Wie Text-Bruchstücke Geschichte erzählen

Ausstellung „Spurensuche Byzanz“
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Große Lupen auf den Glasvitrinen machen den genauen Blick auf Ausstellungsstücke möglich. ©Österreichische Nationalbibliothek, Linda Aiazzi

Briefe, Psalmen, Gebete und Konzilsbeschlüsse in überlieferten Text-Fragmenten eröffnen Einblicke in die Welt von Byzanz. Die Ausstellung „Spurensuche Byzanz.

Der Begriff „Byzanz“ bezeichnet das Oströmische Reich mit der Hauptstadt Konstantinopel, das als östliche Fortsetzung des Römischen Reiches bis 1453 bestand. Es war ein Reich, in dem römisches Staatsdenken, griechische Kultur und christlicher Glaube eine einzigartige Verbindung eingingen. Aus christlicher Sicht ist Byzanz besonders spannend, weil sich hier die alte Kirche in ihrer östlichen Form entfaltete: mit reicher Liturgie, mit einzigartigen Gesängen und Ikonen, mit großer theologischer Tiefe und mit einer geistlichen Kultur, die das Mittelalter nachhaltig prägte. Zugleich wird an Byzanz auch die Spannung zwischen Ost- und Westkirche sichtbar, die im Schisma von 1054 einen historischen Einschnitt hervorrief.

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Fragmente erzählen Geschichte

Wie sah dieses christlich geprägte Reich im Alltag aus? Welche Spuren haben die Menschen hinterlassen? Und was erzählen uns die oft nur bruchstückhaft erhaltenen Zeugnisse? Diesen Fragen geht die aktuelle Ausstellung „Spurensuche Byzanz. Fragmente des Griechischen Mittelalters“ im Papyrusmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek nach. Die von den Byzantinistinnen Krystina Kubina und Giulia Rossetto kuratierte Sonderschau versammelt Schriftzeugnisse auf Papyrus, Pergament und Papier aus dem 4. bis 16. Jahrhundert. Alle Objekte stammen aus den Sammlungen der Österreichischen Nationalbibliothek.
„Zu einer Zeit, als man jedes Buch mit der Hand abschreiben musste, prägte ein Zusammenspiel von Zufall und bewusster Auswahl die Überlieferung. Im östlichen Mittelmeerraum erfolgte das im byzantinischen Kaiserreich, in dem überwiegend Griechisch gesprochen wurde“, erklärt der Direktor des Papyrusmuseums, Bernhard Palme. Die Byzantiner hinterließen eine große Vielfalt an Texten, darunter Briefe, Gedichte, religiöse und theologische Schriften sowie Gesetze und Urkunden. Antike Klassiker und die Bibel waren durch Bildung und Religion allgegenwärtig. 

 Vielfalt und Einheit im Byzantinischen Reich

Schreiber wählten manchmal nur einzelne, als bedeutsam erachtete Passagen aus, stellten diese neu zusammen oder ergänzten sie durch eigenes Wissen, wodurch neue Texte entstanden. Obwohl das Byzantinische Reich zahlreiche Völker und Sprachgemeinschaften umfasste, blieb Griechisch die vorherrschende Sprache in Kultur und Politik.

Lesen lernen mit den Psalmen

Christliche Anknüpfungspunkte ziehen sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung. Zu sehen sind Psalmenhandschriften, liturgische Texte, Dokumente kirchlicher Konzilien, Fragmente von Gebeten und Hymnen. Sie zeigen, wie selbstverständlich Religion den Alltag durchdrang.

Die Psalmen als Gebets- und Lehrbuch

Welche Bedeutung den Psalmen zukam, unterstreicht Kuratorin Giulia Rossetto im Gespräch mit dem SONNTAG: „Psalmenbücher sind in Byzanz von zentraler Bedeutung gewesen. Schülerinnen und Schüler haben mithilfe der Psalmen lesen und schreiben gelernt, oft sogar ganze Passagen auswendig gelernt.“ Die Ausstellung präsentiert verschiedene Handschriften, Rollen und Amulette mit Psalmtexten. Für viele Menschen waren die Psalmen Gebetsbuch, Lehrbuch und geistlicher Begleiter zugleich.

Griechisch und Koptisch im Gottesdienst

„Sehr spannend sind Objekte aus Ägypten, die aus der koptischen Kirche stammen und sowohl koptische als auch griechische Texte enthalten“, erklärt Kuratorin Krystina Kubina. Im frühmittelalterlichen Ägypten sei Koptisch die Sprache der Bevölkerung gewesen, Griechisch jedoch weiterhin die offizielle Sprache des Gottesdienstes. In manchen liturgischen Handschriften erscheinen daher zunächst die griechischen Psalmen und anschließend die koptische Übersetzung. Das liturgisch maßgebende Griechisch stand so neben der Sprache, die die Menschen im Alltag verstanden.
 

Gebet für maßvolle Nilflut

Ein Ausstellungsstück schlägt eine Brücke zwischen christlichem Glauben und den existentiellen Sorgen der Menschen. Zu sehen ist eine Handschrift mit Gebeten auf Griechisch und Koptisch für die Nilflut. „Für Ägypten war der Nil Lebensader und Voraussetzung für gute Ernten. Eine zu geringe Flut brachte Missernten, eine zu hohe konnte Verwüstungen verursachen.“ Giulia Rossetto verweist darauf, dass solche Gebete bereits auf ältere Traditionen zurückgehen. Schon vorchristlich habe man für Fruchtbarkeit und eine gute Ernte gebetet.

Im Christentum sei diese Praxis in neuer Form weitergeführt worden.Krystina Kubina fügt an: „Es wurde mit einem christlichen Heiligen verbunden, sodass man sowohl diesen Heiligen verehrt hat, als auch darum bat, dass der Nil maßvoll steigt, also genug, aber nicht so sehr, dass er Zerstörungen verursacht.“ So sei eine ältere kultische Praxis christlich umgedeutet worden.
 

Die Menschen beteten nicht mehr zu einer Flussgottheit, sondern vertrauten darauf, dass Gott die Natur lenkt.

Antike Traditionen im christlichen Glauben

Hier wird sichtbar: Das Byzantinische Reich war nicht nur Bewahrerin antiker Bildung, sondern verstand es auch, bestehende kulturelle Traditionen in eine christliche Lebenswelt zu integrieren. Die Menschen beteten nicht mehr zu einer Flussgottheit, sondern vertrauten darauf, dass Gott die Natur lenkt und das Gedeihen der Schöpfung in seinen Händen hält.


Auch andere Objekte der Ausstellung geben Einblicke in die Glaubenswelt der Byzantiner. Ein Fragment überliefert christliche Briefe des Kirchenvaters Gregor von Nazianz. Ein Ostrakon, eine beschriebene Tonscherbe, enthält vermutlich Teile von Taufhymnen. Besonders eindrucksvoll sind die Beschlüsse des Dritten Konzils von Konstantinopel aus dem Jahr 681. Sie erinnern daran, dass der christliche Glaube nicht nur das persönliche Leben prägte, sondern auch die großen theologischen Debatten einer ganzen Epoche

Eine Botschaft bis in die Gegenwart

Die Ausstellung bringt das mittelalterliche Byzanz und seine reichhaltige Kultur neu in Erinnerung. Viele Fragen, die die Menschen damals bewegten, sind erstaunlich aktuell geblieben. Das zeigt das Gebet um eine günstige Nilflut. Hinter diesen Zeilen steht die Sorge um Wasser, Ernte und das Überleben ganzer Gemeinschaften. In Zeiten zunehmender Wetterextreme, von Hitzewellen und Trockenperioden, wirken solche Bitten sehr gegenwärtig.

Autor:
  • Portraitfoto von Agathe Lauber-Gansterer
    Agathe Lauber-Gansterer
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