Toni Innauer: Skisprünge des Glaubens

Glaube im Sport
Ausgabe Nr. 8
  • Leben
Autor:
Passend für die Fastenzeit: Tipps, wie man den „Schweinehund“ in sich selber überwindet, fit wird, besser schläft und dadurch den eigenen Alltag verbessert. ©Mariya Nesterovskya Mittermayer

Der legendäre Skisprung-Olympiasieger Toni Innauer über die tiefgründige Verbindung zwischen mentaler Stärke und sportlichem Erfolg.

 

Von 23. bis 25. Februar macht der Skisprung-Weltcup Station auf der Skiflugschanze im bayerischen Oberstdorf. Dort verbesserte Toni Innauer im März 1976 den Weltrekord im Skifliegen gleich zweimal – auf 174 Meter und 176 Meter. Seine größten Erfolge waren das Olympiagold auf der Normalschanze in Lake Placid 1980 und das Olympiasilber in Innsbruck 1976 auf der Großschanze. 

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Mit 22 Jahren haben Sie die Sportlerlaufbahn beendet und begonnen, zusätzlich zu Sportwissenschaften auch Psychologie zu studieren. Das war damals noch nicht so en vogue wie Jahrzehnte später.

Toni Innauer: Bei mir war es schon der Spitzensport und auch mein Lehrer und Trainer Baldur Preiml, der das Interesse an dem, was sich im Kopf und emotional abspielt, geweckt hat. Wir haben damals schon mit einfachen Methoden und Werkzeugen der Sportpsychologie gearbeitet. Preiml war der Erste, der versucht hat, uns systematisch autogenes Training beizubringen.

War das der Beweggrund, sich tiefergehend damit zu beschäftigen?

Innauer: Wenn alles 100-prozentig funktioniert hätte, hätte ich kein Studium gebraucht. Es hat eben nicht alles immer so funktioniert. Bei den Olympischen Spielen in Innsbruck 1976 habe ich in Führung liegend den zweiten Durchgang verhaut. Ich habe einfach nicht mehr die Energie aufgebracht. Damit habe ich angefangen, mich wirklich brennend dafür zu interessieren, was da dahintersteckt. Wieso habe ich plötzlich so anders getickt, obwohl ich eigentlich zu der Zeit wahrscheinlich der stärkste Skispringer der Welt gewesen bin? Ich konnte es einfach nicht richtig umsetzen. Für mich faszinierend war dann später, noch tiefer reinzugehen, Ansätze, Systematiken und Trainingsmethoden kennenzulernen und als Trainer weiterzugeben, weil ich gemerkt habe, da wäre bei mir selbst auch noch mehr drinnen gewesen, wenn es um das Neulernen, auch um das persönliche Rollenverständnis geht. All die Dinge spielen im Spitzensport heutzutage noch mehr eine Rolle, weil man viel mehr Person der Öffentlichkeit ist als früher.  

Wie wichtig ist der Glaube an sich selbst für den einzelnen Sportler?

Innauer: Glaube ist eine unwahrscheinlich starke Kraft.  Wenn ein Sportler merkt, der Trainer glaubt daran, dass ich das lernen und ich mich wirklich entwickeln werde, dann gibt mir das Kraft. Das ist etwas, was mich erleichtert, denn ich muss nicht alles selber tragen. Ein Skispringer, der nicht daran glaubt, dass es ihn trägt, der wird nicht fliegen, weil er kann sich das gar nicht vorstellen. Es ist zu komplex und reguliert sich auf so vielen unterschiedlichen Ebenen, nicht nur mit dem Kopf und mit den Muskeln. Es sind sehr viele Dinge, die dazu führen, dass einer fliegt. Was Halt gibt, ist,  um Hans Küng zu zitieren, „Vertrauen, das trägt“. Das Vertrauen in Fähigkeiten von uns als Team, von mir als Trainer, von mir als Sportler. Das ist das Vertrauen in meine Technik, in mein Material. Das ist im buchstäblichen Sinne das Element, das den Skispringer trägt. Dies ist die einzige Rückversicherung: der Glaube an sein Können, dass er das schaffen wird.  

Kann religiöser Glaube auch eine Rolle im Sport spielen?

Innauer: Mir hat als junger Sportler der religiöse Glaube geholfen. Ich komme aus dem Bregenzerwald, wo man katholisch aufwächst. Es hatte natürlich viel mit der Erziehung zu tun, aber auch mit einem sehr traumatischen Erlebnis als 14-Jähriger. Mein bester Freund ist beim Skisport tödlich verunglückt. Er hat immer wieder zu mir gesagt: „Du bist ein Supertalent, aber eine faule Sau. Du solltest einfach mehr tun und dich nicht auf deinem Talent ausruhen. Dann könntest du ganz weit kommen, weiter als wir alle.“  Dann habe ich für mich den Vorsatz genommen, selbst wenn ich scheitere, wenn es nicht reicht, werde ich das Beste geben. Ich werde alles geben, was ich habe. Ich habe daran geglaubt, dass Arthur mein Schutzengel ist und auf mich schaut. Das hat mir Kraft gegeben. Der religiöse Glauben bietet Orientierung. Es ist nicht nur die gesellschaftliche Regulierung und Strukturierung bedeutungsvoll, dass die Menschen einen ethischen Kodex haben, wo sie sich aufeinander verlassen können, wenn sie dieses und jenes tun, sondern dass auch dieses Gefühl besteht: Es gibt etwas Größeres als mich.

Sind Sie ein gläubiger Mensch?

Innauer: Ich habe unter anderem Weltanschauungsanalyse bei sehr guten Professoren in Graz studiert, Ernst Topitsch, Johann Götschl usw. Ich bin dann ein sehr kritischer Denker geworden. Es hat mir zwar Vergnügen bereitet, wissenschaftlich zu analysieren,  wie unterschiedliche Glaubenssysteme entstehen. Das hat aber den Glauben logischerweise ein bisschen relativiert. Deshalb bin ich heute nicht leicht einzuordnen. Ich habe Verständnis und großen Respekt vor Menschen, die glauben und die dadurch auch mit Sicherheit sogar im Sport Halt und Kraft bekommen. Ich bin teilweise ein besserer Sportler gewesen, weil ich geglaubt habe, es ist nicht nur meine Leistung, sondern wenn es dem da oben recht ist, dann wird das funktionieren. Das macht dich eindeutig lockerer, das ist Faktum.

Autor:
  • Stefan Hauser
  • Porträtfoto von Markus Langer
    Markus A. Langer
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