Wie katholisch ist der Herr der Ringe?

Der Herr der Ringe
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Gott und Religion im Herrn der Ringe.
Gott und Religion im Herrn der Ringe. ©istock/brebca
Die deutsche Theologin und Universitätsprofessorin Marianne Schlosser.
Die deutsche Theologin und Universitätsprofessorin Marianne Schlosser. ©RPP-Institut

Zur Langen Nacht der Kirchen zeigt die Pfarrkirche Dornbach die Verfilmung des Herrn der Ringe. Zur Podiumsdiskussion ist unter anderem auch die Theologin Marianne Schlosser geladen, die sich mit den katholischen Anteilen in Tolkiens Epos beschäftigt hat.

Theologische Relektüre von "Herr der Ringe"

Die deutsche Theologin und Universitätsprofessorin für Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Marianne Schlosser hat sich in ihrem wissenschaftlichen Aufsatz: „Freiheit, Schicksal, Gnade - Oder: Drei Vaterunser-Bitten: Eine theologische Relektüre des "Herrn der Ringe"“ mit den katholischen Elementen in J.R.R. Tolkiens Werk „Herr der Ringe“ auseinandergesetzt.

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Gott und Religion im Herrn der Ringe

„Gott oder Religion kommen in der vorchristlichen Welt von Mittelerde nicht direkt vor, doch ist nach Tolkiens eigenen Worten „das religiöse Element in die Geschichte und ihre Symbolik eingelassen“.“, zitiert Schlosser, Tolkien aus einem seiner Briefe. John Ronald Reuel Tolkien war gläubiger Katholik. Der Autor wurde am 31. Jänner 1892 in der Kirche von Bloemfontein getauft (Carpenter, 2002, S. 23). Nach dem Tod von Tolkiens Vater hatte der Glaube einen hohen Stellenwert im Leben seiner Mutter Mabel eingenommen. Im Frühjahr 1990 erhielt Mabel gemeinsam mit ihrer Schwester May in der Kirche von St. Anna Konvertiten-Unterricht und wurden im Juni in die römisch-katholische Kirche aufgenommen. Gemeinsam mit ihren Söhnen besuchte Mabel regelmäßig am Sonntag die Messe. Mabel blieb beim katholischen Glauben, auch, wenn ihre Familie dem mit Zorn und der Einstellung finanzieller Hilfe an die alleinerziehende Mutter begegnete (Carpenter, 2002, S. 35).

Tischgebet der Numenorer

Als eine der katholischen Elemente im Herrn der Ringe nennt Schlosser das „Tischgebet der Numenorer“. In der Stelle im HdR in der die Menschen von Gondor sich vor dem Essen „gen Westen“ wenden, um sich zu erinnern woher sie kommen und wo ihre eigentliche Heimat, dass „Segensreich“ liegt. Das erinnere, so Schlosser, an die Christen, die in Richtung Osten beten. Schlosser konkretisiert: „Mit diesem „Tischgebet“ der Nachfahren von 'Numenor kommt ein für den Roman wichtiges (theologisches) Motiv zur Sprache: Hoffnung ist verbunden mit Erinnerung. Wohin man geht, hat damit zu tun, woher man kommt. Und ein zweites: Für das Mensch-Sein ist es unverzichtbar, nicht nur an das zu denken, was,.war“ und was jetzt „noch ist“ also das prinzipiell Vergängliche, sondern auch an das, was „ist und immer sein wird“, das Ewige.“ (Schlosser, 2006, S. 82).

Das Verlangen nach Unsterblichkeit

Es ist aber das Kernstück das Romans, das eigentliche Thema, welches stark von katholischen Werten durchzogen ist, argumentiert Schlosser: „Es ist nicht eigentlich die Frage der „Macht“, symbolisiert durch den Ring wenngleich dieses Thema im Vordergrund steht, sondern das Problem von Tod und Unsterblichkeit. Die Sehnsucht nach Unsterblichkeit und die Verkennung der wahren Unsterblichkeit verführen die Menschen dazu, durch Magie („Ring") oder Technik („Maschinen“ bei Tolkien) eine zeitliche Ausdehnung des Lebens erlangen zu wollen, die nicht dem entspricht, was ihnen vom Schöpfer zugedacht ist, und darum geht es „letztlich um Gott und sein alleiniges Anrecht auf göttliche Elve“ (Brief 183, 320).“ (Schlosser, 2006, S. 83). Die Menschen würden die Elben um ihre Unsterblichkeit beneiden und selbst nach ewigem Leben trachten – Der Mensch richtet sich gegen die Gesetze Gottes, gegen die Sterblichkeit – ein Sündenfall.

Schlosser betont zudem, dass Tolkien in seinem Werk keine direkten Allegorien zu politischen oder gesellschaftlichen Geschehnissen gemacht habe: „Obwohl der HdR während der Zeit des II. Weltkriegs Gestalt annahm, ist der Kampf gegen Mordor nicht als Spiegelung konkreter kriegerischer Auseinandersetzungen gemeint.“ (Schlosser, 2006, S. 86).

Herr der Ringe: Die Metaphysik 

Tolkiens „Herr der Ringe“ würde, so Schlosser auf religiösen Ideen beruhen, ohne Allegorien daraus zu verwenden, oder diese Ideen offen zu erwähnen (Schlosser, 2006, S. 86). Die Metaphysik im Herrn der Ringe sei bewusst nur angedeutet worden (Schlosser, 2006, S. 83). Trotzdem geht Schlosser auf die „Metaphysik“ Tolkiens ein. Auch „messianische Gestalten“ die „an die Person Jesus Christi“ erinnern, kämen im „Herrn der Ringe“ vor. Schlosser erwähnt als solche Gandalf, Aragorn und Frodo. Aber die Autorin fügt hinzu: „Keine dieser Gestalten bildet Christus „eins zu eins“ ab, wie etwa der Löwe Aslan in den Narnia-Tales von C.S. Lewis. Jede dieser Figuren spiegelt gewissermaßen nur einen Aspekt Christi wider.“ (Schlosser, 2006, S. 93).

Herr der Ringe und die Kommunion

Als weiteres christliches Element im Herrn der Ringe erwähnt Schlosser das „Wegbrot“ der Elben: Lembas. In der von Tolkien erfundenen Hoch-Elbensprache „Quenya“ bedeutet das Wort „Lebensbrot“ (coimas). Beide Bezeichnungen würden an die heilige Kommunion erinnern, so Schlosser (Schlosser, 2006, S. 93) Aber auch auf den Kampf zwischen Gut und Böse und der Ursprung des Bösen im Herrn der Ring nimmt die Theologin Bezug. So ist das böse in Tolkiens Werk nicht von Anfang an und absolut Böse, sondern böse geworden, da es selbst Gott sein möchte und durch diese „Leugnung seiner Beziehung zu Gott“ stürzt der Charakter ab oder wie Schlosser formuliert: „Es stürzt aus der Ordnung des Seins — dem Nichts zu, ohne dies je zu erreichen. Der Teufel ist ein gefallener Engel.“ (Schlosser, 2006, S.95).

Fazit

Schlosser geht auch auf die Auseinandersetzung zwischen Melko und Iluvatar in Tolkiens „Silmarillion“ und Saurons Ring ein. Aber auch Tugenden und das Thema Schicksal und Freiheit sind Teile mit der sich die Autorin im Bezug auf christliche Elemente im Herrn der Ringe beschäftigt. Schlossers Aufsatz ist spannend und sehr informativ. Auch Herr der Ringe-Fans ohne christlichen Hintergrund können von der Lektüre ihres Aufsatzes profitieren und ein tieferes Verständnis für das von Tolkien geschaffene Universum erlangen.

Zur Person

Die deutsche Theologin und Universitätsprofessorin Marianne Schlosser.
Die deutsche Theologin und Universitätsprofessorin Marianne Schlosser. ©RPP-Institut

Marianne Schlosser ist eine deutsche Theologin und Universitätsprofessorin für Theologie der Spiritualität an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Sie hat lateinische Philologie und katholische Theologie an der Universität München studiert. Am 23. September 2014 wurde Schlosser von Papst Franziskus für fünf Jahre zum Mitglied der Internationalen Theologenkommission berufen. Im August 2016 wurde sie von Papst Franziskus zum Mitglied der Studienkommission zum Diakonat der Frau ernannt. 

Die Lange Nacht der Kirchen

Wer ein Interesse für Marianne Schlossers Ausführungen zum Herrn der Ringe hat, kann ihren Vortrag bei der Langen Nacht der Kirchen am 7. Juni 2024 in der Pfarrkirche Dornbach in Wien besuchen.

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Quellen:

Carpenter, Humphrey (2002): J.R.R. Tolkien – Eine Biografie, 3. Aufl., Stuttgart, Deutschland: Klett-Cotta.

Schlosser, Marianne (2006): Freiheit, Schicksal, Gnade. Oder: Drei Vaterunser-Bitten. Eine theologische Relecture des „Herrn der Ringe“. In: Der Herr der Ringe. Fantasy – Mythologie – Theologie?, 1. Auflage, Salzburg, Österreich: Aleph-Omega-Verlag, S. 77-135.

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Autor:
  • Cornelia Grotte
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