Kirchenlehrerinnen: Die unerzählte Geschichte der Frauen

Josef Weismayer
Ausgabe Nr. 44
  • Spiritualität
Autor:
Mögliche Kirchenlehrerin: Madeleine Delbrêl ©Andreas Praefcke/2
Josef Weismayer lehrte Dogmatische und Spirituelle Theologie an der Universität Wien. ©kathbild.at/Rupprecht
Faszinierend: Elisabeth von der Heiligen Dreifaltigkeit, auch Elisabeth von Dijon genannt. ©AFP/picturedesk.com
Engagiert mit dem hl. Franz von Assisi: die hl. Klara von Assisi. ©Wikimedia Commons
Mögliche Kirchenlehrerin: Gertrud von Helfta ©Wikimedia Commons
Mögliche Kirchenlehrerin: Mechthild von Magdeburg ©Elmar Feitenhansl

Entdecken Sie die potenziellen Kirchenlehrerinnen der Zukunft – Univ.-Prof. Josef Weismayer beleuchtet fünf inspirierende Frauen in der Kirchengeschichte.

Der große Kirchenrechtler Prospero Lambertini (als Papst: Benedikt XIV., 1740–1758) hat in seinem bedeutenden Werk über das Verfahren der Selig- und Heiligsprechung erstmals ein „Anforderungsprofil“ für die Verleihung des Titels „Kirchenlehrer“ skizziert. „Als wichtige Lehrer des Glaubens hatte man schon seit dem 8. Jahrhundert die Heiligen Augustinus, Ambrosius, Papst Gregor und Hieronymus verehrt und sie als lateinische Kirchenväter bezeichnet“, sagt der langjährige Universitätsprofessor für Spirituelle Theologie in Wien, Josef Weismayer, zum SONNTAG: „Analog verehrt auch die Ostkirche bedeutende Lehrer als Kirchenväter wie Basilius, Gregor von Nazianz, Johannes Chrysostomus und Athanasius.“ Im gleichen Kapitel seines Werkes kommt Lambertini auch auf den Titel „Apostel“ zu sprechen. „Dabei meint er nicht die 12 Apostel, die Jesus erwählt hat, sondern es geht ihm um die Berechtigung dieses Titels für Heilige, die nicht zu den Zwölf gehörten, aber in der Tradition der Bibel und der Alten Kirche ,Apostel‘ genannt wurden. Denn schon in Texten des Neuen Testaments wird die Bezeichnung ,Apostel‘ für Personen verwendet (z. B. Paulus, Barnabas), die in der Verkündigung des Evangeliums „bis an die Grenzen der Erde‘ Großes geleistet haben“, weiß Weismayer.

„Der Titel Kirchenlehrer ist vergleichbar dem Ehrendoktor in der Wissenschaft.“

Josef Weismayer

Werbung

Welche Rolle spielte bei den Kirchenlehrern die Frömmigkeit?

JOSEF WEISMAYER: Zurückblickend kann man sagen, dass der Titel eines Kirchenlehrers eigentlich „von unten“ gebräuchlich wurde und nicht das Kirchenrecht tangierte, sondern die Frömmigkeit, die Heiligenverehrung. Prospero Lambertini spricht von drei Kennzeichen, Kriterien als Voraussetzung, dass jemand als „Lehrer“ verehrt wird: herausragende Lehre, große Heiligkeit des Lebens und feierliche Erklärung der Kirche. Man könnte den Titel „Kirchenlehrer“ mit der Auszeichnung eines bedeutenden Wissenschaftlers als „Ehrendoktor“ vergleichen. Heiligmäßige Menschen, die die Glaubensbotschaft verkündet haben und die für einen bedeutenden Kreis von Christen Orientierung und Wegweisung boten, wurden für diese ihre Wirkung kirchlich anerkannt und geehrt.

Seit wann gibt es „Kirchenlehrer“?

Die „Promotion“ eines Heiligen oder einer Heiligen als „Kirchenlehrer“ war eine Aktion des Volkes Gottes, erst in der Neuzeit wurde der Titel vom Papst verliehen. Die Erklärung zum Kirchenlehrer war auch anlassbezogen. Papst Franziskus hat z. B. erst 2022 den hl. Irenäus (gestorben 202), Bischof von Lyon, zum „Kirchenlehrer“ erhoben, aber seinem Gewicht nach war er das schon immer, denn in ihm begegnet uns die lehrhafte Tradition des hl. Apostels Johannes. Natürlich kann der Papst auch die „Zulassungsbedingungen“ bzw. die sogenannten Merkmale für die Erhebung zum Kirchenlehrer, zur Kirchenlehrerin verändern.

Nur vier der insgesamt 37 Kirchenlehrerinnen und Kirchenlehrer sind Frauen. Warum sind es so wenige?

Eine sehr pragmatische, aber im Grund auch sehr beschämende Antwort: Man hatte mit „Lehre“ hauptsächlich die wissenschaftliche Lehre gemeint, aber auch die Verkündigung der Bischöfe. Das war „Männersache“. Zum Vergleich: Erst vor etwa 100 Jahren haben die ersten Frauen ihr akademisches Studium mit einem Doktorat abschließen können. Ein weiterer Aspekt: Die spirituelle Unterweisung, die „kniende Theologie“, wurde im Vergleich zur „sitzenden Theologie“, der Theologie, die an Hochschulen unterrichtet wurde, nicht voll ernst genommen. Die Lehre der Spirituellen Theologie hat man der geistlichen Bildung in den Priesterseminaren und in den Noviziaten der Ordensgemeinschaften zugeschrieben.

Was ist das Interessante an den vier Kirchenlehrerinnen Teresa von Ávila, Katharina von Siena, Thérèse von Lisieux und Hildegard von Bingen? Sie waren alle keine Theologinnen …

Diese vier Kirchenlehrerinnen waren keine akademischen Dozentinnen, aber sie haben, jede für ihren Bereich, große Impulse für das christliche Leben gegeben.

Welche Frauen – in chronologischer Reihung – kämen aus Ihrer Sicht als neue Kirchenlehrerinnen in Erwägung? Aufgrund welcher theologisch-spirituellen „Leistung“?

  1. Klara von Assisi (gestorben 1253) überlebte Franz von Assisi (gestorben 1226). Sie versuchte, das Ideal des Lebens der Armut, das Franz von Assisi verkündete, mit einer kleinen Gemeinschaft von Frauen in der kleinen Kirche von San Damiano zu verwirklichen. Die Armut hat sie nicht nur gelebt, sondern auch durch ihre Schriften verteidigt und begründet, z. B. in ihrem Testament und in den vier Briefen an die hl. Agnes von Prag.
     
  2. Gertrud von Helfta wurde schon bald nach ihrem Tod als „die Große“ bezeichnet (gestorben 1301/1302): Ihre geistlichen Erfahrungen hatten als lehrhaftes Fundament die Heilige Schrift und die Werke der Kirchenväter. Wichtige Schriften: „Legatus divinae pietatis“ und „Exercitia spiritualia“. Sie pflegte eine besondere Verehrung des Herzens Jesu. Es wäre zu überlegen, ob man nicht das gesamte Ensemble der Frauen von Helfta „mitnehmen“ sollte: Gertrud von Hackeborn (gestorben 1291), Mechthild von Hackeborn (gestorben 1298/99) und
     
  3. Mechthild von Magdeburg (gestorben 1282), ursprünglich Begine, Eintritt in Helfta etwa 1270. Beginen waren fromme Frauen, Witwen und Jungfrauen, die ohne Gelübde und Regel allein oder in kleinen Gemeinschaften unter der Leitung einer Magistra ein geistliches Leben führten. Mechthild ist eine eigene Größe. Ihre bedeutende Schrift: „Das fließende Licht der Gottheit“.
     
  4. Elisabeth (Catez), als Karmelitin Elisabeth von der Heiligsten Dreifaltigkeit, auch Elisabeth von Dijon genannt (gestorben 1906). Hans Urs von Balthasar widmete der Karmelitin eine eigene Publikation. Heiliggesprochen wurde sie von Papst Franziskus am 16. Oktober 2016. Sie pflegte eine besondere Dreifaltigkeitsfrömmigkeit.
     
  5. Madeleine Delbrêl (gestorben 1964), ein Seligsprechungsprozess dürfte schon im Laufen sein. Sie lebte und wirkte sozial engagiert in der kommunistischen Hochburg Ivry-sur-Seine am Stadtrand von Paris. Durch ihre dichterische und künstlerische Begabung konnte sie die Spiritualität eines christlichen Lebens mitten in der Welt unverwechselbar artikulieren. Zwei Buchtitel über sie scheinen mir den Schwerpunkt wiederzugeben: „Christ in einer marxistischen Stadt“ (eine von ihr verfasste Schrift über ihre Tätigkeit und ihr Leben in Ivry-sur-Seine) und „Die Straßen der Stadt sind die Wege Gottes“.

„Sollte man nicht das gesamte Ensemble der Frauen von Helfta mitnehmen?“

Josef Weismayer

Brauchen wir also mehr Kirchenlehrerinnen?

Ja, unbedingt. Um auch die Bedeutung der Rolle der Frau in der Kirche zu unterstreichen. Die Frauen, die in der Vergangenheit „Theologisches“ geschrieben oder veröffentlicht haben, waren allerdings nicht an „Lehren“ so sehr interessiert, sondern an geistlicher Wegweisung, an Spiritualität. Daher können Frauen als Kirchenlehrerinnen vor allem das konkrete Leben der Christen fördern und die Praxis des spirituellen Lebens bereichern.

Autor:
  • Stefan Kronthaler
Werbung

Neueste Beiträge

| Wien und Niederösterreich
Klemensfest 2024

Erfahren Sie, wie 500 Kinder in einem Festprogramm in der Wiener Innenstadt den Lebensweg des Heiligen Klemens Maria Hofbauers entdeckten.

| Sonntag
Dreifaltigkeitssonntag

Gedanken zur 1. Lesung von Sr. M. Anna Pointinger

| Leben
Politik und Kirche

Was macht einen guten Manager aus? Warum ist das Image der Politik so schlecht? Über diese Themen und mehr hat der SONNTAG mit dem ehemaligen Spitzenpolitiker Thomas de Maizière gesprochen.