Grubenunglück 1924: Eine Tragödie und ihre Helden

Katastrophe unter Tage
Ausgabe Nr. 24
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Beim Grubenbrand 1924 fanden 29 Bergarbeiter den Tod.
Beim Grubenbrand 1924 fanden 29 Bergarbeiter den Tod. ©Johannes Hartl
Die Beisetzung der Toten des Grubenunglücks in Gloggnitz.
Zum Trauerzug für die Toten des Grubenunglücks kamen 30.000 Menschen nach Gloggnitz. ©Johannes Hartl

Am 26. Juni 1924 ereignete sich in Hart, Enzenreith das größte Grubenunglück der Ersten Republik. Dabei kamen 29 Bergleute auf tragische Weise ums Leben.

Vizebürgermeister Johann Haiden erzählt über das menschliche Versagen und die Dramatik, die dieses Bergwerksunglück für die Menschen in der Region bedeutete. An die – mit Unterbrechungen – hundert Jahre war das Bergwerk in Hart in Betrieb, von 1840 bis 1943. Hier wurde Braunkohle abgebaut. Gegenüber dem SONNTAG erläutert der Vizebürgermeister von Enzenreith, Johann Haiden (SPÖ), die Hintergründe dieses größten Grubenunglücks in der Zwischenkriegszeit: Menschliches Versagen, das rücksichtslose Vorgehen der Grubenleitung und die unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen.

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Viele Opfer wurden vom Gas überrascht und erstickten

Warum kam es am 26. Juni 1924 zu dem größten Grubenunglück der Ersten Republik in Hart, Gemeinde Enzenreith?

JOHANN HAIDEN: Seit längerer Zeit brannte es in einem abgedämmten Bereich des Bergwerks. In diesem abgedämmten Bereich wurde ein Lüftungsrohr belassen und mit eingemauert. Durch die Öffnung der Abdämmung –  offenbar um nachzusehen, ob der Brand schon erstickt war - beziehungsweise durch Schaden am Lüftungsrohr strömten giftige Gase aus zwei Quellen in einen Teil des Bergwerks. Die Bergarbeiter wurden bei Arbeitsbeginn nicht gewarnt, dass die Abdämmung teilweise geöffnet wurde. Zudem wurden erste Wahrnehmungen von Gasgeruch seitens der Arbeiter vom Vorgesetzten nicht ernst genommen. Viele Opfer wurden vom Gas überrascht und erstickten an Ort und Stelle. So ein Vater mit seinen beiden Söhnen. Zeitnah zum Unglück besuchte Bundespräsident Michael Hainisch den Schauplatz sowie die Familien der Opfer und spendete Trost.

Grubenunglück: Es fehlte an ausgebildeten Rettungstrupps

Wie sah die Rettung aus, gab es Helden, die ihr Leben riskierten? 

Unzureichende und schadhafte Rettungsapparate (Gasmasken, Sauerstoffbehälter …) sowie das nahezu gänzliche Fehlen eines ausgebildeten Rettungstrupps (dies war der Grubenleitung zu kostspielig) trugen ebenfalls zur hohen Opferanzahl bei. Erst die vom Bergwerk in Grünbach am Schneeberg (mehr als 30 Kilometer entfernt) herbeigerufene Rettungsmannschaft konnte professionell helfen – jedoch zu spät. Die ersten Retter aus Enzenreith, die sich in das Bergwerk begaben, befanden sich aufgrund der schlechten Ausrüstung selbst in höchster Lebensgefahr. Seitens dieser ersten Retter sind vor allem zwei Personen zu erwähnen. Der damalige Vizebürgermeister von Enzenreith, Josef Zwinz, rettete in sechs bis sieben Anläufen mehrere Menschen. Beim letzten Einstieg ins Bergwerk – wieder um zu retten – kam er selbst ums Leben. Der Förderer Josef Schmiedbauer stieg mindestens viermal in den Schacht und rettete seine Kameraden. Beim letzten Versuch ereilte auch ihn das Schicksal.
 

Grubenunglück brachte Familien um Ernährer

Was bedeutete in dieser schweren Zeit dieses Unglück für die Angehörigen der Bergleute? 

Bei vielen Familien fehlte mit einem Schlag der Ernährer. Zusätzlich zum menschlichen Leid und zur Trauer kam die Sorge um die Existenz. Der Rückhalt in der Bevölkerung durch Spenden war teils sehr stark, konnte aber nur eine gewisse Zeit Hilfe bieten. Spenden von öffentlicher Seite (Bund, Land ...) sowie eine spätere kleine Rente für die Hinterbliebenen waren kaum ausreichend. Teilweise sorgten die Opfer für pflegebedürftige Angehörige zu Hause. Zudem wird berichtet, dass ein Opfer noch im Alter von 70 bis 72 Jahren gezwungen war, den Beruf im Bergwerk auszuüben. Dies löste eine Diskussion über Pensionen und Arbeiterfürsorge aus. Noch eine Anmerkung: Es wird berichtet, dass 30.000 und mehr Trauernde nach Gloggnitz kamen, um dem Begräbnis am Sonntag beizuwohnen. Zum Vergleich: Gloggnitz hat 6.000 Einwohner, Enzenreith 2.000 Einwohner. Einer der ver- unglückten Bergmänner wollte an diesem Sonntag – seinem Begräbnistag – heiraten. Die Braut ging mit Myrthenkranz im Trauerzug mit.

Zur Person

Johann Haiden 

Haiden ist seit 2023 neuer Vizebürgermeister in Enzenreith.

Schlagwörter
Autor:
  • Stefan Kronthaler
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