses Gespür für den Augenblick, dieses innere Fingerspitzengefühl, zu schulen.

Es sagt mir: Sage ich das jetzt? Sage ich’s lieber nicht? Esse ich noch etwas? Oder ist’s genug? Mache ich noch etwas? Oder lasse ich’s bleiben?

Gemeinsame spirituelle Erfahrung

Kann Fasten Brücken bauen?

Ja, das erlebe ich so. Fasten verbindet, weil es eine gemeinsame spirituelle Erfahrung schafft, jenseits aller dogmatischen Unterschiede. Der Jesuitenpater Sebastian Painadath sagt: „Wir sollen die religiösen Unterschiede respektieren, aber die spirituelle Einheit praktizieren.“ Wenn wir mit Andersglaubenden gemeinsam fasten – in die Reduktion gehen, still werden, uns auf das Wesentliche konzentrieren –, entsteht Verbundenheit. In Gut Aich merken wir: Erst aus dieser geteilten Praxis – Fasten, Schweigen, Meditation, gemeinsames Brotbrechen – wächst ein ehrliches, tiefes Gespräch. Fasten baut Brücken, nicht indem es Unterschiede einebnet, sondern indem es uns in dieselbe innere Bewegung führt.

©Susanne Windischbauer

Zur Person

 

BRUDER THOMAS HESSLER wurde 1968 im südlichen Niederösterreich geboren und wuchs in einer großen Familie mit Autowerkstättenbetrieb auf. Nach der Matura trat er ins Stift Reichersberg ein, verließ die Gemeinschaft jedoch nach drei Jahren wieder, um seinen eigenen Weg zu finden. Er studierte Theologie in Salzburg und Mainz und absolvierte eine Heilpraktikerausbildung.

 

1993 kehrte er nach Österreich zurück und gründete gemeinsam mit zwei Mitbrüdern das Benediktinerkloster Gut Aich, dessen Leiter er heute ist. Neben seiner geistlichen Tätigkeit ist Bruder Thomas seit seiner Jugend künstlerisch tätig; heute betreut er im Kloster ein weit verzweigtes Kunstatelier mit Glas-, Metall- und Holzwerkstätten und arbeitet vor allem konzeptionell an künstlerischen Projekten im sakralen Raum.

Slichot-Gebete mit Schofarhorn vor dem Versöhnungstag (Jom Kippur) – Westmauer, Jerusalemer Altstadt, 2008.
Slichot-Gebete mit Schofarhorn vor dem Versöhnungstag (Jom Kippur) – Westmauer, Jerusalemer Altstadt, 2008. ©wiki commons

Juden

Im Judentum gibt es mehrere Fastentage über das Jahr, etwa vor Pessach, an Tischa beAv oder beim Esther-Fasten vor dem Purim-Fest. Der höchste Feiertag ist Jom Kippur, der große Versöhnungstag. Rund 25 Stunden wird nicht gegessen und nicht getrunken, auch auf andere Genüsse wird verzichtet. Der Tag steht ganz im Zeichen von Gebet, Reue und innerer Läuterung, um Versöhnung mit Gott und den Mitmenschen zu suchen.

Erinnerung und Aufruf: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.“
Erinnerung und Aufruf: „Bedenke, Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst.“ ©Stephan Schönlaub

Christen

Die bekannteste Fastenzeit ist die Zeit zwischen Aschermittwoch und Ostern. Traditionell verzichten Christinnen und Christen auf Fleisch oder andere Genussmittel, heute oft auch auf Medien oder liebgewonnene Gewohnheiten. Ziel ist eine bewusstere Lebensführung, die Vorbereitung auf Ostern sowie Buße und Umkehr. In den orthodoxen Kirchen gibt es mehrere längere Fastenzeiten mit oft sehr strengen Speisevorschriften.

Datteln sind im Ramadan ein traditionelles Fastenbrechen (Iftar), da sie nach langer Fastenzeit schnell Energie liefern und leicht verdaulich sind.
Datteln sind im Ramadan ein traditionelles Fastenbrechen (Iftar), da sie nach langer Fastenzeit schnell Energie liefern und leicht verdaulich sind. ©istock

Islam

Im Islam gehört das Fasten im Monat Ramadan zu den fünf Grundpflichten. Von der Morgendämmerung bis Sonnenuntergang wird auf Essen, Trinken, Rauchen und Geschlechtsverkehr verzichtet. Das Fasten stärkt das Gottesbewusstsein, fördert innere und äußere Enthaltsamkeit und ist eng verbunden mit Gebet, Koranrezitation und Wohltätigkeit. Der Monat endet mit dem Fest des Fastenbrechens, Id al-Fitr (Zuckerfest).
 

Buddhistische Mönche beim Gebet.
Buddhistische Mönche beim Gebet. ©istock

Buddhisten

Im Buddhismus gibt es keine einheitlichen Fastenmonate. Wichtig sind Maßhalten und der „Mittlere Weg“. Mönche und Nonnen essen vielerorts nur bis Mittag. Laien fasten etwa an Uposatha-Tagen oder zu Vesakh, um Meditation und Achtsamkeit zu unterstützen.

Beim Fest Ekadashi bringen Anhänger Vishnus ihre Verehrung durch Fasten oder nur symbolisch dar. Das Fastenbrechen erfolgt ausschließlich mit Früchten.
Beim Fest Ekadashi bringen Anhänger Vishnus ihre Verehrung durch Fasten oder nur symbolisch dar. Das Fastenbrechen erfolgt ausschließlich mit Früchten. ©Wikimedia Commons/TAPAS

Hindus

Im Hinduismus sind Fasttage oft bestimmten Gottheiten oder Wochentagen gewidmet. Formen und Strenge variieren stark – vom Verzicht auf einzelne Speisen bis zu vollständigem Fasten. Ziele sind meist Reinigung, Hingabe und spirituelle Konzentration.

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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