Der Glaube des Jedermann
Sommergespräch Philipp HochmairDer aktuelle Jedermann Philipp Hochmair zu Besuch beim Sommergespräch.
Der neue Jedermann
Philipp, du hast deine Biografie nicht, wie man es erwarten würde, deiner Familie gewidmet, sondern deiner Englischlehrerin am Gymnasium Maroltingergasse. Warum?
Philipp Hochmair: Sie hat, ohne es zu wissen, eine Tür in meinem Herzen aufgemacht, die mein Leben lang offengeblieben ist und es sehr verändert hat. Wir saßen im Englischunterricht und haben einen Film angeschaut, „The Outsiders“ von Francis Ford Coppola. An einer Stelle sagt ein Mitglied einer Bande ein Gedicht von Robert Frost auf. Und da hat die Frau Professor Köchlhuber den Film gestoppt und gesagt: „Da rezitiert ein Bandenmitglied ein Gedicht auswendig. Ihr seid in einem guten Gymnasium, aber ich bin sicher, keiner von euch kann ein Gedicht aufsagen.“ Und wie’s der Zufall so wollte, hatte ich damals zum ersten Mal ein Gedicht auswendig gelernt, den Totentanz von Goethe, und ich bin dann, wie im Film „Der Club der toten Dichter“, auf den Tisch gesprungen und habe das Gedicht vorgetragen. Das war sozusagen mein erster Auftritt. Und währenddessen begann die Pausenglocke zu läuten. Ich habe erwartet, dass die Schüler aufstehen, aber das Gegenteil war der Fall. Alle sind ganz gebannt sitzen geblieben und haben mir bis zum Ende zugehört. Dieses Mich-Spüren in der Literatur, Mich-Spüren in der Performance, das da in dem Klassenzimmer passiert ist, das war wie ein Erwachen, ein Berufungserlebnis. Und die Dankbarkeit über diesen Moment wird in der Widmung ausgedrückt.
Vom Totentanz zum Jedermann
Welcher 15-Jährige lernt freiwillig den Totentanz von Goethe?
Unser Zeichenlehrer Franz Terber hat ihn als Motiv für eine Zeichnung ausgewählt. Ich habe sogar Varianten gemacht, akribisch fein die Skelette ausgearbeitet. Mich hat das interessiert. Es kommt noch dazu, dass wir zu Hause eine Schallplatte von Albin Skoda hatten, auf der er die großen deutschen Balladen richtig dämonisch vorträgt. Das hat mich hypnotisiert. Und so habe ich den Totentanz, den er auch rezitiert, auswendig gelernt.
Als Kind oft "nicht richtig" gefühlt
Es gab in deinem Leben ein paar Schwierigkeiten, aber das Schöne ist, dass alles gut ausgegangen ist. Du selbst sagst, du hast dich als Kind oft „nicht richtig” gefühlt. Was war denn das Problem?
Es ist wohl wie bei vielen Künstlernaturen, die sich in der bürgerlichen Sicherheit unwohl fühlen und andere Impulse wollen. Somit hatte niemand Schuld an meinem Unwohlsein. Es war eine Suchbewegung der Seele, die woanders hinwollte. Ich konnte mich in der Klasse oder zu Hause nicht spüren. Ich habe mich immer nur im Echo der anderen wahrgenommen, und das Echo war nicht unbedingt nur positiv, sondern ich habe das Gefühl gehabt, ich störe oder ich bin zu laut oder zu unruhig. Es gab nur wenige Leute, bei denen ich das Gefühl hatte, ich bin „richtig“. Bei meiner Großmutter am Land in Oberösterreich, da hatte ich das Gefühl, und das war sehr beruhigend. Da habe ich gemerkt, das ist ein Ort, wo ich zu Hause bin.
Tod der Großmutter
Du warst aber erst zehn Jahre alt, als diese oberösterreichische Großmutter gestorben ist. Das war doch eher früh. Wie ist es dir damit gegangen?
Ich habe den Tod nicht als schmerzhaft empfunden. Sie hatte Krebs und ist auch im Krankenhaus gewesen. Das war schon ein längerer Prozess, aber ich habe ihren Tod als etwas Natürliches empfunden und auch den des Großvaters davor. Das waren schon tiefe Erfahrungen. Aber wir hatten so tolle Sommer zwischen vier und sieben. Die waren so prägend und so reichhaltig, dass sie bis heute nachstrahlen.
"Sie hat mir durch ihre Art, mit mir zu sein, das Gefühl gegeben, ich bin richtig auf der Welt."
Philipp Hochmair
Was hat die Großmutter denn Besonderes gemacht?
Sie hat mir durch ihre Art, mit mir zu sein, das Gefühl gegeben, ich bin richtig auf der Welt. Sie fand es in Ordnung, wie ich bin. Sie mochte mich einfach so.
"Ich habe Sterbende begleitet"
Du hast auch eine soziale Ader, wie man an deinem Zivildienst erkennen kann.
Das war eine schöne Zeit, in einem Pflegeheim für alte Leute. Da habe ich mich sehr wohlgefühlt. Ich habe mich mit den alten Leuten erstaunlich gut verstanden. Es war der perfekte Ort für mich. Ich war 19 Jahre alt und habe Sterbende begleitet.
"Sie meinten, das hilft den Menschen, sich zu spüren. Wir nannten das Fototherapie"
Philipp Hochmair
Das muss man aber auch aushalten können.
Das war kein Problem, sondern irgendwie ganz natürlich. Ich habe mit ihnen aus meiner Intuition heraus Selbsterfahrungsexperimente gemacht. Ich habe mit ihnen gezeichnet und sie fotografiert. Das wurde von der Führung gutgeheißen. Sie meinten, das hilft den Menschen, sich zu spüren. Wir nannten das Fototherapie. Und ich war wie ein bunter Vogel, weil ich mich lustig gekleidet hatte.
Hochmair über Legasthenie
Das Zweite, was ich sehr interessant finde, ist, dass du offen darüber sprichst, dass du Legastheniker bist. Das sind ja auch viele Menschen. Wie hat sich das bei dir geäußert?
In der Volksschule sollten wir zu Hause lesen üben. Jeder konnte das am nächsten Tag, aber ich konnte es nicht, und das hat sich durchgezogen bis ins Gymnasium. Diese Dechiffrierungsarbeit war für mich einfach sehr schwierig, also geschriebene Sprache in gesprochene Sprache umwandeln. Wenn ich mir die Zeit dafür nhemen kann und Ruhe habe, dann funktioniert es. Aber ich kann nicht en passant oder schnell, schnell. Das fällt mir einfach schwer.
Aber es hat dich die Legasthenie weder daran gehindert, Schauspieler zu werden, noch zu maturieren.
Im Gegenteil, es hat mich vielleicht motiviert. Es wäre der größte Witz damals mit fünfzehn gewesen, zu sagen, dass ich einmal mit dem Vortragen von Literatur mein Geld verdienen werde. Mehr hätte man nicht lachen können.
Der Jedermann und der Ottakringer Friedhof
Ein anderes Thema, das dich, glaube ich, dein Leben lang schon begleitet, ist der Tod. Du bist gegenüber vom Ottakringer Friedhof aufgewachsen.
Ich habe mit Totengräbern Zeit verbracht und ich habe mich zu dieser Welt hingezogen gefühlt. Mich hat das interessiert, was passiert, wenn man einen Körper in ein Grab legt. Was macht die Erde aus dem Körper? Was bleibt da über? Der Friedhof war eine Gegenwelt. Er hat eine Ruhe ausgestrahlt, eine Ordnung, die meiner Seele gefallen hat.
"Das Evangelium, der Ritus und die Feiertage, das hat mir gefallen."
Du warst sogar acht Jahre lang Ministrant in der Starchantkirche beim Ottakringer Friedhof. Seid ihr als Familie so klassisch sonntags in die Kirche gegangen?
Nein, das war meine eigene Welt. Meine Eltern waren nie in der Kirche. Ich bin selbst hingegangen. Das war, wie der Friedhof, für mich ein Ort, wo ich mich beruhigen konnte. Das Evangelium, der Ritus und die Feiertage, das hat mir gefallen. Oder auch Begräbnisse und Hochzeiten, das alles hat mich als Ministrant fasziniert.
Beschäftigung mit Jedermann seit 2013
Aber du musstest dafür am Sonntag in der Früh aufstehen und konntest nicht ausschlafen.
(Schüttelt den Kopf.) Das war meine Zeit, meine Regeneration. Wir waren oft viermal, fünfmal in der Woche in der Kirche, und das war einfach spannend. Wir Ministranten waren wie eine Band.
Ist dir davon etwas geblieben? Irgendeine Art von Glauben?
Ich beschäftige mich ja seit 2013 mit dem Stück Jedermann in allen möglichen Formen. Ich glaube schon, dass mich ein Nachhall aus der Zeit in diesem Stück trägt, wo es um Glauben, um Vergehen, um Sterben und um eine Hoffnung geht, dass nach dem Tod noch was ist. Das wird da sehr schön formuliert, und das hat mir das Ministrantendasein und diese Prägung durch die Kirche gegeben.
Ein Leben nach dem Tod
Und was hast du für eine Hoffnung für ein Leben nach dem Tod?
Ich habe das Gefühl, dass das einfach eine Zeit ist, die man hier verbringen und dass man hier etwas erleben und was geben darf.
Empfindest du dein Talent als Berufung?
Ja, das würde ich schon sagen.
Eine Art Bekundung zu einer Religion
Also schon als etwas Geschenktes, aus dem du aber was gemacht hast.
Machen muss, sagen wir mal so, ja.
Ja, das sind die Künstler, die sagen, sie müssen. Aber würdest du dich als religiös bezeichnen?
Darüber ergibt sich eine Religiosität, dass man eine Art Bekundung zu einer Religion ausdrückt oder etwas beiträgt zu einem Glauben, der da ist, ja.
Sommergespräch
Eine Kooperation von radio klassik und Der SONNTAG. Das ganze Gespräch mit Philipp Hochmair hören Sie am 3. August um 19:00 Uhr auf ▶ radioklassik.at
Buchtipp
„Hochmair, wo bist du?“ von Katharina von der Leyen & Philipp Hochmair, Verlag Brandstätter 2025, 256 Seiten, ISBN: 978-3-7106-0900-8, EUR 26,-