Reduktion ist ein Gewinn

In Beziehung kommen
Ausgabe Nr. 6
  • Leben
Autor:
Die Kraft der Klosterkräuter: Pater Johannes Pausch kennt die Wirkstoffe der Heilpflanzen, ihre Anwendung und Geschichten wie kein Zweiter. In der Fastenzeit teilt er sein Wissen und gibt praktische Tipps für die Gestaltung der Fastenzeit. ©Rupertusblatt

Pater Johannes Pausch OSB plädiert für die Reduktion und das gute Maß. Beides – so seine Überzeugung – ist letztlich ein Gewinn. Den Heilkräutern kommt bei ihm eine besondere Bedeutung zu. Über ihre Wirkkraft und das In-Beziehung-Kommen mit der Natur schreibt er in der Fastenzeit.

Sie öffnen heuer für die Leserinnen und Leser der Kirchenzeitungen Ihre Kräuterschatztruhe. Die Fastenserie trägt den Titel „Was Leib und Seele gut tut“. Weshalb gehören Leib und Seele für Sie zusammen?

P. Johannes Pausch: Mir ist es ein Anliegen, diese Einheit zu betonen. Die Heilkräuter sind genuine Helfer für beide Ebenen. Deshalb braucht es unbedingt dieses Zusammenspiel. Das Fasten ist schließlich ein klassisches Zusammenwirken von Leib und Seele, von Geist und Materie. Das gehört unbedingt zusammen.

In einem Ihrer Bücher schreiben Sie: „Die Seele macht den Menschen lebendig.“ Wer aus dem Gleichgewicht geraten ist, muss ihr mehr Raum geben. Die Krisen unserer Zeit bedeuten für viele Leute eine enorme Belastung. Wie können wir in Balance bleiben?

Der sicherste (Fasten)-Tipp, um in Balance zu kommen: Reduktion ist die Voraussetzung für Gewinn. Das gilt auf allen Ebenen. Beim Fasten geht es um Reduktion im Essen, im Denken und im Leben. Die Reduktion bringt uns wieder mehr in die Mitte. Und immer wenn wir reduzieren, gewinnen wir etwas. Beim heiligen Benedikt gibt es einen schönen Satz im Fastenkapitel: Die Laster mäßigen. Das heißt, wir sollen alles, was uns belastet, mäßigen – ein gutes Maß finden. Das geht in den allermeisten Fällen über die Reduktion. Wir sollten aber Fasten nicht mit hungern verwechseln.  

Fasten ist mehr als eine Schlankheitskur, haben Sie einmal treffend gesagt.

Es soll vor allem eine sinnvolle Reduktion sein. Häufig verstehen Menschen das nicht mehr so richtig. Es muss für sie immer mehr und nicht weniger sein. Wenngleich uns heute die Umwelt- und Klimaschützer vermitteln, Reduktion wäre das angesagteste Verhalten. Das gilt für Äußerlichkeiten und für die Psyche. Wobei Letzteres viel schwieriger ist. Traurigkeit, Niedergeschlagenheit, Wut und Zorn reduzieren – wie soll das gehen? Hier gilt ebenso die Faustregel, sich zu mäßigen. Wir schaffen es nicht, alles zu beseitigen, was an uns hängt.

Die heilige Hildegard von Bingen sagt übrigens, dass für fast alle Krankheiten und Belastungen das Fasten eine Hilfe ist. Nur der Stolze kann nicht fasten. Er würde seine Fastenergebnisse wie eine Gewichtstabelle vor sich her tragen. Stolz verhindert die Heilung und jede Kommunikation.

Werbung

Kommen wir zurück zu den Heilkräutern. Sie haben da einen ganz speziellen Ansatz. Sie betonen, dass sich ihre Wirkkraft erst dann entfaltet, wenn wir das ganze Wesen der Heilpflanze und nicht nur einen einzelnen Wirkstoff erkennen. Dazu gehören auch Bilder und Geschichten.

Das ist plausibel. Wenn Sie einem Kind ein Märchen erzählen, ist das heilsam. Es passiert etwas im Inneren. Wenn Sie beim Arzt sind, ist es genau das Gleiche. Wenn Sie hingehen und er gibt Ihnen nur ein Rezept, kann es schon helfen. Wichtig ist genauso, dass der Arzt sagt: Frau Maier, ich weiß, es ist jetzt schwierig. Er berichtet von einer anderen Patientin, der die Behandlung schon geholfen hat. Er erzählt eine Geschichte und die heilt. Das heißt nicht, dass ich Medikamente ablehne. Aber wir brauchen auch diese Heilungsgeschichten. Wir sind da auf einem guten biblischen Grund. Im Evangelium heißt es von Jesus, er redete zu ihnen in Gleichnissen. Diese Geschichten sind bis heute heilsam.

Jede Pflanze ist ein Zeichen Gottes – seiner Liebe und Achtsamkeit für uns Menschen.

Pater Johannes Pausch

Wie sind Sie dazu gekommen, sich so intensiv mit Kräutern zu beschäftigen?

Das kommt aus meiner Kindheit. Ich habe mit sieben Jahren von meinem alten Heimatpfarrer ein dickes, leeres Schulheft geschenkt bekommen. Das war damals ein großes Geschenk. Er hat mich gelehrt, ein Herbarium anzulegen. Ich konnte gerade schreiben und habe das mit Leidenschaft gemacht. So hat es begonnen. Dieser gescheite Mann, ein Pfarrer-Kneipp-Typ, war nicht nur ein Seel- sondern auch ein Leibsorger. Wenn wir Buben uns bei einem Sturz mit dem Rad die Knie aufgeschürft haben, sind wir nicht nach Hause. Wir sind zum Pfarrer. Er hat Honig auf die Wunde gegeben. Das wirkte antiseptisch und desinfizierend. Es gab keine Entzündung. Ich habe ihn später gefragt: Ist das nur der Honig? Da hat er mir in seinem Garten die Bienenstöcke gezeigt, die von der Angelikawurz umgeben waren. Die Bienen haben aus den Blüten die kostbarsten Wirkstoffe rausgeholt. Diesen Angelikahonig hat er uns auf die Wunden getan. Solche Geschichten gibt es unzählige und sie alle haben zu meiner Leidenschaft für die Pflanzen beigetragen.

Die Leidenschaft hat mich nicht mehr losgelassen, sie ist geblieben, wenngleich nicht immer gleichmäßig stark. Während des Studiums war für die Heilpflanzen nicht mehr viel Platz. Das änderte sich wieder bei meiner Ausbildung zum Psychotherapeuten. Als wir dann Kloster Gut Aich gegründet haben, mussten wir von etwas leben. Und was gibt es hier in diesem kleinen Seitental in St. Gilgen? Heilpflanzen, jede Menge, von oben in 2.000 Meter Höhe bis runter auf 600 Meter. Wir haben begonnen, daraus etwas zu machen

Haben Sie eigentlich eine Lieblingspflanze?

Ich vergebe nicht gerne Noten für meine Sympathien. Doch das Gänseblümchen ist schon ein Favorit. Wobei jede Pflanze ein Zeichen Gottes ist, seiner Liebe und Achtsamkeit für uns Menschen. Wenn wir das begreifen, müssten wir eigentlich vor Freude überschwappen.   

Der ägyptische Mönchsvater Pachomius sagt: „Wenn du Gott erfahren willst, musst du in den Garten gehen.“ Was bedeutet Ihnen die Natur?

Gehe in die Natur hinein, in die Vielfalt und nimm sie auf. Das wird dir gut tun und eine Fülle von Kraft geben. Davon bin ich überzeugt. In Japan bekommt man Waldspaziergänge auf Krankenschein verschrieben. Die Pflanzen- oder Klosterheilkunde hängt immer mit einer unmittelbaren Erfahrung zusammen. Ich muss es ausprobieren.

Ich muss es mit all meinen Sinnen spüren: sehen, riechen, tasten, schmecken. Da möchte ich die Menschen hinführen. Das ist sehr individuell. Das ist keine Massenerfahrung.  Wir laden auf Gut Aich regelmäßig Kinder und ihre Omas ein. Das ist ein gutes Gespann. Sie verbringen einen Nachmittag im Klostergarten. So fängt das Begreifen an, nicht nur mit dem Hirn, sondern mit den Händen. Da beginnt die Beziehung zu den Heilpflanzen. Und Beziehung heilt.

Beziehung ist die Grundlage und der Anfang des Lebens und aller Heilung.

Pater Johannes Pausch

Meine Nachbarin ist 104 Jahre alt geworden. Ich habe sie einmal gefragt: Was ist dein Geheimnis? Sie meinte: Ich hab jeden Tag einen Tee aus meinen Gartenkräutern getrunken. Welchen, fragte ich? Das ist eigentlich wurscht, meinte sie, gesund muss er halt sein. Ich weiß nicht, ob sie deswegen so alt wurde. Aber sie hatte eine Beziehung zu ihren Pflanzen und sie haben ihr geholfen. Darum geht es mir. Dass Menschen wieder Beziehungen aufbauen. Wenn Menschen Beziehung zu Pflanzen aufbauen, dann bauen sie Beziehung zu sich selber, zu anderen und auch zu Gott auf.

Sie haben sich als Prior des Klosters zurückgezogen und gesagt, Sie möchten mehr Einsiedler sein. Gelingt das?  

Es ist eine Wohltat, dass ich nicht mehr Gesamtverantwortung habe mit allen Wirtschaftsbetrieben. Und der Einsiedler ist ja nicht alleine. Ich wohne nicht direkt im Kloster, etwas daneben. Da ist ein Garten mit einer Hütte. Ich nenne es das Seniorenfreizeitzentrum von Winkl. Manchmal gehe ich zu den Menschen und bringe eine Jause mit. Dann reden wir über Gott und die Welt. Allein wenn ich die Stimmen vom Fenster aus höre, denke ich mir: Das ist gut. Es gehört zum Zuhausesein. Über den heiligen Benedikt wird gesagt: Er wohnte ganz bei sich selbst im Angesicht Gottes. Das wäre ein Ziel, auch in dieser Fastenzeit.    

Wie sieht Ihre persönliche Fastenzeit aus?

Da ich mobil eingeschränkt bin (Anm.: nach einem Unfall), wird meine Zeit durch Bewegungsfasten auf der einen und Physiotherapie auf der anderen Seite geprägt sein.
Allgemein halte ich mich an das Wort eines alten Mitbruders: Keinen Unfug übertreiben. Ich bin ja nicht so ein frommer Mensch. Für diese Fastenzeit habe ich mir aber noch eines vorgenommen: Ich werde für alle, die meine Fastenimpulse lesen, beten. Und: Ärger Fasten! Freude tranken!

Mit dem Fastenabo den SONNTAG kennenlernen

Lesen Sie die Serie zur Fastenzeit mit dem Klostergründer Pater Johannes Pausch und lernen Sie dabei den SONNTAG kennen. Zum einmaligen Preis von nur 8,00 EUR erhalten Sie 8 Wochen lang den SONNTAG. Das Abo endet automatisch. Zum Jahresabo um 69,00 EUR erhalten Sie ein handsigniertes Buch von Pater Johannes Pausch „Meine Kräuterschätze“ als Geschenk. Alle Informationen zum Fastenabo finden Sie unter: dersonntag.at/abo-service

 

Autor:
  • Ingrid Burgstaller
Werbung

Neueste Beiträge

| Leben
Glaube im Sport

Der legendäre Skisprung-Olympiasieger Toni Innauer über die tiefgründige Verbindung zwischen mentaler Stärke und sportlichem Erfolg.

 

| Spiritualität
Fastenserie mit Äbtissin Hildegard Brem - Teil 2

FASTENSERIE: Entdecken Sie die Weisheiten von Äbtissin Hildegard Brem zur Kunst des inneren Friedens in einer Welt voller Oberflächlichkeit. Wie tiefe Erfüllung und Frieden aus der inneren Sehnsucht erwachsen.

| Sonntagsjause
Die SONNTAGs-Jause

Johanna Gossner und Damian Keller sind kein Liebespaar. Als Duo Minerva sind die Klarinettistin und der Akkordeonspieler aber unzertrennlich und erfolgreich in der Musikszene unterwegs. Zur SONNTAGs-Jause servieren die beiden einen Kaiserschmarrn.