Jesus, dein digitaler Freund

Leben morgen
Ausgabe Nr. 39
  • Bildung
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Der Glaube geht online
Seelsorge im Zeitalter der KI: alte Fragen, neue Antworten? ©iStock.com/alashi

KI-Seelsorge fern der Kirchenbank: eine Chance oder Ethik-Falle?

Wir beten nicht mehr, wir klicken. Es ist eine durchaus provokante Behauptung, die Theologin und Medienethikerin Claudia Paganini in ihrem kürzlich erschienenen Essay „Der neue Gott“ aufstellt. Doch was sind tatsächlich die spirituellen Konsequenzen der rasanten Entwicklung künstlicher Intelligenzen (kurz KI)? Wird Jesus Christus zum Objekt des technischen Fortschritts?

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Automatisierte Seelsorge mit KI-Jesus

So gibt es bereits Chatbots (textbasierte Dialogsysteme, die Dialoge mit einem technischen System in natürlicher Sprache ermöglichen), die biblische Fragen beantworten oder Gebete sprechen können. 

2024 sorgte im Beichtstuhl der Luzerner Peterskapelle ein im Rahmen des Kunstprojekts „Deus in Machina“ (Gott in der Maschine) installierter KI-Jesus für Aufsehen. Für Technikethiker Eugen Dolezal sind automatisierte Seelsorge oder ein ­„Jesus-Chatbot“ trotz vereinzelter Chancen eine ethische Falle.

„Positiv zu sehen ist die potenzielle spielerische Annäherung an Glaubensinhalte. Vermeintlich peinliche oder pikante Rückfragen werden im Austausch mit Chatbots leichter gestellt als in der direkten Begegnung mit einem menschlichen Gegenüber, insbesondere, wenn Letzteres in einem offiziellen kirchlichen oder institutionellen Rahmen auftritt“, ­erklärt der Forscher.

„Allerdings sind je nach ­Datensatz und Training irreführende, falsche oder gar absichtlich schädliche Aussagen eines Chatbots denkbar.“

Eine zeitgeistige Herausforderung für das im Glauben zentrale Beziehungsgeschehen zwischen Gott und Mensch beziehungsweise Menschen untereinander. 

"Simulation" Pro Menschliche Begegnung

Welche Chancen sehen Sie in der Möglichkeit, sich mit einem fiktiven „Jesus“ digital auszutauschen?
Solche Chatbots sollen der Interaktion dienen und diese simulieren. Entscheidend ist jedoch, dass es sich dabei qualitativ nicht um ein wirklich relationales Geschehen handelt, wie es in der Begegnung zweier Personen entsteht.

Worin besteht Ihre Kritik?
Prinzipiell sind Chatbots, die Personen simulieren, kritisch zu sehen, da sie den Anschein einer Interaktion mit der simulierten Person suggerieren, welche faktisch nicht gegeben ist. Angesichts der Bedeutung, die Jesus im christlichen Glauben einnimmt, scheint eine solche „Personifikation“ umso kritischer. 

Hat die analoge Seelsorge bald ausgedient? 
Ein Ersatz des christlichen Miteinanders, also des Zwischen-Menschlichen, durch maschinelle Interaktion ist äußerst fragwürdig. Gerade angesichts der fortschreitenden Mechanisierung unserer Lebenswelt wird die menschliche Begegnung immer relevanter.

Ist künstliche Intelligenz der neue Gott des digitalen Zeitalters?
©Herder

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Ist künstliche Intelligenz der neue Gott des digitalen Zeitalters? In diesem tiefgründigen Essay entfaltet Claudia Paganini eine philosophisch brisante These: Erstmals erschafft der Mensch einen Gott, statt ihn nur zu denken. Die KI übernimmt zunehmend, was einst der Religion vorbehalten war: Sinnstiftung, Orientierung, allzeit verfügbare Antworten.  

 

Claudia Paganini

Der neue Gott. Künstliche Intelligenz und die menschliche Sinnsuche

Herder Verlag, 176 Seiten

ISBN: 978-3-451-60146-0, EUR 21,50

Autor:
  • Tina Veit-Fuchs
  • Eugen Dolezal
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