Man kann sich immer treu bleiben

Sommergespräch: Michael Ludwig
Ausgabe Nr. 35
  • Politik
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Der Wiener Bürgermeister kam zum Interview mit Monika Fischer ins Studio von radio klassik Stephansdom in unmittelbarer Nähe zum Dom.
Der Wiener Bürgermeister kam zum Interview mit Monika Fischer ins Studio von radio klassik Stephansdom in unmittelbarer Nähe zum Dom. ©radio klassik Stephansdom

Michael Ludwig ist Bürgermeister der 2-Millionen-Metropole Wien. Nicht immer begegnen ihm die Menschen freundlich, trotzdem versucht er, offen zu bleiben. Worüber er mit dem Papst gesprochen hat, ob es in der Politik Freundschaft gibt und wo er in Wien baden geht, waren Themen im Sommergespräch.

Der Frieden in seiner Heimatstadt ist dem Wiener Bürgermeister Michael Ludwig besonders wichtig. „Dankbar ist er dabei für die gute Partnerschaft mit den Religionen, insbesondere auch mit der katholischen Kirche.

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Michael Ludwig und das Gänsehäufel

Herr Bürgermeister, wir erleben in Wien wieder einen sehr heißen Sommer. Wo kühlen Sie sich am liebsten ab?

MICHAEL LUDWIG: Wenn ich Gelegenheit habe, in meiner Freizeit ein Bad zu benutzen, dann ist es sicher das Gänsehäufel. Das ist ein europaweit einmaliges Bad, das ganz unterschiedliche Bedürfnisse abdeckt. Es gibt Teile, da kann man sehr viel Spaß mit vielen Menschen haben, und es gibt Teile, wo man sich zurückziehen kann und eigentlich direkt in der Natur ist und auch am Wochenende fast ganz ruhig und alleine das Bad genießen kann. … 

Stephansdom als spiritueller Kraftort

Zu welchen Orten in Wien haben Sie eine besondere Beziehung?

Es gibt viele Gebiete, die ich in Wien besonders schätze. Weil wir uns hier in unmittelbarer Nähe des Stephansdoms befinden – das ist sicher ein besonderer Ort, ein Kraftort. Nicht nur das Wahrzeichen für Wien, sondern ich würde glauben für ganz Österreich. Auch deshalb, weil nach dem furchtbaren Brand im April 1945 alle Bundesländer zusammengeholfen haben, den Stephansdom wieder zu errichten. Es gibt ja viele deutliche Zeichen im Stephansdom, die darauf verweisen, wie sehr sich alle Bundesländer darum bemüht haben. Ich finde, er ist ein schönes Symbol dafür, dass wir ein Land sind, das insbesondere in Krisenzeiten zusammensteht. Von daher ist der Stephansdom natürlich ein spiritueller Kraftort und Zentrum der katholischen Kirche, aber darüber hinaus für viele Menschen auch ein Ort, an dem man sich aufrichten kann.

Michael Ludwig würde sich als religiös bezeichnen

Würden Sie sich als religiös bezeichnen?

Ich würde mich so bezeichnen. Ich bin ein Mensch, der auch zweifelt und um den eigenen Glauben ringt. Aber ich denke, es macht Sinn, sich auch mit Themen zu beschäftigen, die über unsere Endlichkeit hinausgehen, und von daher sehe ich mich nicht nur als religiösen Menschen, sondern ich bin ja auch Teil der katholischen Kirche und nutze meine Funktion als Wiener Bürgermeister auch, um alle Religionsgemeinschaften in Wien zu organisieren. Ich habe einen Religionsrat eingerichtet und bin sehr dankbar, dass auch Kardinal Schönborn hier sehr aktiv mitgewirkt hat, um deutlich zu machen, dass wir eine Stadt des Friedens, des Miteinanders sind und wir über Religionsgrenzen hinweg zusammenarbeiten wollen. Ich denke, das gelingt uns deutlich besser als anderen Teilen der Welt und das ist etwas, was auch für Wien steht. 
 

Ich habe Erzbischof Josef Grünwidl nicht nur kennengelernt, sondern auch sehr schätzen gelernt.

Bürgermeister Michael Ludwig

Bürgermeister Michael Ludwig und Erzbischof Josef Grünwidl

Wie gut kennen Sie Erzbischof Josef Grünwidl?

Ich habe Erzbischof Josef Grünwidl nicht nur kennengelernt, sondern auch sehr schätzen gelernt. Ich bin überzeugt, dass es gelingen wird, diese sehr gute Zusammenarbeit, die ich mit Kardinal Schönborn gehabt habe, über viele Jahre fortzusetzen. Wir sind uns, glaube ich, auch persönlich sehr nahe, wir haben auch das Du-Wort ausgetauscht. Ich bin sehr zuversichtlich, dass gerade auch durch diese besondere Menschlichkeit, für die Erzbischof Josef Grünwidl steht, es gelingen wird, viele Menschen anzusprechen, sich im Rahmen der katholischen Kirche zu engagieren.
 

Was Michael Ludwig und Toni Faber verbindet

Mit Dompfarrer Toni Faber sind Sie auch gut bekannt. Was verbindet Sie beide?

Mich verbindet mit Dompfarrer Toni Faber vor allem das Bemühen, Menschen für die katholische Kirche zu interessieren, die vielleicht sonst dieses Interesse über den traditionellen religiösen Weg nicht finden würden. Ich glaube, das ist die Stärke des Dompfarrers, dass er das Standbein in der katholischen Kirche hat, aber das Spielbein in Teilen der Gesellschaft, die vielleicht sonst nicht so für die katholische Kirche erreichbar sind. Es ist immer sinnvoll, dass man beides miteinander verbindet, denn wir wollen uns ja nicht in einem Dom zurückziehen, sondern wir wollen hinausgehen in die Welt. Wir wollen mit den Menschen im Dialog sein und Menschen dafür gewinnen, sich auch im Rahmen der katholischen Kirche zu engagieren. 
 

Besuch bei Papst Leo XIV.

Im Mai haben Sie in Rom Papst Leo XIV. getroffen. Sie haben miteinander über KI gesprochen.

Ich habe mich gefreut, dass sich der Papst mit diesem Thema beschäftigt hat. Einen Tag nach der Präsentation der Enzyklika war ich bei ihm in Rom und habe die Gelegenheit gehabt, mit ihm darüber zu sprechen. Ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass wir in Wien seit vielen Jahren unter dem Titel „Digitaler Humanismus“ einen Schwerpunkt setzen, der sich eins zu eins mit den Inhalten der Enzyklika deckt. Das hat ihn sehr interessiert. Ich habe das verbunden mit einer Einladung nach Wien, ich hoffe, dass er dieser Einladung entsprechen wird.

Michael Ludwig: „Ich habe immer versucht, dafür einzutreten, wie ich das sehe.“

Kann man sich in der Politik immer treu bleiben?

Ja, das kann man. Ich halte es für ein schweres Gerücht, dass man quasi immer genötigt ist, gegen den eigenen Willen vorzugehen. Das, kann ich sagen, habe ich nie gemacht. Ich habe immer versucht, dafür einzutreten, wie ich das sehe. Das hat mir nicht immer Applaus beschert, auch jetzt nicht. … Aber dazu muss man stehen. Das schadet einem auch nicht. Ich hab’ erlebt, wenn man konsequent seinen Weg geht, den argumentieren kann und das nicht zum Schaden anderer Menschen macht, dass das dann später von vielen akzeptiert wird und nachträglich auch als richtig eingeschätzt wird. Also, dass man sich in der Politik ständig verleugnen muss, halte ich für ein Gerücht und eigentlich für eine Feigheit.
 

Es gibt auch Enttäuschungen, aber es gibt auch viel Freundschaft.

Bürgermeister Michael Ludwig

Freundschaft in der Politik

Gibt es Freundschaft in der Politik?

Es gibt ganz viel Freundschaft. Es gibt auch Enttäuschungen, aber es gibt auch viel Freundschaft. Auch das ist ein Gerücht, dass man in der Politik nur mit Distanz mit anderen umgeht oder dass man quasi immer betrogen und belogen wird. Das stimmt nicht. Ich habe unglaublich viele Freundschaften erlebt in der Politik, viele sehr geradlinige, sympathische, offene Menschen. Dann gibt es halt ein paar andere auch, das ist natürlich so. Von daher bin ich ein großer Anhänger des Philosophen Viktor Frankl, der einmal gesagt hat: Es gibt zwei Rassen von Menschen, nämlich die Anständigen und die Unanständigen. Diese Einschätzung teile ich auch. 
 

Das geht über Parteigrenzen hinweg?

Absolut. Ich arbeite mit sehr vielen Menschen aus anderen Parteien sehr gut zusammen und ich arbeite nicht mit allen gut zusammen, die aus meiner eigenen Gesinnungsgemeinschaft kommen. Das ist so.

Michael Ludwig: „Viel Lebenszeit kosten mich Sitzungen“

Wenn man so ein hohes Amt innehat wie Sie als Bürgermeister, wie bleibt man trotzdem mit den Menschen in Kontakt – also mit denen, um die es in den täglichen Entscheidungen geht?

Formal mit unglaublich vielen Veranstaltungen. Ich bin ja sehr viel unterwegs, jeden Tag. Viel Lebenszeit kosten mich Sitzungen, die oft sehr zermürbend und zeitraubend sind, aber der Großteil ist mit dem Kontakt mit Menschen verbunden. Nicht jeder Kontakt ist nur freundlich und manches, gerade in einer politischen Funktion, ist auch damit verbunden, dass man von vielen nicht nur als der Mensch gesehen wird, sondern als das Bild, das man in der Öffentlichkeit abgibt. Man steht sehr oft für die Politik insgesamt, für eine Partei, für eine bestimmte Funktion. Das muss einem bewusst sein. Man muss lernen, damit umzugehen, und man muss sich hüten, zu zynisch zu werden. Man muss weiter ein offener Mensch bleiben.

Sorgfältiger miteinander umgehen

Wie gehen Sie mit solchen negativen Situationen um? 

Erfreulicherweise habe ich viele positive Kontakte. Wenn es einmal nicht so angenehm ist, dann hilft das sehr. Ich glaube, man muss immer ein bisschen in der Balance bleiben, auch für einen selber, man ist ja auch ein Mensch. Ich finde es nicht sehr gut, dass sich die generelle öffentliche Stimmung so sehr ins Negative dreht, auch durch mediale Berichterstattung. Ich sehe eigentlich auch in politischen Mitbewerbern immer primär den Menschen und versuche, niemandem absichtlich Schaden zuzufügen oder ihn emotional negativ zu beeinflussen. Vielleicht sollte man sorgfältiger miteinander umgehen und nicht zwingend anderen emotional schaden. Man soll nichts machen, was einem selber auch nicht angenehm ist, nach diesem Kant’schen Prinzip, dem kategorischen Imperativ, sollte man auch mit anderen umgehen. 

©Stadt Wien/Bubu Dujmic

Zur Person


Michael Ludwig wuchs in bescheidenen Verhältnissen in den Wiener Bezirken Neubau und Floridsdorf auf. Der studierte Politikwissenschafter und Historiker ist seit 2018 Bürgermeister von Wien.

©David Kassl

Sommergespräch


Eine Kooperation von radio klassik und Der SONNTAG. Das gesamte Interview mit Michael Ludwig finden Sie auf radioklassik.at/podcast in der Rubrik Sommergespräche.


 ▶ radioklassik.at/podcast

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Autor:
  • Monika Fischer
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