Bücher erzählen Geschichten

Zum Welttag des Buches
Ausgabe Nr. 16
  • Meinung
Autor:
Für Ferdinand Auhser, Geschäftsführer des Don Bosco Verlags, haben Bücher einen besonderen Wert. ©Roland Renner

Ferdinand Auhser ist Geschäftsführer des Don Bosco Verlags und schreibt in seiner Meinung über den Wert des Buches.

Der schottische Essayist Thomas Carlyle schreibt im Jahr 1841 den denkwürdigen Satz: „In den Büchern liegt die Seele aller gewesenen Zeit“ und skizziert damit etwas Großes, Unfassbares und Unheimliches, vielleicht ein göttliches Moment. Er transferiert uns in eine babylonische Bibliothek im Sinne Jorge Luis Borges’, in der die Geschichten unserer Welt und all ihrer Individuen geschrieben stehen.

Doch liegt die Zauberkraft des Buches nur in dieser holistischen Grenzenlosigkeit, oder finden wir sie schon viel näher an uns, in Griffweite sozusagen? Ist es nicht verwunderlich, wie Thomas Carlyle, der tausende Kilometer entfernt und vor knapp zweihundert Jahren gelebt hat, auf so direktem Weg mit uns, mit Ihnen, mit mir Verbindung aufnimmt? Eine körperlose Stimme, ein lautloser Gedanke? Und versetzt es uns nicht in Erstaunen, wie ich, der ich hier sitze, singuläre Zeichen, Tasten, Codes aneinanderreihe, mit Ihnen in Kontakt treten kann – orts-, zeitversetzt – und Wirkung erzeuge? Doch damit nicht genug: Führen wir uns noch dazu vor Augen, dass jeder einzelne Satz trotz seiner unendlichen Reproduzierbarkeit in keiner Sekunde weder bei ein- und derselben und schon gar nicht bei unterschiedlichen Personen exakt die gleiche Reaktion evozieren wird, sehen wir uns mit einem faszinierenden Dilemma oder zumindest einem Panoptikum der Interpretationen konfrontiert: das Viele in einem und die Einheit in der Differenz.

Die Schrift und das Buch vermögen dies zu leisten. Sie erzählen Geschichten durch Epochen, über Ozeane und Gebirge hinweg, und genau sie sind es, auf denen unsere Welt und unsere Existenzen aufbauen. Unser gesamtes Dasein, ob individuell oder kollektiv, fußt auf Legenden, Mythen oder Annahmen, wie Yuval Noah Harari in seiner „Kurzen Geschichte der Menschheit“ feststellt – seien es Religionen, Gesetze oder ökonomische Prinzipien: allesamt Erzählungen, die Menschen an andere weitergeben und – vor allem – glauben. Sie sind die Fundamente unserer Entwicklung und werden über Jahrhunderte und Jahrtausende, ähnlich einem historischen Fackellauf, weitergereicht, verfestigt oder modifiziert. Jedes einzelne Buch ist eine Laterna magica, ein Zauberkasten, der diese züngelnden Flammen in sich durch Raum und Zeit trägt, behütet und bewahrt, Hermes, ein göttlicher Bote, der es jedes Mal uns selbst, der Verantwortung der Leserin und des Lesers überlässt, welche Art von Feuer durch seine Kunde entfacht wird

Der Kommentar drückt die persönliche Meinung des Autors aus!

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Autor:
  • Ferdinand Auhser
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