Ein Leben nach zwei Toden
Passionswege
Meine Eltern haben mich von allem, was mit Tod und Trauer zu tun hat, ferngehalten“, sagt Christine Hubka. Einen Friedhof durfte Christine als Kind nie betreten. In der Volksschule soll sie eine Geschichte über einen Friedhofsbesuch schreiben. Sie weiß nicht, wie. „Ich war noch nie auf einem Friedhof“, sagt sie zur Lehrerin. Doch die glaubt ihr nicht. Anstelle eines Erlebnisaufsatzes wird es ein Fantasiebericht: „Ich habe halt irgendetwas zusammengedichtet.“
Windeln, Urlaub, Studium
Auf dem Maturaball lernt Christine Bernd Hubka kennen. Sie verstehen einander. Verlieben sich. Heiraten. Das erste Kind kommt, ein Mädchen. Viereinhalb Jahre später ein Bub. Bernd Hubka ist von Anfang an ein moderner Vater. Wickelt die Kinder. Fährt mit ihnen Ski. Ist da. Und schreibt daneben an seiner Habilitation. Christine Hubka studiert Evangelische Theologie, will Pfarrerin werden.
Im Sommer 1977 bricht ihr Mann, als Belohnung für seine eben abgeschlossene Habilitation, mit einer kleinen Gruppe nach Spitzbergen in Norwegen auf. Ein Freund von Christine Hubka forscht dort. Die Gegend gilt als eisbärensicher. Waffen zu ihrem Schutz dürfen die Männer nicht mitnehmen. Auch Christine Hubka macht unterdessen mit den Kindern und Freunden Urlaub. Fährt auf einen Bauernhof. Es ist ein Julitag, als ein Gendarm kommt und nach Christine Hubka fragt. Ihr Mann ist tot. Getötet von einem Eisbären.
Allein leben. Egal ob Eisbär, Herzinfarkt oder Autounfall
Ihre erste Reaktion ist Trotz, erzählt Christine Hubka. Ihr erster Gedanke scheinbar absurd: „Ich werde weiter studieren.“ Sie ist im vierten Semester. „Ich will nach Hause“, ist der zweite Gedanke. Der dritte gilt dem Gendarmen, der ihr die Botschaft überbringen musste: „Der hat mir unendlich leidgetan. Dem ist es schlecht gegangen.“ Heute ist Christine Hubka 76 und begleitet als Pfarrerin selbst Trauernde. Menschen, die einen Menschen verloren haben. Sie weiß, so absurd war ihre Reaktion gar nicht. Sondern ganz klassisch, weil sie zeigt, so Hubka, „dass die Wirklichkeit noch gar nicht angekommen ist.“ Unangebracht hingegen sind die üblichen Reaktionen der anderen.
Leben nach dem Todesfall
Die Schwiegereltern geben ihr die Schuld an Bernds Tod. Schließlich sei ihr Mann ja mit ihren Freunden unterwegs gewesen. Sie sagen ihr: „Jetzt musst du arbeiten gehen und die Kinder ins Heim geben.“ Ihre eigene Mutter ist auch keine Hilfe und betrinkt sich. Die Leute um Christine Hubka stürzen sich auf die spektakuläre Todesart, eine Sensation. „Ich bin da nicht vorgekommen in der ganzen Geschichte“, sagt Hubka. Ob Eisbär, Herzinfarkt oder Autounfall: Für Christine Hubka ist die Todesursache egal. Das Ergebnis ist stets das gleiche. „Ich bin mit den Kindern allein.“ Mit einer fünfjährigen Tochter und einem halbjährigen Sohn. Und mit ihrer Trauer.
„Die Floskeln helfen denen, die sie äußern. Ein Werkzeug, mit dem ich mich einer unangenehmen Aufgabe entledige.“
Leere Worte. Hohle Phrasen.
Zu hören bekommt sie: „Die Zeit heilt alle Wunden“. Und: „Du wirst schon wieder einen finden.“ Leere Worte. Hohle Phrasen. Auch das Wort „Beileid“ zählt Hubka dazu: „Die Floskeln helfen denen, die sie äußern. Ein Werkzeug, mit dem ich mich einer unangenehmen Aufgabe entledige.“ Dann zerlegt sie das Wort: „Bei. Leid. Ich leide bei. Ich leide nicht. Ich kann nicht mit einem anderen Menschen mitleiden“, sagt Christine Hubka. Was ihr damals wirklich geholfen hätte? „Ich hätte es gerne gehabt, dass die Leute den Mund halten.“
Was wirklich hilft: fragen, zuhören, da sein
Doch es gibt auch Hilfe. Von unerwarteter Seite. Ein Ehepaar, kaum mehr als flüchtige Bekannte, Studienkollegen von Bernd, sagt: Alle 14 Tage holen wir die Kinder ab, von früh bis abends, damit du zum Durchschnaufen kommst. „Manchmal habe ich die Stunden gezählt, bis die Kinder weg waren“, sagt Christine Hubka. „Bitterböse Rabenmutter? Nein, völlig erschöpft.“
Und ebenfalls Kollegen ihres Mannes von der Universität kaufen fünfzehn fehlende Versicherungsjahre nach. Wie genau, weiß sie bis heute nicht. Das Ergebnis: eine Pension, die der jungen Witwe den Alltag und das Leben erleichtert.
Leben und Trauer
Nach mehr als 50 Jahren Trauererfahrung und Trauerbegleitung weiß Christine Hubka: Es ist das Konkrete, das Simple, das Einfache, das hilft. Ein mitfühlendes Schweigen hilft meist mehr als alle klugen Worte.
Und statt Floskeln Fragen: „Wie geht es dir?“ „Wie packst du das?“ „Reden lassen, nicht selber reden“, sagt Christine Hubka. Zuhören. Zeit und Raum geben. Auch wenn es schwierig sein mag: unangenehme Gefühle aushalten und sie nicht wegtrösten. „Wer trösten will, erwartet, dass die andere sich trösten lässt“, sagt Hubka. „Aber die will gar nicht getröstet werden. Die will traurig sein.“
Nach dem Funktionieren: Ohne Mann und ohne Papa
Im ersten Jahr nach Bernds Tod erfindet Christine Hubka ihr Leben neu. Und das der Kinder gleich mit. Weihnachten, Urlaub, alles ohne Mann und ohne Papa. „Als das Kindergeburtstagsfest meiner Tochter halbwegs gut über die Bühne gegangen ist, war ich am Abend fix und fertig, erschöpft, aber unendlich stolz auf mich, dass ich das geschafft habe.“ Diese kleinen Siege bringen Hubka über das erste Jahr. Doch dann kommt das zweite.
„Im zweiten Jahr ist es so richtig eingefahren: Das ist jetzt immer so“, sagt Christine Hubka. „Das war arg. Ich war einfach todtraurig. Und sehr allein mit dieser Trauer. Weil, bitte schön, jetzt ist das schon ein Jahr her, was willst du denn? Das Leben geht doch weiter! Man muss nach vorne schauen!“ Wieder die hilflosen Floskeln statt konkreter Anteilnahme. Heute würde Christine Hubka der Christine von damals therapeutische Begleitung empfehlen. Denn ein Ruf nach Hilfe kam ihr nicht in den Sinn: „Ich bin nicht gut mit mir umgegangen.“ „Ich bin immer an der Kante entlang balanciert“, sagt Hubka. „Die Kinder. Das Studium. Die Ausbildung zur Pfarrerin. Ich habe lange gebraucht, bis ich kapiert habe: So! Und jetzt sei mal nett zu dir! Dafür kann ich das jetzt sehr gut.“ Genauso wie ihre Kinder.
Nett zu sich sein. Und helfen
Die Tochter, 5 als der Papa starb, ist Ärztin im mobilen Kinderhospiz in Wien. Der Sohn, damals noch ein Baby, ist heute ein Black-Hawk-Pilot. Sechs Enkelkinder gibt es, vier sind bereits erwachsen, zwei gehen noch zur Schule. „Interessanterweise können meine Kinder und die erwachsenen Enkelkinder, bei den Kleinen weiß man es noch nicht, unglaublich nett zu sich sein“, sagt Hubka. „Die passen auf sich auf, wie ich das jahrzehntelang nicht gemacht habe. Das ist schön anzuschauen.“
Was auch schön zu sehen ist: Helfen ist kein Tauschgeschäft und „kein Wanderpokal“, wie Christine Hubka sagt: „Wenn ich dir helfe, heißt das nicht, dass du mir irgendetwas schuldig bist. Oder dass ich Dankbarkeit erwarte. Wir geben weiter, weil es uns wichtig ist.“
Zur Person
Christine Hubka lebt in Wien, ist evangelische Pfarrerin im Ruhestand, Gefängnisseelsorgerin und Autorin.
Passionswege auf radio klassik Stephansdom
Am 28. 03. um 19:00 Uhr erzählt Christine Hubka in der Sendereihe „Passionswege“, was wirklich hilft, wenn Tod und Trauer ins Leben kommen. (Wiederholung am 01. 04. um 21:00 Uhr.) ▶ radioklassik.at
Buchtipp
Christine Hubka: Mehr als Beileid. So können wir Trauernde in schweren Zeiten begleiten.Tyrolia-Verlag. 136 Seiten, ISBN 978-3-7022-4212-1, EUR 15,00