Wer loslässt, kann alles empfangen

13. Sonntag im Jahreskreis – Lesejahr A, 2. Juli 2023
Ausgabe Nr. 26
  • Sonntag
Autor:
Alte Frau im Rollstuhl hält die Hand einer jüngeren Frau
Festhalten und loslassen. ©kathbild.at / Franz Josef Rupprecht

Wort zum Evangelium von Dr. Richard Geier, Kanonikus, Pfarrer von St. Margarethen im Burgenland und Leiter der dortigen Passionsspiele.

Es gibt einen ganzen Strauß von Dingen, die wir im Laufe unseres Lebens loslassen müssen: die Geborgenheit im Mutterschoß, die Unbekümmertheit eines Kindes, die jugendlichen Träume, die Fürsorge der Eltern, die eigene Kraft und Fruchtbarkeit, die uneingeschränkte Gesundheit, die Kontrolle über den Körper, Selbstbestimmung, Hab und Gut. Das ist ein natürlicher Prozess. Wer sich ihm verweigert und meint, alles festhalten zu müssen, beschwört meistens Unheil herauf. Loslassen ist ein inneres Gesetz des Lebens.

Jesus sagt: „Wer das Leben um meinetwillen verliert, gewinnt es!“ Er selbst hat es vorgelebt bis zu jenem Moment des Kreuzestodes, in dem er alles aufgegeben hat. Sein Motiv war Liebe. Tatsächlich fällt uns das Loslassen leichter, wenn wir es aus Liebe tun. Dann wird es zur Hingabe: an Menschen, Aufgaben, Überzeugungen.

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Doch Vorsicht!

Liebe ist wie ein Klebstoff, der uns wiederum anhaften lässt an dem, was wir lieben. Die wahre Liebe zeigt sich darin, dass wir das Geliebte nicht für uns selber brauchen, sondern es allein um seinetwillen lieben. Im Grunde gelingt Hingabe nur in absoluter Freiheit. Wenn wir loslassen, dann können wir letztendlich auch die Erfahrung machen, dass ein anderes wesentliches Gesetz des Lebens unser Dasein bestimmt: Alles, was wichtig ist, können wir nicht selbst machen, sondern nur empfangen! Liebe und Angenommensein, Trost und Hilfe, Respekt und Anerkennung.

Jesus hat sein irdisches Leben am Kreuz hingegeben und deswegen wurde ihm das Leben der Auferstehung geschenkt. So verdeutlicht sein Schicksal unser aller Weg: Nur wer loslässt, kann auch empfangen.

1. Lesung Das zweite Buch der Könige 4,8–11.14–16a

Der Prophet Elíscha erfährt Gastfreundschaft und belohnt sie, indem er seiner Gastgeberin einen sehnlichen Wunsch erfüllt.

Eines Tages ging Elíscha nach Schunem. Dort lebte eine vornehme Frau, die ihn dringend bat, bei ihr zu essen. Seither kehrte er zum Essen bei ihr ein, sooft er vorbeikam. Sie aber sagte zu ihrem Mann: Ich weiß, dass dieser Mann, der ständig bei uns vorbeikommt, ein heiliger Gottesmann ist. Wir wollen ein kleines, gemauertes Obergemach herrichten und dort ein Bett, einen Tisch, einen Stuhl und einen Leuchter für ihn bereitstellen. Wenn er dann zu uns kommt, kann er sich dorthin zurückziehen.

Als Elíscha eines Tages wieder hinkam, ging er in das Obergemach, um dort zu schlafen. Und als er seinen Diener Géhasi fragte, was man für die Frau tun könne, sagte Géhasi: Nun, sie hat keinen Sohn und ihr Mann ist alt. Da befahl er: Ruf sie herein! Er rief sie und sie blieb in der Tür stehen. Darauf versicherte ihr Elíscha: Im nächsten Jahr um diese Zeit wirst du einen Sohn liebkosen.

2. Lesung Brief an die Römer 6,3–4.8–11

Jesu Schicksal ist das Schicksal aller, die getauft sind. Ihr Weg führt durch den Tod in ein neues Leben.

Schwestern und Brüder! Wir, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, sind auf seinen Tod getauft worden. Wir wurden ja mit ihm begraben durch die Taufe auf den Tod, damit auch wir, so wie Christus durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt wurde, in der Wirklichkeit des neuen Lebens wandeln. Sind wir nun mit Christus gestorben, so glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn. Denn durch sein Sterben ist er ein für alle Mal gestorben für die Sünde, sein Leben aber lebt er für Gott. So begreift auch ihr euch als Menschen, die für die Sünde tot sind, aber für Gott leben in Christus Jesus.

Evangelium Matthäus 10,37–42

Christusnachfolge braucht die Bereitschaft, eins zu werden mit dem, der alles verlassen hat und sein Kreuz auf sich nahm. Wer mit ihm das Leben verliert, wird es finden.

In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert. Wer das Leben findet, wird es verlieren; wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Wer euch aufnimmt, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, nimmt den auf, der mich gesandt hat.

Wer einen Propheten aufnimmt, weil es ein Prophet ist, wird den Lohn eines Propheten erhalten. Wer einen Gerechten aufnimmt, weil es ein Gerechter ist, wird den Lohn eines Gerechten erhalten. Und wer einem von diesen Kleinen auch nur einen Becher frisches Wasser zu trinken gibt, weil es ein Jünger ist – Amen, ich sage euch: Er wird gewiss nicht um seinen Lohn kommen.

Quelle: Lektionar für die Bistümer des deutschen Sprachgebiets. Authentische Ausgabe für den liturgischen Gebrauch. Band I: Die Sonntage und Festtage im Lesejahr A, Freiburg u. a. 2019. © staeko.net

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Autor:
  • Portrait von Richard Geier
    Dr. Richard Geier
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