„Armut und nicht die Armen bekämpfen“
37. Weinviertelakademie
37. Weinviertelakademie nach Großrußbach. ©Bildungsakademie Weinviertel/Jakob Rieder
Wir dürfen im Hinblick auf die Armut nicht unachtsam werden. (...) Auch in den reichen Ländern sind die Zahlen der Armen nicht weniger besorgniserregend. In Europa gibt es immer mehr Familien, die mit ihrem Einkommen nicht bis zum Monatsende auskommen. Generell ist eine Zunahme verschiedener Formen der Armut zu beobachten“: An diese klaren Worte aus dem Apostolischen Mahnschreiben „Dilexi te“ („Ich habe dich geliebt“) von Papst Leo XIV. erinnerte Sebastian Thieme (Katholische Sozialakademie Österreich) in seinem Impulsreferat. Armut sei verbunden „mit Existenzsorgen und -ängsten“, weil dadurch „die soziale Teilhabe und Mitwirkung fehlt“. Überhaupt sei die Frage der Armut, so Thieme, eine eminent „ethische und politische Frage“.
Caritas: Armut habe viele Gesichter
Armut habe viele Gesichter, „sie ist selten laut, weil sie schambehaftet ist“, betonte Österreichs Caritas-Präsidentin Nora Tödtling-Musenbichler. Sie skizzierte in ihrem Impulsvortrag sechs „Dimensionen von Armut“. Energiearmut herrsche, wenn die Frage der Wärme dominiere und das Heizen nicht mehr leistbar sei. Hinsichtlich des Wohnens könne sogar ein geerbtes altes Haus für eine tägliche Unsicherheit sorgen, wenn es renovierungsbedürftig sei. Mobilität im Weinviertel bedeute meist, „dass man ein Auto braucht“, um überall hinzugelangen. Bezüglich der Bildung und der Armut stellte Tödtling-Musenbichler fest, dass Menschen ohne öffentliche Verkehrsmittel kaum Möglichkeiten zur Weiterbildung besäßen. Eine der größten Armutserfahrungen sei wohl die Einsamkeit. Im Bereich der Gesundheit brauche es „lange Wege, wenn die Ordinationen weit weg sind“. „Armut macht krank und Krankheit bedeutet Armut“, so ihr Fazit. Mit ihren vielen Angeboten und mithilfe der Ehrenamtlichen und Freiwilligen trage die Caritas vor Ort zu einem glückseligen Weinviertel bei. Diese Angebote der Caritas seien „Leuchttürme der Nächstenliebe“. Es brauche „ein Weinviertel der kurzen Wege“ in solidarischen Regionen. „Armut wird überwunden, wenn Menschen einander sehen und keiner wegschaut“, unterstrich die Caritas-Präsidentin.
Erwerbsarbeit, von der man leben kann
Ulrike Königsberger-Ludwig, Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, erinnerte, „dass Gesellschaft und Politik die Rahmenbedingungen schaffen müssen, um Armut zu beseitigen“. Seitens der Regierung seien einige Maßnahmen gesetzt worden wie die Mietpreisbremse oder der Kampf gegen die Energiearmut. Die Staatssekretärin verwies auch auf die sogenannten „17 Ziele einer nachhaltigen Entwicklung“, die die Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen 2015 beschlossen hatten. Eines der Ziele: dass in den Mitgliedsländern die Zahl der Menschen in Armut bis 2030 zumindest halbiert werden soll. Ihr Fazit: „Auch Österreich ist davon weit entfernt.“ Es müsste „die Armut und nicht die armen Menschen bekämpft werden“, so Königsberger-Ludwig. Das „beste Mittel gegen Armut“ sei noch immer „eine Erwerbsarbeit, von der man auch leben kann“.
„Armut ist kein Schicksal“
Beim Podiumsgespräch erinnerte Weihbischof und Bischofsvikar Stephan Turnovszky, „dass die Armut im Weinviertel oft nicht sichtbar“ sei. Er nannte ein paar positive Beispiele aus Pfarren, denn „es mangelt nicht an Menschen, die anderen Freude machen wollen“. Bei der „Lade“ der Pfarre Laa an der Thaya würden „Lebensmittel und Waren des täglichen Bedarfs“ ausgegeben, die Caritas-Sprechstunde der Pfarre Stockerau wiederum sei „sehr diskret“ und vorbildlich im Umgang mit dem Thema Armut. „Armut ist weiblich und sie trifft Kinder“, unterstrich die Caritas-Präsidentin: „Armut ist kein Schicksal, sondern ein strukturelles Problem.“ Pfarren würden „Teilhabe an der Gesellschaft, am Leben ermöglichen“. Sie wünscht sich von der Politik schlicht, „dass sie konkrete Maßnahmen setzt“.