„Ich schreibe jeden Tag einen Abschnitt aus der Bibel ab“

Glaubenszeugnis
Ausgabe Nr. 8
  • Spiritualität
Autor:
Veronika Lee geht zu einer koreanischen Gemeinde in Wien.
Veronika Lee, ursprünglich aus Südkorea, schreibt außerdem jeden Tag Tagebuch, notiert alles, was sie an einem Tag gemacht hat. ©Privat

Das Heimweh nach Südkorea führte Veronika Lee, 77, vor über fünfzig Jahren in Deutschland zu einem koreanischen Priester. Sie begann, sich für das Christentum zu begeistern, ließ sich taufen und ist heute engagiertes Mitglied der koreanischen Gemeinde in Wien.

V eronika Lee wurde in Südkorea geboren und wanderte mit fünfundzwanzig nach Deutschland aus. Seit 1979 lebt die pensionierte Diplomkrankenpflegerin in Wien.

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Herkunft Südkorea

Frau Lee, in Südkorea sind rund elf Prozent der Bevölkerung katholisch. Stammen Sie selbst aus einer katholischen Familie?

Nein, meine Familie war nicht katholisch. Wir waren Anhänger des Konfuzianismus. Das ist keine eigene Religion, eher eine Art Lebensstil. Es wird darin zum Beispiel geregelt, dass junge Leute respektvoll mit den Älteren umgehen sollen. Katholisch bin ich erst in Frankfurt geworden.

Wie kamen Sie dort in Kontakt mit dem Christentum?

Das war in dem Krankenhaus, in dem ich als Krankenschwester gearbeitet habe. Jede Woche kam ein katholischer Priester aus Südkorea, um dort die Heilige Messe zu feiern. Ich hatte damals sehr viel Heimweh und habe mich einsam gefühlt. Deswegen bin ich immer wieder zu ihm gegangen. Mit der Zeit hat sich auch innerlich etwas in mir getan. Ich habe begonnen, regelmäßig in der Bibel zu lesen, zu beten, habe die heilige Messe mitgefeiert. Zwei Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Priester wurde ich getauft. Nach mir übrigens auch meine ganze Familie in Korea. 

Wirklich? Wie kam es dazu?

(Lacht.) Ich habe meiner Mutter und meinen Geschwistern viel von meinem Glauben erzählt. Sie haben gemerkt, wie zufrieden ich war, und haben sich selbst entschieden, katholisch zu werden.

 

„Ich nehme mir jeden Tag Zeit, um einen kleinen Abschnitt aus der Bibel abzuschreiben.“

Veronika Lee

Koreanische Gemeinde in Wien

Seitdem Sie in Wien leben, sind Sie Mitglied der koreanischen Gemeinde in Inzersdorf. Sie könnten auch in eine Pfarre gehen, die näher an ihrem Wohnort im 22. Bezirk liegt. Warum ist es Ihnen wichtig, die koreanische Gemeinde zu besuchen?

Für mich ist die Gemeinde Heimat, meine kleine Heimat. Ich treffe dort Menschen, die auch koreanisch sprechen, die denselben Glauben, aber auch dieselben Sitten teilen. Wir feiern neben den katholischen Festen wie Weihnachten und Ostern auch koreanische Feste. Kommenden Sonntag zum Beispiel das koreanische Neujahr. Meine beiden Söhne und meine drei Enkelkinder sind in der Pfarre getauft worden, und ich engagiere mich ehrenamtlich. Ich bin stellvertretende Pfarrgemeinderatsvorsitzende, war lange Zeit Präsidentin der Legio-Mariae-Gruppe, die sich am Mittwoch trifft. Ich arbeite viel in der Kirche, im Kleinen und im Großen. Ich bereite die Gottesdienste vor, wenn uns Weihbischof Scharl besuchen kommt. Ich organisiere die Blumen für die Erstkommunion und schreibe die Karten für die Erstkommunionkinder. Mein Mann ist vor zwanzig Jahren gestorben. Ich lebe alleine, aber mir wird nicht langweilig. Ich habe immer viel zu tun.

 

Sie haben eine besondere Angewohnheit, um das Wort Gottes besser kennen zu lernen. Erzählen Sie davon!

Ich nehme mir jeden Tag Zeit, um einen kleinen Abschnitt aus der Bibel abzuschreiben. Begonnen habe ich vor drei Jahren am Beginn des Alten Testaments. Jeden Tag ein bisschen etwas, nicht viel. Deswegen bin ich immer noch im Alten Testament. (Lacht.) Diese Methode ist typisch für koreanische Christen. Und ich mache es sehr gerne, weil ich sehr vergesslich bin. Was ich höre, habe ich oft innerhalb von ein paar Minuten vergessen. Wenn ich es aufschreibe, bleibt es länger. Das Abschreiben ist für mich wie Beten.

Ich schreibe außerdem jeden Tag Tagebuch, notiere das, was ich an einem Tag gemacht habe. Heute zum Beispiel werde ich aufschreiben, dass ich dieses Interview mit der Kirchenzeitung hatte. 

Schlagwörter
Autor:
  • Sandra Lobnig
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