Einfach ins Grün schauen

Sommerserie 2023 - Teil 3
Ausgabe Nr. 28
  • Leben
Autor:
Andrea Berger-Gruber leitet das Schulamt der Diözese Eisenstadt und das diözesane
Gymnasium Wolfgarten.
©Maldacker
Beete, Wiesen, Gartenhaus – Andrea Berger-Gruber genießt den Ausgleich in der
Gartenarbeit.
©Maldacker
Michael Masseo Maldacker ist Kapuziner und Journalist ©BSchauer-urkart

Andrea Berger-Gruber führt ein Leben zwischen Spannung und Anspannung, zwischen Termindruck und Ruhe, zwischen Geschäftigkeit und Kontemplation. Ihr Tipp: im Grünen Kraft für den Alltag sammeln.

Es ist ein Gewusel: Schülerinnen und Schüler toben durch den Flur, schreien, lachen, rennen, schubsen – Lärm und Anspannung pur. Es ist ein Gewusel: Schmetterlinge gleiten durch die Luft, machen ein paar Flügelschläge, Bienen summen dicht daneben, fliegen Kapriolen, liefern sich Wettrennen – Ruhe und Entspannung pur. Andrea Berger-Gruber ist an beiden Orten zu Hause: Die Schule ist der Arbeitsplatz der Schulleiterin, die Natur ist der Lieblingsplatz der Gartenliebhaberin. „Das entschleunigt und entspannt“, benennt die Burgenländerin den „Erfolg“, den ihr Lustort Garten ihr beschert, „auch im Umgang mit den Menschen.“ Sich im Garten aufzuhalten, das ist die Leidenschaft von Andrea Berger-Gruber, die Freiheit, die sie sich nimmt. Ihr Kraftort Garten liegt in Draßmarkt im Mittelburgenland, fast 50 Kilometer von der Landeshauptstadt Eisenstadt entfernt, und ist mit fast einem Hektar (10.000 Quadratmetern) Größe nicht beschaulich, sondern riesig, rund um ihr Haus herum.

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Von allem ein bisschen

Der Garten ist ein früheres Feld, das sie von ihren Eltern geerbt hat. Heute ist er von allem ein bisschen – Wiese (wird nur zweimal pro Jahr gemäht, ist mit unzähligen Wildblumen durchsetzt), Rasen (ist kultiviert und kurzgeschoren), Gemüsebeete, Blumenbeete, ein Tomatenhaus. Außer der Wiese hat Andrea Berger-Gruber auch andere wilde Flächen im Garten, etwa die Brennnesseln, die sie als Lebensraum für die Schmetterlinge stehen lässt. Sie lieben Brennnesseln. Auch Eichkätzchen und zahlreiche Vogelarten tummeln sich im Garten, darunter Fasane und ein Kuckuck. Da passt es natürlich vorzüglich, dass der Mann der Schuldirektorin Forstwirt ist. Er ergänzt den Garten durch zahlreiche seltene Baumarten. So hat er etwa Speierlinge und Elsbeeren gepflanzt. Daneben vermehrt sich der wunderschöne alte Baumbestand.

Leistungsstark

Baumstark wirkt Andrea Berger-Gruber als Leiterin des Gymnasiums der Diözese Eisenstadt Wolfgarten, oberhalb der Landeshauptstadt. „Durchsetzungsfähig und kommunikativ“ müsse man für den Job sein, sagt die 62-Jährige. „Und fleißig“, lächelt sie. Andrea Berger-Gruber hat es durch ihre langjährige Arbeit im Schulbereich zu hohen Ehren gebracht, sie darf sich Hofrätin nennen. Ihren wissenschaftlichen Werdegang drücken zwei Hochschulabschlüsse aus – sie ist Ernährungswissenschaftlerin und Religionspädagogin und hat einen Masterabschluss in Wirtschaftsberatung und Unternehmensführung.
Bei den vielen Herausforderungen im Schulalltag muss die Direktorin möglichst immer kühlen Kopf bewahren. Sie hat viel mit Menschen zu tun und ist eine besonnene Frau. Da gibt es Streitigkeiten zwischen Schülern und Eltern, Eltern und Lehrpersonen, Schülerinnen und Lehrpersonen, Schülern und Schülerinnen und auch bei den Lehrerinnen und Lehrern untereinander. Und überall muss eine Lösung her. Konfliktbewältigung und Streit- schlichtung, Versöhnung und Zusammenführen sind für Andrea Berger-Gruber Alltag.

Wow-Effekt

Viel Arbeit gibt es nicht nur in der Schule, sondern auch im Garten.
„Aber die körperliche Arbeit tut gut als Ausgleich, weil ich im Job vor allem sitze“, freut sich die Schulleiterin, die auch Mutter einer erwachsenen Tochter und Großmutter ist. „Das Besondere ist eigentlich etwas ganz Gewöhnliches, nämlich einfach ins Grün zu schauen. Da ist der ‚Wow-Effekt‘ jedes Mal neu. Ich kann immer wieder staunen, wie schön mein Garten ist“, kann sie auch nach Jahrzehnten noch schwärmen. „Das macht mich glücklich und ruhig und dankbar“, sagt die gläubige Katholikin.

Mit anderen leben

In der Dankbarkeit über das ihr Geschenkte teilt sie ihren Garten gerne mit anderen. Ihre Enkelin ist häufig zu Gast, auch andere Gäste lädt die Naturliebhaberin gerne in ihren Kraftort Garten ein. Er erinnert sie täglich neu, „wie schön die Schöpfung ist“. Dieses Gefühl hat Andrea Berger-Gruber das ganze Jahr über. Zu jeder Jahreszeit erfreut sie der Anblick: „Im Sommer ist es die Fülle der Pflanzen, Formen und Farben, im Winter beeindruckt mich der weite Blick auf die Felder bis zum Horizont“, lässt uns die lebensfrohe Frau an ihrer Freude teilhaben.

Mit Freude hat Andrea Berger-Gruber auch beinahe ihr ganzes Leben lang kirchliche Ehrenämter bekleidet. In ihrer Jugend war sie Jungschar- und Jugendleiterin in der Pfarre. Sie leitete Firmgruppen, war über viele Jahre Dekanatsleiterin der Katholischen Frauenbewegung, war bis vor einem Jahr und „gefühlt ein Leben lang“, wie sie sagt, Pfarrgemeinderätin. Heute leitet sie – als einzige Frau – Wortgottesfeiern in ihrer Pfarre Zum Heiligen Andreas in Draßmarkt. „Der Glaube ist für mich wichtig“, bekennt die 62-Jährige überzeugt. Sie lächelt zufrieden und fügt hinzu: „Glaube ist etwas, das lebt zwischen Dankbarkeit und Zweifeln, letztlich aber immer wieder trägt und Sicherheit und Geborgenheit gibt.“

Lustvoll barfuß

Andrea Berger-Gruber fährt täglich mit ihrem Elektroauto zur Schule. Wenn es möglich ist, nutzt sie die öffentlichen Verkehrsmittel mit ihrem Klimaticket. Auch so möchte sie die Schöpfung bewahren helfen. Trotzdem schätzt sie eine ganz andere Art der Fortbewegung noch viel mehr: „Barfuß durch den Garten zu gehen, ist ein unglaublich lustvolles Erlebnis“, lacht sie schelmisch, „das ist meine besondere Freiheit“.
Freiheit in Andrea Berger-Grubers Garten, jetzt an einem Abend im Juli: Die Gräser wiegen sich gemütlich im Wind. Es duftet nach Lavendel. Ein Specht hämmert. Nur Ruhe. Kein Gewusel.

Frei werden: Sicheren Halt haben

Damit ein Baum in die Höhe wachsen und seine Äste ausstrecken kann, ohne bei stärkerem Wind gleich umgerissen zu werden, braucht er gut verankerte Wurzeln im Boden. Ähnliches gilt auch für uns Menschen. Damit ich mich frei fühlen und mich ganz ausstrecken kann (zum Himmel, zu meinen Mitmenschen, zu großen Aufgaben hin, …), brauche ich einen guten Boden, auf dem ich sicher stehen kann. Ich brauche Halt in meinem Leben, um mich geborgen und geschützt fühlen zu können. Letztlich brauche ich ein tiefes Vertrauen in die Stabilität des Seins. Als religiöser Mensch kann ich mich von Gott getragen und gehalten fühlen. Das Gefühl des Gehalten-Seins kann auch im Alltag erfahrbar werden: in stabilen Beziehungen, in einer sinnvollen Tätigkeit, in Ritualen und Routine, in der Tatsache, dass ich atme und mein Herz schlägt ... Es klingt vielleicht paradox, aber gerade dort, wo ich mich gehalten fühle, wo ich festen Boden habe – da bin ich frei.

Franziska Jeremia Madl ist Dominikanerin und Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. Ihre Praxis führt sie aus rechtlichen Gründen unter ihrem zivilen Namen Alexandra Madl.   
freiheit@koopredaktion.at

Autor:
  • Michael Masseo Maldacker
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