Ehrgeiz auf Kosten anderer?
Meinung
Schuldig wegen grob fahrlässiger Tötung“, lautete vergangene Woche das Urteil am Landesgericht Innsbruck. Was war geschehen? Ein Bergsteiger hatte seine Freundin auf dem Weg zum Großglockner zurückgelassen, als sie am Ende ihrer Kräfte nicht mehr weiterkonnte.
Großglockner: Berge haben ihre Eigengesetzlichkeit
Berge haben ihre Eigengesetzlichkeit. Wer nicht bereit ist, sich dieser unterzuordnen, begibt sich und bisweilen auch andere in Gefahr. Wie in jeder Sportart – etwa dem Fußball – gibt es auch im Bergsport klare Regeln. Und dazu gehört selbstverständlich, dass sich das Tempo bei einer gemeinsamen Tour immer am „schwächsten“ oder langsamsten Mitglied orientiert. Der Codex einer gemeinsamen Bergunternehmung besagt, niemanden alleine zurückzulassen, schon gar nicht, wenn er verletzt oder in einer Gefahrensituation ist. Vor allem weil es darum geht, Erste Hilfe zu leisten. Und dazu gehört im Ernstfall auch, einen Notruf abzusetzen.
Vor der Bergtour: Schwierigkeiten abschätzen
Ich bin in einer Bergsteiger-Familie groß geworden. Jeden Sonntag stand ein anderer Berg auf der Tagesordnung. Teil einer Tourenplanung war immer, Gehzeit und mögliche Schwierigkeiten abzuschätzen und sich einen Überblick über das Gelände zu verschaffen. Eine passende Bergausrüstung gehörte wie das Amen im Gebet zu jeder Unternehmung im freien Gelände. Denn es geht auch darum, Vorsorge zu treffen für Situationen, in denen etwa ein überraschender Wetterumschwung für Gefahrenmomente sorgt. Oder die Kräfte versagen. Dann heißt es anzuerkennen, dass eigenes Können und Vermögen nicht ausreichen, um gesetzte Ziele zu erreichen.
Das Drama am Großglockner
Der fehlenden Fähigkeit umzukehren ist geschuldet, dass es zum Drama am Glockner gekommen ist. Die im Rahmen des Prozessgeschehens bekannt gewordenen Umstände lassen auf mangelndes Einfühlungsvermögen schließen. Besonders weil das Bergsteiger-Duo ja eng miteinander verbunden war. Allem Anschein nach wurde alles einem einzigen Ziel untergeordnet: dem Erreichen des Gipfels. Was Menschen bereit sind, dafür aufs Spiel zu setzen, ist mitunter schwer zu begreifen.
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Zur Person:
Gilbert Rosenkranz (61) ist Chefredakteur des Tiroler SONNTAG.