Die Geduld lernende Zuhörerin
Portrait
Ich treffe sie im Konvent der Dominikanerinnen in Wien-Hacking. Sie trägt einen weißen Habit mit Skapulier und schwarzem Schleier, dazu Brille, Pulsuhr und ihr typisches Lächeln. Geboren wurde sie 1980 in Unterloiben und in ihrer Kindheit war das Ordensleben kein Thema. Während ihres Studiums der Katholischen Fachtheologie und Religionspädagogik verspürte sie erstmals ihre Berufung. Dieses Gefühl beschreibt sie so: „Warum verliebt man sich in einen Menschen? So ähnlich fühlt sich das an, wenn man anfängt, herauszufinden, was die eigene Berufung ist.“
Schwester Franziska Madl ist lieber Seelsorgerin als Lehrerin
Der Konvent ist umgeben von Bildungseinrichtungen, doch Unterricht war nicht der Grund für ihren Eintritt 2001. Sie wollte Seelsorgerin sein und Menschen zuhören. Ihre Leidenschaft verbindet sie mit ihrer Tätigkeit als Psychotherapeutin. 2023 schloss sie ihre Ausbildung ab und eröffnete eine Praxis für Logotherapie und Existenzanalyse. Den Weg dazu fand sie, nachdem sie gelernt hatte, mit ihrer Neigung zu Depressionen umzugehen. Seelsorge und Psychotherapie passten gut zusammen, sagt sie, denn Körper und Geist seien verbunden. „Viktor Frankl hat dieses Wort dafür verwendet: ärztliche Seelsorge.“
Rockmusik und Apple
Seit 2018 ist sie Priorin, seit 2019 im Vorstand der Österreichischen Ordenskonferenz (ab 2022 als stellvertretende Vorsitzende) und heute deren erste weibliche Vorsitzende. Eine große Herausforderung ist es, neue Ordensleute zu finden, denn viele Orden „sterben“ aus. Beim Schulverein der Dominikanerinnen habe sie Weitsicht gezeigt, sagt Geschäftsführer Sascha Schier: Der Schulverein sichere die Weiterführung der Bildungseinrichtungen, auch ohne Ordensschwestern.
Schier beschreibt Schwester Franziska als ehrlich, modern und kompromissbereit. Unterschiedliche Ansichten gebe es nur beim Wein- und Musikgeschmack sowie beim Handybetriebssystem – Schwester Franziska bevorzugt Apple. Musikalisch sei sie „auf der Rockwelle“, wie Schier sagt.
Schwester Franziska Madl: „Gehorsam ist auch das Hören auf Gott“
Mit den Gelübden „Armut, Gehorsam und Ehelosigkeit“ habe sie gerungen. Am schwierigsten sei der Gehorsam, da Entscheidungen demokratisch getroffen würden. Im Podcast „Orden on Air“ sagt sie: „Gehorsam ist auch das Hören auf Gott.“ Drei Eigenschaften, die sie selbst beschreiben: „Interessiert, vielseitig, Geduld lernend.“ Der Hauptgrund, warum es uns Menschen oft so schwer falle, zuzuhören und auf Gott zu hören, sei, dass unsere Welt so laut sei. „Im Normalfall schreit uns Gott nicht an, sondern ist relativ leise“, so Madl. Um Gott zu hören, brauche es vor allem Stille, Gebet und Geduld.